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Im Gespräch mit der Schlingensief-Witwe Aino Laberenz

Operndorf_Burkina_FasoFrau Laberenz, wann waren Sie das letzte Mal in Burkina Faso?
Ende letzten Jahres. Erst zur Schuleröffnung und dann noch einmal. Und jetzt werde ich langsam wieder kribbelig, weil ich eine Weile nicht da war.

In welchem Zustand befand sich bei Ihrem letzten Besuch das Operndorf?
Wir hatten die Schuleröffnung gefeiert, das war ein Riesenwirbel. Aber ich muss auch lernen, dass ich nicht ständig vor Ort sein kann. Ich habe dort ein Organisations-Team aufgebaut, ein Gremium mit Künstlern, die das Programm der Schule mitgestalten. Wir sind immer mit den Lehrern in Kontakt. Vor Kurzem habe ich geträumt, dass in dem Dorf überall Elefanten waren. Die haben mit Wasser gespritzt. Und Nashörner waren auch da – während die Kinder ganz normal in die Schule gingen. Außerdem gab es eine kleine, von Kerzen erleuchtete Kirche. Ich bin hi­neingegangen und habe mir gedacht: Hm, ist doch schön hier. Es läuft doch.

Welcher Teil des Dorfes ist fertig und was muss noch gebaut werden?
Christoph hatte für den Bau des Operndorfes drei Bauphasen entwickelt. Für ihn war es wichtig, bei den Kindern, dem Ursprung, anzufangen. Burkina Faso hat eine hohe Analphabetenrate, es gibt zu wenig Schulen. Deshalb ist der Schwerpunkt der ersten Bauphase eine Schule. Dazu gehören Lehrerwohnungen, eine Filmklasse, eine Kantine. Es stehen da jetzt 16 Häuser.

Wieso eigentlich Burkina Faso?
Als Christoph 2009 in der Berlinale-Jury war, hat er Gaston Kaborй kennengelernt, der in seiner Heimat eine Filmschule aufgebaut hat. Das war der erste Andockpunkt. Weil Christoph das Operndorf effektiv und nachhaltig bauen wollte, hat er nach einem entsprechenden Architekten gesucht. Wir haben dann Francis Kйrй kennengelernt, einen in Berlin lebenden gebürtigen Burkinabй, der 2004 für seine in Burkina Faso in Lehmbauweise errichtete Schule den Aga-Khan-Preis gewonnen hatte. Das war ein weiterer Andockpunkt. Mit ihm hat Christoph dann diese Architektur der Schnecke entwickelt. Einmal, weil es eine Form ist, die langsam  nach außen wächst. Zum anderen hat sich Christoph aber auch umgeguckt und diese typischen Gehöfte in Burkina Faso gesehen. Die sind kreisförmig gebaut, das hat so etwas Schützendes.

Ist es schwer, dieses Projekt nach dem Tod von Christoph weiterzuführen?
Ich bin kein naiver Mensch. Ich weiß, dass ich eine Riesenverantwortung trage. Ich bin auch keine Juristin, deshalb habe ich den Berliner Rechtsanwalt und Kunstliebhaber Peter Raue um Rechtsbeistand und Unterstützung gebeten. Und ich habe Francis Kйrй gefragt, ob wir mit Christophs Plänen so weitermachen können. Dann habe ich in Burkina Faso zwei Baufirmen gesucht, die nach unseren Kriterien arbeiten. Die also mit vor Ort vorhandenen Naturmaterialien arbeiten und die bei der Realisierung des Operndorfes Ausbildungsplätze schaffen.

Aino_LaberenzWas wird als Nächstes gebaut?
Der Schwerpunkt der nächsten Phase ist der Bau der Krankenstation. Wir wollen uns im Bereich Zahnmedizin spezialisieren. Außerdem bauen wir jetzt eine Solaranlage. Die Stromgewinnung in Burkina Faso läuft über Wasser, obwohl es ein extrem trockenes Land ist. Sonne hingegen gibt es in Burkina Faso extrem viel. Wir haben das Glück, einen Sponsoren gefunden zu haben, der einen Teil der Solaranlage mitfinanzieren möchte.

