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Premiere

„Ich suche den Nahkampf“ – Der Dramatiker Necati Öziri über sein Stück „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“ am Gorki


War Heinrich von Kleist ein Rassist? Der Dramatiker Necati Öziri über Sklavenaufstände und sein Stück „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“

Necati Öziri, geboren 1988 in Datteln im Ruhrgebiet, ist seit seinem 18. Lebensjahr deutscher Staatsbürger. Er hat Philosophie und Neue Deutsche Literatur in Bochum, Istanbul, Olsztyn und Berlin studiert und an der Ruhr-Universität Bochum formale Logik unterrichtet. Öziri war künstlerischer Leiter des Studio am Maxim Gorki Theater. 2017 zeigte das Gorki die Uraufführung seines Stücks „Get deutsch or die tryin’“. Seit 2017 leitet er bei den Berliner Festspielen das internationale Forum des Theatertreffens. Foto: Esra Rotthoff

tip Herr Öziri, das Stück, das Sie bekannt gemacht hat, „Get deutsch or die tryin’̓“, war stark autobiografisch. Weshalb wechseln Sie jetzt zum Format einer groß dimensionierten Klassikerbearbeitung?
Necati Öziri Eine Frage verfolgt mich in meiner Arbeit: Wann ist politische Gewalt gerechtfertigt? „Get deutsch or die tryin’“ ist für mich ein Kommentar auf den Militärputsch in der Türkei und seine Folgen auf Familien, Kindheiten, Lebensläufe. Dieselbe Frage nach politischer Gewalt steht auch über „Die Verlobung in St. Domingo – ein Widerspruch“. Diesmal wollte ich wissen: Wie umgehen mit unseren gewalttätigen Geschichten?

tip Und weshalb das Format der Überschreibung eines Klassikers der deutschen Literatur des frühen 19.Jahrhunderts?
Necati Öziri Ich selbst bezeichne meine Texte eigentlich nicht als Überschreibung. Das meint nämlich häufig, einen Text zu nehmen, den man im Kern toll findet, und den Konflikt ins Heute zu holen und weiter zu schreiben. Ich habe nichts übrig für affirmative Kunst. Ich nehme Texte, um gegen ihre Intention anzuschreiben. Daher schreibe ich eher Widersprüche. Gewissermaßen suche ich den Nahkampf.

tip Der Klassiker, gegen den Sie „Widerspruch“ einlegen, Kleists Novelle „Die Verlobung in St.Domingo“, handelt von einem blutigen Sklavenaufstand in der Karibik und einer stark romantisch verzerrten Liebesgeschichte zwischen einer 15-Jährigen aus dem heutigen Haiti und einem Schweizer, dem weißen Vertreter einer westlichen Aufklärung. Das ist eine doppelte Projektion: die Angst-Lust-Phantasie des weißen Europäers von grausam mordenden Schwarzen und die sexuell aufgeladene Männerphantasie des unschuldigen, errötenden Mädchens. Wie sieht Ihr Widerspruch aus?
Necati Öziri Kleist wurde nicht vom aufklärerischen Beginn der französischen Revolution geprägt, sondern von der Angst vor der Guillotine, von Napoleon und seinen Eroberungskriegen. Daher war er zutiefst Anti-Revolutionär. Mit dieser Brille betrachtet er auch die Revolution auf Haiti – und deshalb sind die Revolutionäre, die ehemals Versklavten, bei ihm monströse Figuren des Hasses. Kleist manipuliert: Sein historisches Setting zeigt nur die Gewalt der Schwarzen, er zeigt den bedrohten und idealisierten weißen Helden. Die Revolutionäre haben kaum Hintergrundgeschichten oder Motive, die Hauptfigur bleibt ein naives Abziehbild. Überall da, wo Kleist verkürzt, ausspart, weglässt, habe ich angefangen zu schreiben. Und keine Zeit für Romantik: Meine Hauptfigur definiert sich nicht über Liebe/Emotionen/Sexualität, sondern sucht einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt.

