Theater

Im Gespräch mit Herbert Fritsch

der_biberpelzFritsch: Ich bin in meiner Arbeitsweise als Regisseur inzwischen absolut konservativ. Wir haben ein tolles Stück, wir nehmen den Text wie ein Readymade, und damit machen wir was, Punkt. Das ist besser als jedes Konzepttheater. Keine Fremdtexte, keine Collagen, keine Filmzitate,
nichts. Ich werde am Ende der Spielzeit an der Volksbühne „Die spanische Fliege“ von Arnold und Bach inszenieren, ein Boulevard-Stück aus den 20er-Jahren. Das ist saublöder, so richtig deutscher Humor, der konsequent niedrige Instinkte bedient. Damit will ich spielen. Dafür brauche ich keinen Metatext und keine Agamben- und Derridada-Zitate. Das machen ja schon die ganzen Musterschüler und Fleißarbeiter, mit Theoriezitaten rumfuchteln. Renй Pollesch ist toll, seine Imitatoren finde ich peinlich. Kein Mathematiker käme auf die Idee, eine perfekte Formel wie den Satz des Pythagoras zu ändern, nur um sich selbst wichtig zu machen. „Ödipus“ von Sophokles ist auch so eine perfekte Formel. Aber statt das einfach als wunderbares Readymade zu re­spektieren, wie das Pasolini in „Edipo Re“ gemacht hat, versucht jeder Streberprovinzregisseur diese perfekte Formel mit dem Irakkrieg oder den gerade modischen Theorie-Bausteinen zu vermischen und zu verwässern, weil er das für zeitgenössisch hält. Das ist völliger Schwachsinn.

tip: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie konservativ Regie führen?

Fritsch: Ich quäle die Schauspieler mit Arrangements, ganz altmodisch und superkonventionell. Arrangements bedeutet, ich lege fest, wer wann wo steht. Ich höre zu, wie sie sprechen und spiele vor, wie ich mir die Figur vorstelle. Nicht, damit sie das imitieren, aber das ist meine beste Möglichkeit, mich mitzuteilen. Ich bestehe auf bestimmten Abläufen, zumindest so lange, wie wir zusammenarbeiten. Ab der Premiere gehört die Aufführung sowieso den Schauspielern. Das ist wie in der Musik, wie bei einem Jazzquartett: Das Zusammenspiel braucht präzise Abläufe, und die muss man einüben. Wenn die Schauspieler diese superkonventionellen, braven Arrangements nur so runterspielen, wird es öde und interessiert völlig zu Recht keinen Menschen. Aber wenn sie mit vollem Überdruck in das Arrangement reingehen, mit Vollgas und gleichzeitig mit angezogener Handbremse, dann wird es spannend. Die kriegen teilweise keine Luft mehr, wenn sie spielen. Ich sage den Schauspielern, wenn es ihnen beim Spielen nicht schwarz wird vor den Augen, haben sie was falsch gemacht. Ich baue ihnen mit den Arrangements ganz primitive, saubiedere Startrampen, aber von denen können sie sich abschießen. Die Grundstruktur meinerInszenierungen ist bieder und langweilig. Wirklich, das ist so.

tip: Sie inszenieren gerne gut abgehangene Klassiker und Boulevardreißer der weniger subtilen Sorte. Auch in Ihrer Stückwahl legen Sie offenbar
keinen gesteigerten Wert da­rauf, so zu tun, als wären Sie besonders hip und diskurstechnisch auf der Höhe der Zeit.

Fritsch: Natürlich nicht. Ein Stück wie „Das Haus in Montevideo“ von Curt Goetz, das ich in Halle inszeniert habe, oder „Die spanische Fliege“…

tip: … also triviale Unterhaltungsware …

Fritsch: Ja, aber das Interessante an diesen Stücken ist ihre simple, etwas hölzerne Moral. Es werden altmodische Themen und altmodische Szenen abgehandelt. Da sagt jeder sofort: Was hat das denn mit uns heute zu tun, wir sind doch so supercool und ironisch und so unglaublich frei. Okay, dann inszeniere ich das eben als Science Fiction. Das spielt in einer Welt, in der die Menschen komische Probleme miteinander haben. Wie in „Alphaville“ von Godard, wo die Leute so drauf sind, dass sie
keine Liebe kennen. „Das Haus in Montevideo“ spielt bei mir in einer Galaxie weit draußen, im Jahre 4011. Da hat sich wieder etwas eingefunden, was es hier auch schon mal gab, so eine 50er-Jahre-Moral. Diese Moral ist nichts anderes als ein Handlungsgerüst, ein sehr interessantes. Da werden Leute von etwas geplagt, und genau das finde ich spannend. Eine beschissene Lockerheit interessiert mich nicht. Dieser lässige Tonfall ist das Widerlichste und Langweiligste überhaupt. Mich interessiert der Krampf, das Neurotische, zum Beispiel wenn Menschen mit sich selbst und mit so einer starren Moral nicht zurechtkommen. Das ist auf der Bühne total unterhaltsam, wenn man mit diesem Gerüst, mit diesem Moral-Korsett spielt wie mit einem etwas
perversen Spielzeug. Jetzt darf ich endlich mal total offen meine Verklemmungen ausleben! Das ist doch toll.

tip: Das ist das Gegenteil der optimistischen jungen Menschen, sie ganz weit vorne und gnadenlos mit sich selber einverstanden sind.

