• Kultur
  • Theater
  • Im Gespräch mit Bettina Masuch über 25 Jahre Tanz im August

Theater

Im Gespräch mit Bettina Masuch über 25 Jahre Tanz im August

Bettina-MasuchFrau Masuch, im Jubiläumsjahr von Tanz im August sehen wir viele Helden der 80er-Jahre, die noch einmal einige ihrer frühen Arbeiten zeigen. Ist das Nostalgie oder eine Selbsthistorisierung der alten Tanz-Avantgarden?
BETTINA MASUCH
25 Jahre Tanz im August ist natürlich eine Gelegenheit zurückzublicken: Was ist in den letzten 25 Jahren künstlerisch passiert? Als das Festival 1988 gegründet wurde, gab es kaum internationalen Tanz in Berlin. Es war eine Pioniertat, Aufführungen aus den Metropolen des Tanzes, damals vor allem New York und Paris, in Berlin zu zeigen. Damit hat sich auch hier die Szene ganz anders internationalisiert und für neue Ästhetiken geöffnet. Für mich ist es interessant, zu fragen, ob diese Arbeiten nur damals relevant waren oder welche wir heute als zeitlose Klassiker sehen können. Es war ja im zeitgenössischen Tanz im Gegensatz zum Ballett lange üblich, sich einer Tradierung, einem Kanon zu verweigern, es ging um das Flüchtige, die Feier des Moments. Traditionen und Referenzen sind aber immer Teil von zeitgenössischen Entwicklungen. Man muss mittlerweile einfach sehen, dass es eine Tradition der Avantgarde gibt, in der wir uns alle bewegen, auch wenn das im Tanz vielleicht nicht so offenkundig ist wie im Theater oder der bildenden Kunst.

Die große Behauptung der Avantgarde, mit ihr beginne etwas völlig Neues, sie sei historisch voraussetzungslos, ist obsolet geworden?
Finde ich schon. Interessant wird es, wenn man diesem Aufbruch von damals gegenüberstellt, was heute geschieht. Dass Choreografen wie Steve Paxton, Trisha Brown, Lucinda Childs oder im Theater jemand wie Jan Fabre ihre frühen Arbeiten noch einmal aufnehmen, hat sicher auch mit dem Älterwerden der Künstler zu tun, aber auch damit, sich zu einer Tradition zu bekennen und zu versuchen, ein Repertoire festzuhalten. Das ist ein Angebot dieser Ausgabe von Tanz im August: historisches Bewusstsein zu entwickeln und Traditionslinien sichtbar zu machen. Dabei ist man damit konfrontiert, dass es im zeitgenössischen Tanz kaum Compa­gnien gibt, die in der Lage sind, ihr Repertoire zu pflegen. Steve Paxton habe ich in New York getroffen und ihn gefragt, ob er eines seiner Stücke aus den 80er-Jahren noch einmal zeigen will. Seine Reaktion war etwa: Wie kommst du denn auf so eine Idee? Aber irgendwann hat ihm die Vorstellung gefallen, sich selbst noch einmal mit einer seiner frühen Arbeiten zu konfrontieren. Bei Trisha Brown, einer der Ikonen dieser Zeit, war es ein Glücksfall, dass ihre Compagnie ihre frühen Arbeiten wieder aufgenommen hat. Dass sie ihre „Early Works“ in Berlin im Museum – im Hamburger Bahnhof – zeigt, ist natürlich nicht als Signal einer Musealisierung gemeint, sondern diese Stücke sind damals so entstanden. Interessanterweise wandert derzeit der Tanz öfter ins Museum. Die Tate Modern in London zum Beispiel öffnet einen Performance Space.