Sie wollen Kunstwerke von rund 70 renommierten Künstlern versteigern lassen. Wie viel Geld fehlt noch für das Operndorf?
Mit den Geldern aus der Auktion wollen wir den Bau der Krankenstation finanzieren. Wobei mir sehr wichtig ist, dass das Operndorf keinesfalls nur als eine Art Entwicklungshilfe begriffen wird. Denn warum soll ich als Europäer, der noch nicht einmal dort leben kann, denen erzählen, wie das Leben dort besser funktioniert? Das Operndorf ist ein Kunstprojekt, das sich ganz langsam wie ein Organismus entwickelt. Dabei ist es wichtig, dass ich vor Ort gucke: Was wollen die von mir? Dieses Ziel braucht Zeit.

Wie viel Geld wurde bislang verbaut?
Ungefähr 590?000 Euro.

Und wie viel Prozent gehen davon als Bestechungsgelder drauf?
Bisher mussten wir niemanden bestechen. Der nächste Schritt wird sein, dass ich mit  Rupert Neudeck, dem Gründer von Cap Anamur und den Grünhelmen, ohne Firmen arbeite. Er will Fachleute nach Burkina Faso schicken, die die Menschen vor Ort drei, vier Monate lang in Handwerken ausbilden und gemeinsam mit den Leuten die Krankenstation bauen. Mit diesem Konzept sozialen Bauens, mit Ausbildungsmöglichkeit für lokale Arbeitskräfte, besteht wenig Chance für Schmiergelder und krumme Geschäfte.

Burkina Faso tickt anders als der Westen. Sind Sie eine Abenteurerin?
Ich bin extrem von dem Projekt überzeugt. Ich könnte das nicht verwirklichen, wenn es nicht auch mein Projekt wäre. Außerdem kriege ich vor Ort sehr viel Bestätigung. Bei der Eröffnung der Schule gab es im Zusammenhang mit dem Goethe-Institut eine Diskussion. Ein Teilnehmer aus Deutschland kritisierte, was das für eine Schule sein solle, warum da nur drei, vier Räume seien. Ich wollte gerade zum Antworten ansetzen, als die Lehrer das Wort ergriffen und erzählten, wie viel „ihre“ Schule ihnen bedeutet. Das ist für mich der richtige Weg.

Wie haben Sie die Lehrer gefunden?
Ich habe mir in Ouagadougou Schulen und Projekte angeguckt. Dabei habe ich einen Lehrer kennengelernt, der unabhängig vom Staat Schulen aufgebaut hat. Den habe ich gefragt, was er zusätzlich zum normalen Grundschul-Stundenplan in seiner Schule anbietet. Dieser Lehrer ist jetzt in meinem Organisations-Team. Außerdem bin ich zu einem Verein gegangen, der Theater- und andere künstlerische Workshops für Lehrer anbietet. Burkina Faso hat das größte Filmfestival in Westafrika, außerdem eine riesige Theater-Szene und eine sehr vitale Musik-Szene und viele pädagogische Projekte, bei denen versucht wird, die Kunst Burkina Fasos in den Mittelpunkt zu stellen. Mit denen, aber auch mit der Bildungsministerin, habe ich versucht herauszufinden, wie man Kunst in einen Stundenplan einbetten kann.

Als Vorbereitung für den Opernbetrieb?
Gerade am Anfang hat Christoph mit dem Begriff der „Oper“ etwas ausgelöst und auch auslösen wollen. Dabei hat er im gleichen Atemzug gesagt, dass er nicht vorhabe da eine Oper im westlichen Sinne hinzusetzen. Er hatte nicht vor, den Leuten in Burkina Faso zu zeigen, wie Musik funktioniert. Für ihn war wichtig, von Afrika zu lernen oder, übertrieben gesagt, Afrika zu beklauen. Die haben da einen Schatz, den wir nicht haben.

