Theater

Im Gespräch mit Galerist Matthias Arndt

ArndtZum Jahresende wird er das Format wechseln und als Agent und Berater arbeiten. Die Räume an der Potsdamer Straße behält er. Der 43-Jährige über den Wandel des globalen Kunstmarkts, Spontankäufe und das Gallery Weekend.

tip: Herr Arndt, gerade waren Sie auf der Messe in Mexiko, dann ging es schon weiter zur Art Cologne. Wie viel Zeit verbringen Sie eigentlich in Berlin?

Matthias Arndt: Maximal zwei Wochen pro Monat. Zur Hauptsaison im Mai, Juni und im Herbst zu den Auktionen in London und New York bin ich fast drei Wochen im Monat unterwegs.

tip: Zum Jahresende stellen Sie den Galeriebetrieb ein und bereisen fortan als Agent und Kunstexperte die Welt. Ist das normale Galeriegeschäft ein Auslaufmodell?

Arndt: Galerien wird es als Ausstellungs- und Verkaufsorte von Kunst immer geben, jedoch braucht es in einem vollkommen globalisierten Markt ein neues Format, an dessen Entwicklung ich arbeiten werde. Sammler, Künstler und Museen agieren international vernetzt und unabhängig, der Galeriebetrieb ist jedoch auf ein Programm und dessen „territoriale“ Vertretung lokal begrenzt. Hier ergeben sich Widersprüche und Interessenskonflikte, die den Galeristen hemmen. Außerdem verändert sich der Markt: Das Geschäft findet zunehmend außerhalb der Galerien statt, die internationalen Messen generieren zusätzlichen Aufwand. Ich habe in den letzten 18 Jahren ausschließlich von meinem Kerngeschäft und Verkäufen aus dem Programm gelebt. Viele der Kollegen jedoch bestreiten ihre Kosten großenteils aus dem Kunsthandel und begeben sich hier in die Konkurrenz zu den Händlern und Auktionshäusern, die wiederum in den Primärmarkt eindringen. Das sind spannende Entwicklungen, die mich nicht ängstigen. Doch in einem sich stetig verändernden und erweiternden Markt an einem überholten Status quo festzuhalten ist meine Sache nicht. Ich will mich erneuern und meinen Radius erweitern.

tip: Was hat Sie zu dem Schritt bewegt, Ihre Kräfte fortan in der Beratung von Sammlern, Firmen, Museen und Künstlern einzusetzen?

Arndt: Die Galerie habe ich 1994 eröffnet, um meiner Leidenschaft für die Kunst eine Form und den Künstlern einen Raum zu geben, sie in ihrer Karriere zu unterstützen und dabei auch Berlin als Kunststandort voranzubringen. Dieser Teil meiner Mission ist erfüllt, und darauf bin ich stolz. Die Arbeit geht aber weiter: Künstler wie private und öffentliche Sammlungen haben angesichts eines globalisierten Marktes einen gesteigerten Beratungsbedarf. Für die nächsten 20 Jahre wird der Raum Asien und Pazifik ökonomisch und damit auch kulturell eine zentrale Rolle spielen. Entsprechend werde ich dort einen großen Teil meiner Zeit verbringen und westliche Künstler und Sammlungen hinsichtlich ihres Engagements in Asien beraten und umgekehrt.

tip: Könnte Ihr Vorbild Schule machen?

ArndtArndt: Ganz sicher. Ich bin überrascht von der Euphorie, mit der die meisten bisher Eingeweihten meiner Idee begegnen. Gilbert und George, die mit ihrem Gesamtwerk eine universale Vision verfolgen, unterstützen meinen Schritt ebenso wie die Sammlung, mit der ich seit gut zehn Jahren zusammenarbeite. Diese wollen wir künftig verstärken, gerade weil ich keiner bestimmten Gruppe und Interessen mehr verpflichtet bin. Am Schönsten aber war der Kommentar eines Berliner Kollegen der ersten Stunde. Er meinte, das sei ja super, dann können wir jetzt endlich zusammenarbeiten. Er wünscht sich ein Tor nach Asien. Aber ich rechne von Berlin aus auch mit Misstrauen. Wer etwas infrage stellt und beginnt, der setzt sich immer auch der Kritik aus. Wie mir auch 1994 viele sagten, dass Berlin als Kunststandort niemals eine Chance hätte. Den Rest der Geschichte kennen wir.