Emanuel_GatDie Tanzkritikerin der „Süddeutschen Zeitung“, Eva Elisabeth-Fischer, hat die Festival-Dominanz der alten Avantgarde-Helden vor Kurzem als Indiz des Stillstands im zeitgenössischen Tanz gedeutet: „Die Stars des Postmodern Dance sind um die 70 und älter. Im Programm des Tanz im August wirken Trisha Brown und Steve Paxton wie eine Hommage an die Vergangenheit. Zu den großen Namen der Achtzigerjahre haben sich nur wenige neue hinzugesellt. Da stellt sich die Frage, ob sie künstlerisch wirklich so übermächtig sind, dass ihnen niemand die Stirn bieten kann, oder es zumindest nicht wagt“, schreibt sie. Hat sie recht?
Der Tanz hat sich natürlich weiterentwickelt. Was große Künstler wie Trisha Brown oder Steve Paxton losgetreten haben, hat den Tanz verändert, weg von der puren Virtuosität, Verwenden von alltäglichen Bewegungen, kein Unterschied zwischen Publikum und Bühne bis sich diese Differenz zwischen Kunst und Alltag, Leben nahezu auflöst. Ich glaube, dass das derzeit neu befragt wird. Deswegen finde ich die Produktion von ­Trajal Harrell so interessant, weil er eine fiktive Begegnung zwischen weißer und schwarzer New Yorker Tanzavantgarde der 70er-Jahre herstellt. Die Weißen zielten auf die Demokratisierung des Tanzes, den „Pedestrian“, die Schwarzen im Gegenteil auf die Feier, die Glorifizierung und Glamourisierung des Körpers, larger than life. Das bringt Trajal Harrell zur Kollision. Das sind große Themen im zeitgenössischen Tanz: der Exzess, die Clubs. Grundsätzlich hat sich das Feld dahingehend entwickelt, dass es kaum noch Stars gibt. Es ist ein anderer Künstlertypus entstanden. Es geht heute weniger um herausragende Einzelne, sondern um eine Vielzahl von Handschriften.

Wie hat sich der zeitgenössische Tanz in den letzten 25 Jahren verändert? Wie zeigen sich diese Veränderungen in Ihrem Festival?
Viele Gastspiele kommen nicht aus Europa oder den USA, sondern aus den neuen Me­tropolen des zeitgenössischen Tanzes, aus Rio de Janeiro, Singapur oder Indien. Was einem dort begegnet, sind Produktionen, die mit einer ganz anderen Dringlichkeit entstehen. Die Choreografen sind durch die Schule des Konzepttanzes gegangen, aber sie haben die Studiotür wieder aufgemacht, sie setzen sich mit der eigenen Lebensrealität, mit Gesellschaft und Geschichte auseinander. Das ist durchdrungen von traumatischen, postkolonialen Konflikten, auch von ökonomischem Druck. Es entstehen Choreografien, die wieder narrativer, auch musikalischer, nicht mehr so abstrakt sind und politisch Stellung beziehen. Es geht nicht mehr nur darum, dass der Tanz seine eigenen Mittel reflektiert. Das Festival beginnt mit Aufführungen von Trisha Brown und Steve Paxton – und am gleichen Abend mit einer Arbeit von Faustin Linyekula, derzeit einem der wichtigsten Choreografen aus Afrika. Das ist für mich ein Statement: Die wichtigen Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz finden nicht nur in den reichen Ländern statt.

ElMeddeb_NoLimitesTanz im August ist eines der wichtigsten Festivals für zeitgenössischen Tanz in Europa – allerdings ist es mit einem Etat von 800?000 Euro relativ bescheiden ausgestattet. Nur zum Vergleich: Die Ruhrtriennale etwa hat 13 Millionen Euro, bei den Wiener Festwochen sind es stolze 13,8 Millionen. Ist Ihr Festival unterfinanziert?
Wenn wir nicht nur kleine und mittelgroße Produktionen einladen wollen, wird es eng. Die Reisekosten haben sich nahezu verdoppelt. Durch die Wirtschaftskrise ist es wesentlich schwieriger geworden, Drittmittel zu bekommen. Früher haben öfter die jeweiligen Botschaften die Reisekosten für die internationalen Gastspiele übernommen. Das gibt es heute kaum noch. Die anderen Berliner Bühnen stehen ihrerseits unter ökonomischem Druck. Früher konnte das Festival Bühnen anderer Theater und der Opernhäuser praktisch zum Selbstkostenpreis nutzen. Heute müssen wir dafür deutlich höhere Mieten zahlen.

Stört Sie die Konkurrenz des Festivals ­Fo­reign Affairs, das im Juli mit Tanzstücken von William Forsythe, Boris Charmatz und Anne Teresa De Keersmaeker Aufführungen zeigte, die genauso gut beim Tanz im August hätten laufen können? Anne Teresa De Keersmaeker war ja schon beim Tanz im August.
Grundsätzlich ist es natürlich immer eine Bereicherung, wenn Arbeiten dieser Künstler in Berlin zu sehen sind. Als Festival-Leiterin finde ich ein Festival, das zeitnah in der gleichen Stadt ein ähnliches Programm zeigt, natürlich problematisch. Ich sehe es als eine Herausforderung, das eigene Profil zu schärfen.