tip Und weshalb ist dieser Widerspruch notwendig? Man könnte den Kleist-Text ja auch als historisches Dokument lesen, eine verräterisch rassistische, sexistische Lust-Angst-Phantasie aus der Ideologie- und Gewalt­geschichte Europas, die sich selbst kommentiert.
Necati Öziri Könnte man, tun aber die wenigsten. Er ist und bleibt Kanon, der immer noch so aufgeführt wird. Ich habe mir den Kleist nicht ausgesucht. Stattdessen verfolgt er mich: Erst in der Schule, dann im Studium, dann im Theater. Und immer hieß es: Das sei nicht rassistisch, das ist als Dokument des Rassismus zu lesen. Der Text als solcher führt aber fast immer zu rassistischen Inszenierungen. Wenn ein Mann auf der Bühne eine Frau schlägt und dann hinterher sagt, das war jetzt übrigens sexistisch, macht es das noch nicht besser. Damit wurde die Gewalt noch nicht dekonstruiert. Genauso verhält es sich mit Rassismus. Etwas abzubilden und etwas zu brechen, ist ein Unterschied. Kunst ist kein einfacher Spiegel der Gesellschaft, sondern ein gebrochener, eingeschlagener Spiegel, der den Blick anders zurückwirft, die Welt anders ordnet.

Maryam Abu Khaled in „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“, Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

tip Weshalb gibt es die Regieanweisung, dass in jeder Inszenierung „mindestens zur Hälfte Schwarze Menschen und Menschen mit Rassismuserfahrung besetzt werden“ müssen?
Necati Öziri Meine „Quote“ zielt auf die Repräsentation marginalisierter Körper auf der Bühne. Ich habe keine Lust mehr auf Theater, das nur relevant ist. Ich will Theater, das eine Wirkung hat. Also schreibe ich andere Figuren, um die Theater zu zwingen, ihre Ensemblepolitik zu überdenken. Dafür war die Klausel notwendig. Sie richtete sich in erster Linie an potenzielle Nachspieler. Es geht auch nicht um Authentizität oder eine biologische Vorgabe – wer immer noch an Rassen im biologischen Sinne glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen. Es geht um die Einbeziehung einer sozialen Realität in den Arbeitsprozess. Kunstwerke tun ja nur so, als seien sie abgeschlossene Werke, eigentlich sind sie die ­Arbeitsprotokolle ihrer eigenen Entstehungsprozesse. Durch die Einbeziehung von Schauspielern mit Rassismuserfahrung soll qua Form in den Prozess fließen, was das Stück inhaltlich will.

tip Welches Recht hat eigentlich ein weißer Europäer wie Sie, in einem literarischen Kunstwerk den fiktiven Text schwarzer Revolutionäre in der ­Karibik zu formulieren – als bräuchten die Kolonialisierten Souffleure aus Europa?
Necati Öziri Interessant, wann ich als weißer Europäer, Abendländer, Deutscher und so weiter gelte und wann nicht. Als Artist of Colour hänge ich mich an die Hauptfigur Toni, die zu den Free People of Colour gehört und – jetzt mal extrem verkürzt gesprochen – die Position zwischen Schwarz und Weiß einnimmt. Aber das spielt für mich eigentlich keine Rolle. Entscheidend ist: Rassismus ist nicht das Problem der „Anderen“. Es ist unser aller Problem. Wir müssen uns genauso damit auseinandersetzen. Und es geht mir nicht um Haiti, es geht um unseren Umgang mit unserem, das heißt deutschen, Kanon. Und Sie haben vollkommen Recht: Natürlich ist das ein Problem, natürlich reproduziere ich bewusst oder unbewusst selbst auch Gewalt, alleine schon als Mann, der Frauenfiguren schreibt. „Widerspruch“ steht nicht nur für „widersprechen“. Das Widersprüchliche besteht in dem Dilemma, es besser machen zu wollen als Künstler hier und heute, und doch zu wissen, dass man nur scheitern kann. In der Hoffnung, dass bald schon jemand kommt, die mir widerspricht, die mich korrigiert. Denn wir sind ja alle nur blutige Anfänger, am Anfang einer ernsthaften Auseinandersetzung mit unseren Verbrechen. Auf jeden von uns wird jemand folgen, die oder der diese verzweifelte Suche weitertreibt.

Termine: Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch am Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte

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