tip: Ihre Künstler stellen nun andernorts aus. Gleichzeitig wollen Sie aber in Ihren Räumen weiterhin kommerzielle und nichtkommerzielle Ausstellungen anbieten. Wie passt das zusammen?

Arndt: Teil meiner Arbeit über die letzten zwei Jahrzehnte war es, internationale Galerien für die Künstler zu rekrutieren. Ich freue mich, dass fast alle Künstler zusätzlichen starken Galeriesupport haben. Für die künftige Arbeit, zum Beispiel für Künstler aus Asien, strebe ich keine lokale „Vertretung“ an: Mein Raum in Berlin ist das Sprungbrett, von wo aus ich die Künstler in internationalen Galerien, Sammlungen und Museen platziere. Das Ziel ist die Unabhängigkeit, auf beiden Seiten. Chinesische Künstler verstehen dies zurzeit am besten. Sie vertreten sich ohnehin selbst, haben maximal internationale Agenten. Ein Berufsbild, das es bei uns bald auch zunehmend geben wird.

tip: Zum Gallery Weekend zeigen Sie „The Urethra Postcard Art“ von Gilbert & George. Ist das Ihre letzte Teilnahme an der Veranstaltung?

Arndt: Nicht, wenn es nach mir geht. Zwar entspricht mein neues Format, für das es noch keinen Namen gibt, vielleicht nicht dem klassischen Galeriemodell, doch werde ich die Räume in dem mir nach wie vor lieben europäischen Kunstzentrum Berlin weiter aktiv bespielen. Insofern hätte ich auch künftig spannende, international bedeutende Positionen beizusteuern, und um die ging es ja immer in Berlin, das seine Kunstlandschaft vorwiegend über zugereiste kreative Kräfte rekrutiert.

tip: Macht das Gallery Weekend aus Ihrer Sicht noch Sinn als eine Verkaufsveranstaltung, die immer größer wird?

Arndt: Mehr denn je!!! Das Berlin Gallery Weekend ist das ideale Format für Berlin: weil so viele herausragende Künstler aller Generationen hier leben und arbeiten, weil es so viele exzellente Galerien gibt und weil keine Messe der Welt diesen Gesamteindruck abbilden kann. Das Gallery Weekend ist für Berlin so wichtig wie die Auktionen für New York, die Art Basel für Basel und die Frieze Art Fair für London.

tip: Kommt den Rest des Jahres über auch jemand in die Galerien, der nicht bereits Kunde ist, und kauft etwas?

FLOWER-BEARArndt: Wenn auch 90 Prozent des Geschäfts hierzulande außerhalb der Galerien generiert wird, so bin ich doch immer wieder überrascht, wer in die Galerie-Ausstellungen kommt und in einem coup de foudre oder ganz gezielt Arbeiten erwirbt.

tip: Ist der Kunstmarkt übersättigt?

Arndt: Sagen wir es so: Die Auswahl ist gigantisch – weshalb der Laie schnell die Übersicht verliert und sich besser einem Galeristen oder einem Berater anvertraut, um aus den nationalen Trends und Strömungen das jeweils bedeutendste Einzelwerk auszuwählen.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: Oliver Wolff (Arndt); Gilbert & George / Arndt Berlin (unten)

The Urethra Postcard Art Of Gilbert & George“ Galerie Arndt, Potsdamer Straße 96, Tiergarten,
Eröffnung Fr 29.4., 16–21 Uhr,
Di–Sa 11–18 Uhr, 30.4.–27.8.2011;
Afternoon Tea & Book Signing with Gilbert
& George am Sa 30.4., 16–18 Uhr, www.arndtberlin.com

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