HerbertFritschFritsch: Genau, und natürlich wissen sie über alles Bescheid, schon weil sie in Berlin-Mitte wohnen. Das ist zum Kotzen. Ich weiß über gar nichts Bescheid. Ich bin dumm, schon aus Prinzip. Ich lese das Stück einmal durch und habe bei Probenbeginn alles wieder vergessen. Ich schaue mir den Text bei den Proben auch nie wieder an. Das sage ich auch den
Schauspielern: Ich bin der Dümmste hier am Ort, ich bin so blöd, dass Ihr mir alles ganz genau erklären müsst.

tip: Um es mal zusammenzufassen: Sie sind ein extrem dummer Regisseur. Sie finden hysterische Neurotiker unterhaltsam, wahrscheinlich, weil Sie
sich mit ihnen identifizieren können. Alles was Sie können, ist die Schauspieler in ein total biederes, spießiges Arrangement zu zwängen. Korrekt so weit? 

Fritsch: Völlig. Und dann schaue ich, ob das, was die Schauspieler machen, etwas bei mir auslöst. Sie können alles benützen: Überdrehen, körperliche
Expressivität, heftig werden. Voll in die Hysterie reingehen, aber die Zügel fest im Griff halten. Du schäumst, aber Du bist immer noch um die Ar-ti-ku-la-tion bemüht. Rasender Stillstand. Und wenn ich Pech habe, spielen sie an einem Abend halt nur ihren Stiefel runter. Die Ekstase lässt sich nicht auf Kommando abrufen.

tip: In der kommenden Spielzeit inszenieren Sie an großen Theatern in Köln, Hamburg, Berlin. In welchen Theatern hat Ihre Regiekarriere in den vergangenen Jahren Fahrt aufgenommen?

Fritsch: Halle, Oberhausen, Magdeburg, Schwerin, Leipzig, Bremen.

tip: Nicht gerade Theatermetropolen.

Fritsch: Nein. Die allererste Inszenierung habe ich in Luzern gemacht, da gab es dann eine einzige, winzige Besprechung in der Zeitung. Alle Kritiker
waren an diesem Abend in Zürich im Theater, weil da am gleichen Tag die Spielzeiteröffnung war. Dass ich angefangen habe, Regie zu führen, hat praktisch keiner mitbekommen. Ich war ziemlich unbeobachtet. Das war aber gut so, wie Rilke sagt: „Dichter, bleibe unbekannt.“ Meine nächste Inszenierung wurde dann nach zwei Wochen Probenzeit von der Intendanz beendet. Ich hatte das Gefühl, jetzt bin ich weg vom Fenster.

tip: Dachten Sie irgendwann, dass Sie eigentlich gar nicht Regie führen können?

Fritsch: So was würde ich nie denken. Ich schmeiße mich in alles rein. Ich frage nicht danach, ob ich es kann oder nicht.

tip: Wie war das, nach Jahren an der Volksbühne plötzlich in der Provinz Theater zu machen?

Fritsch: Großartig. Eine Bühne ist eine Bühne ist eine Bühne. Die Leute wollen was reißen, die sind nicht aus Zufall am Theater. Das sind unglaublich
tolle Schauspieler in Schwerin und in Oberhausen, mit denen zu arbeiten war einfach eine Freude.

tip: Weil Ihre Regie-Kollegen sich jetzt vermutlich alle hasserfüllt fragen, wie es ausgerechnet jemand wie Sie zum Theatertreffen schafft: Haben Sie sich bei Franz Wille in der Theatertreffenjury hochgeschlafen?

Fritsch: Selbstverständlich.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Oliver Wolff, Silke Winkler (Szenenbilder)

Der Biberpelz Haus der Berliner Festspiele, So 8.5., 21 Uhr; Mo 9.5., 22 Uhr; Sa 14.5., 20 Uhr; So 15.5., 16 Uhr

Nora oder Ein Puppenhaus Haus der Berliner Festspiele, So 15. + Mo 16.5., 20 Uhr

Herbert Fritsch war von den 90er- Jahren bis 2007 Schauspieler an der Volksbühne und spielte mit Karacho in zahlreichen Inszenierungen von Frank Castorf („Clockwork Orange“, „Die Nibelungen“, „Der Idiot“, „Berlin Alexanderplatz“, „Meine Schneekönigin“), Christoph Schlingensief („Atta Atta“ – bei der Premiere wäre Fritsch fast von einer vom Schnürboden herabfallenden Schweinehälfte erschlagen worden) und Dimiter Gotscheff, („Das große Fressen“, „Selbst­mörder“). Seit 11 Jahren arbeitet Fritsch an seinem monomanischen Endlosprojekt hamlet_x (www.hamlet_x.de), einer „Hamlet“-Verfilmung samt Animationen und Videospielen, bei der er für jede Szene mit den unterschiedlichsten Stilmitteln und anderen Schauspielern arbeitet – unter anderem mit Martin Wuttke, Sophie Rois, Jürgen Holtz und vielen anderen. Im vergangenen Jahr hatte sein rasanter „Hamlet“-Kinofilm „11 Onkel“ Premiere. Seit 2007 arbeitet Fritsch vor allem als Theaterregisseur. Am Ende der Spielzeit wird er an der Volksbühne den Schwank „Die spanische Fliege“ inszenieren.

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