Wäre bei dieser programmatischen Nähe und der knappen finanziellen Ausstattung beider Festivals eine Bündelung der Kräfte nicht sinnvoller?
Ich finde es wichtig, dass es ein Festival gibt, dass sich auf die Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Tanz konzentriert. Berlin hat noch immer kein wirkliches Zentrum für zeitgenössischen Tanz, es gibt kaum große Produktionen in der Stadt. Auch das HAU kommt da an seine Grenzen. Vieles an neuem, aufregendem Ballett kommt in Berlin einfach nicht vor. Der Tanz im August kompensiert eigentlich nur, dass es in Berlin kein Tanzhaus gibt. Ein Haus wie das Sadler’s Wells Theatre in London zeigt das ganze Jahr über nichts anderes als zeitgenössischen Tanz. Das fehlt in Berlin. Die Berliner Tanzszene leidet darunter, dass nicht langfristig in Künstler investiert wird. Die Förderung ist breit gestreut. Jeder kriegt ein bisschen. Dadurch kommen Tanz-Künstler in Berlin schnell an die Grenzen ihrer Entwicklung.

Chaignaud_bengolea_twerk02Sie haben lange als Tanz-Kuratorin am HAU gearbeitet, in den vergangenen fünf Jahren haben Sie das Springdance Festival in Utrecht geleitet. Mit dem Blick von außen: Kommt Ihnen die Berliner Tanzszene, trotz Sasha Waltz und Constanza Macras, etwas ausstrahlungsarm vor?
Berlin braucht das Fenster nach draußen und eine langfristige Perspektive für künstlerische Entwicklungen. Es tauchen immer wieder junge Choreografen auf, die ein, zwei vielversprechende Arbeiten machen. Dafür ist die Infrastruktur in der Stadt gut. Der nächste Schritt ist in Berlin sehr schwer – viele Talente kommen nicht über das Niveau ihrer ersten Arbeiten hinaus. Was im Sprechtheater automatisch passiert, dass sich Talente entwickeln, dass sie an größeren Bühnen, mit langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten und einer besseren Infrastruktur arbeiten können, das fehlt in Berlin im Tanz. Die Künstler verbrennen sich in diesem nomadischen Produzieren und Koproduzieren. Weil sie prekär finanziert und von vielen Produktionspartnern abhängig sind, sind sie gezwungen, relativ taktisch zu denken. Die Frage für Berlin wird sein, mit welchen ästhetischen Entwicklungen will sich die Stadt bei der heutigen Vielfalt in Zukunft profilieren?

Produzieren diese Abhängigkeiten zwangsläufig Opportunismus?
Die Gefahr kann man sehen. Pina Bausch oder William Forsythe hatten, angedockt an Stadttheater, eine Infrastruktur, die es ihnen erlaubt hat, sich relativ autonom künstlerisch zu entwickeln. Dadurch konnten sie wachsen. Das fehlt dem Tanz in Berlin. Es ist eine Generation von Künstlern entstanden, die keine oder kaum lokale Anbindungen mehr hat, weil sie von Projekt zu Projekt, von Ort zu Ort ziehen. Damit fehlt aber auch soziale Reibung. Das Verhältnis zum Publikum und zum Aufführungsort wird unverbindlich und beliebig. Anfang der 80er-Jahre, als sich dieses System entwickelt hat, hat man das als Befreiung empfunden. Heute ist diese nomadische Produktionsweise mit ihrer Ortlosigkeit für viele Künstler erschöpfend und frustrierend. Dass so wenig neue, starke Talente sichtbar werden, liegt an den dysfunktionalen Förderstrukturen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, nach dem Ende der Intendanz von Claus Peymann am Berliner Ensemble und von Frank Castorf an der Volksbühne eines der beiden Theater zu einem Tanzhaus zu machen.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Monika Rittershaus, Emanuel_Gat, Christophe_Raynaud_deLage/WikiSpectacle, JeanMarie Legros

Tanz im August: 16.-31.8.2013;
zum Programm

 

Kartenverlosung:

5×2 Freikarten für The Goldlandbergs“ am 23.8., 20 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.

Mail bis 20.8. an [email protected], Kennwort: Goldlandbergs – Tanz im August

 

Avantgarde revisited: Trisha Brown und Steve Paxton, Legenden des Post
Modern Dance, eröffnen den „Tanz im August“,
bei Trajal Harrell
kollidieren schwarzer und weißer Tanz 

Festival-Highlight bei Tanz im August 2013: Faustin Linyekulas „Drums and ­Digging“ aus dem Kongo

Startseite Theater und Bühne

 

 

Mehr über Cookies erfahren