Ist das Bauen des Operndorfes Ihre Art von Trauerarbeit nach dem Tod von Christoph?  
Ich finde den Begriff „Trauerarbeit“ sehr schwierig. Den Schmerz, den ich durch Christophs Tod habe, werde ich niemals verlieren. Ich will auch gar nicht davor wegrennen. Auch die Umsetzung von Christophs Pavillon bei der Biennale in Venedig kurz nach seinem Tod war für mich keine Trauerarbeit. Ich wollte diese internationale Plattform für Christoph nutzen. Die Biennale war ein Anlass, dass Christoph ernst genommen und in seiner Arbeit gesehen wird. Das kann ich sehr gut von meinen Emotionen trennen.

Und bei dem Operndorf?
Hätte ich die Arbeit daran nicht nach einem Monat wieder aufgenommen, dann wäre es verschwunden. Dabei bedeutet mir das Operndorf sehr viel. Auch, weil Christoph vor Ort sehr konkret da ist. Die Toten, die Ahnen, spielen in Burkina Faso eine ganz konkrete, ganz andere Rolle als bei uns. Christoph ist da weiterhin vorhanden, der wird befragt. Das hat mir sehr geholfen. Da bekommt man nach so einem Schmerz etwas sehr, sehr Schönes zurück.

Haben Sie noch Zeit, sich auch mit anderen Dingen als dem Operndorf zu beschäftigen?
Ja, klar. Nur dass das Operndorf für mich jetzt einen ganz anderen Raum einnimmt. Nach der Schuleröffnung habe ich sechs Wochen wieder als Kostümbildnerin gearbeitet. Mir war es wichtig, den Kopf auch mal woanders hinzukriegen. Auch wenn ich nach Christophs Tod und dem Operndorf erst einmal gebraucht habe.

Was meinte Christoph Schlingensief damit, als er davon sprach, dass wir in Afrika auch etwas von einem Schatz „klauen“ könnten?
So, wie in unserer Gesellschaft etwa mit dem Tod umgegangen wird, merke ich, dass wir es schwer haben, uns auf etwas wirklich einzulassen. Sich zurückzustellen und nur zu beobachten, zu lernen. Man muss das nicht, wie Christoph, „klauen“ nennen. Was wissen wir schon von Afrika? Alle Bilder, die wir darüber haben, stammen von uns selber. Wir schicken da Korrespondenten hin, die Fotos machen. Dabei wäre es wichtig, sich die Bilder der Afrikaner anzuschauen, ihre Geschichten zu hören. Christoph hat ein einmal ein schönes Projekt mit Kindern gemacht: Er hat denen Kameras in die Hand gedrückt und sie machen lassen. Die haben damit festgehalten, was ihnen wichtig war. Das waren manchmal nur Töpfe. Wunderschöne Bilder.

Können wir uns da etwas abgucken?
Bestimmt! Man lässt sich dort auf eine andere Zeit ein, man muss sich wirklich in einen anderen Rhythmus begeben. Das ist nicht nur das Klima, die Hitze, mit der man umgehen muss. Es kommt alles zusammen. Wie man sich da bewegt, der Umgang mit der anderen Kultur, den Ritualen. Da ist man echt fremd und sollte einfach nur mal zugucken. Da werden auch die Sinne geschärft.

Welchen Anteil haben Sie bei der Ideen­findung für das Operndorf gehabt?
Na, ich war immer mit dabei. Das war so wie bei vielen anderen Projekten von Christoph. Wir waren immer im Diskurs. Klar ist, dass er der Motor war. Er hat da was angeschoben und Leute inspiriert. Ich merke jetzt erst, was ich in den letzten sieben Jahren von ihm alles gelernt habe.

Gilt das für das ganze Werk von Christoph Schlingensief? Dass es erst im Nachhinein in seiner Bedeutung erkannt wird?
Ich glaube, es ist schwer, Christoph zu verstehen. Er war ein Mann der Widersprüche. Christoph ist nie stehen geblieben. Er hat sich gesagt: Warum soll ich heute nicht anders denken dürfen als gestern? Er ist nie richtig anerkannt worden. Im Film, in der Kunst. Auch wenn er so Höhepunkte hatte. Die Container-Aktion in Wien war ein Höhepunkt. Oder Bayreuth. Und auch Venedig. Trotzdem hat er immer sehr lange gebraucht, um anerkannt zu werden, weil er nicht so einfach zuzuordnen war. Er war Filmer, Schauspieler, er machte Hörspiele, Theater. Dabei haben andere Regisseure gesagt: Das ist doch kein richtiger Regisseur. Christoph hat immer gekämpft, ernst genommen zu werden. Wenn man ihn verständlich machen oder ihn als Einheit erklären würde, dann würde man ihn beschneiden.

Bekommt er diese Anerkennung nun posthum für das Operndorf?
Das Operndorf ist etwas ganz anderes. Christoph hat gesagt: Die brauchen hier keinen Schlingensief. Er war sich bewusst, dass er die Fertigstellung des Operndorfes nicht erleben wird. Er hat dem einen Weg gegeben, dass es irgendwann eigenständig bestehen soll. Ohne ihn. So hat er gesagt: Die sprechen da Französisch. Ich lerne absichtlich kein Französisch, denn ich will denen ja nichts erzählen, nichts vorschreiben.

OperndorfWann kann man mit ersten Veranstaltungen im Operndorf rechnen?
Die Errichtung des Festspielhauses gehört zur letzten Bauphase. Ich kann mir vorstellen, dass wir erst einmal so etwas wie Kino machen, denn wenn man aus Ouagadougou rausfährt, dann sieht man, dass die Leute dort kaum Zugang zu ihrem eigenen Film haben. Und dass man den Ort als Plattform begreift, wo die Kinder ihre Ergebnisse, sei es Tanz, Musik oder was weiß ich, zeigen können. Ich will dem Zeit geben und sehen, wie die Kinder sich selber ihren Raum nehmen.

Soll im Operndorf in erster Linie Kultur aus Burkina Faso stattfinden?
Ich denke, wir fangen erst mal mit einem innerafrikanischen Austausch an. Auch im Zuge der kommenden Auktion haben mir Künstler gesagt, dass sie gerne mal dort zugucken möchten. Ich finde, das ist ein total schöner Gedanke, denn ich möchte den Leuten in Burkina Faso nicht schon ganz früh etwas vorsetzen, was nicht von denen ist.

Wie ist eigentlich für die kommende Auktion diese beeindruckende Liste an beteiligten Künstlern mit Leuten wie Marina Abramovic, Pipilotti Rist, Christo oder Georg Baselitz zustandegekommen?
Wir haben im Dezember letzten Jahres Künstler angeschrieben, zu denen wir Kontakte haben. Matthew Barney etwa. Er und Christoph hatten einen guten Draht zuei­nander, die haben sich gemocht. Ich habe ihm geschrieben, dass Christoph das Operndorf als eine soziale Plastik begriffen hat, dass ich nun eine Auktion machen möchte und ob er uns dafür etwas geben würde. Er hat sofort geantwortet, er freue sich, als Künstler an so einer Idee teilnehmen zu können. Andere Künstler haben ähnlich reagiert. Dabei bin ich in der Kunstwelt noch gar nicht so richtig zu Hause, viele Galerien kenne ich noch nicht. Außerdem habe ich eine extreme Scham. Ich bin nicht so umtriebig wie Christoph, der alle schnell mit ins Boot holt. Ich habe erst mit der Eröffnung der Schule gelernt zu sagen: Das habe auch ich gemacht. Ich habe jetzt gelernt, meine Schamgrenze auch mal zu übertreten. Ich sage mir dann, es geht ja jetzt gar nicht um mich, sondern es geht um etwas, woran ich glaube. 
    

Interview: Eva Apraku, Stefanie Dörre
Fotos: Michael Bogar, David von Becker, Aino Laberenz


www.auktion3000.com

 

INTERVIEW MIT DEM OPERNDORF-ARCHITEKTEN (2010)

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