Theater

Im Gespräch mit Herbert Fritsch

HerbertFritschtip: Herzlichen Glückwunsch, Herr Fritsch. Sie sind gleich mit zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen: „Nora“ aus dem Theater Oberhausen und „Der Biberpelz“ aus dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin.

Herbert Fritsch:?Ja, aber ich habe in dieser Spielzeit sechs Inszenierungen rausgebracht. Ich war schon ziemlich erstaunt, dass nur zwei davon eingeladen worden sind.

tip: Vielleicht sollten Sie in der nächsten Spielzeit zehn Stücke inszenieren und das Theatertreffen 2012 komplett alleine bestreiten?

Fritsch: So etwas Ähnliches habe ich schon mal gemacht. Sabrina Zwach, Friedrich Liechtenstein und ich haben vor ein paar Jahren parallel zum Theatertreffen im Theater Engelbrot alle zehn Inszenierungen des Theatertreffens an einem Abend im Kurzdurchlauf nachgespielt, natürlich ohne dass wir sie vorher gesehen hätten.

tip: Vermutlich ein Höhepunkt des damaligen Theatertreffens.

Fritsch: Absolut, das hat bloß keiner mitbekommen. Ich freue mich jetzt riesig über diese Einladung. Ich bin vor vier Jahren aus Berlin und von der Volksbühne weggegangen wie ein geprügelter Hund. Ich habe als Regisseur völlig von vorne angefangen. Was ich gemacht habe, hat am Anfang kein Schwein interessiert. Gerhard Stadelmaier hat in der „FAZ“ geschrieben, dass jetzt „der Horrorkasperl Herbert Fritsch“ zum Theatertreffen eingeladen wird. Das ist doch ein wunderbares Kompliment: „der Horrorkasperl“.

tip: Als das Castorf-Theater noch toll war, waren Sie einer der Protagonisten der Volksbühne, der irrste Schauspieler im sowieso schon ziemlich irren Ensemble. Weshalb haben Sie da aufgehört, weshalb sind Sie vor drei, vier Jahren von der Schauspielerei zur Regie gewechselt?

Fritsch: Ich hatte das Gefühl, dass ich mich dauernd dafür entschuldigen muss, wenn ich auf der Bühne einen Einfall habe. Ein Schauspieler darf keine Einfälle haben. Ich bin mit der Schauspielerei nicht mehr klargekommen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, immer für eine Inszenierung passend gemacht zu werden.

tip: Müssen Sie jetzt Ihrerseits als Regisseur die Schauspieler für Ihre Inszenierungen passend machen?

Fritsch: Gute Frage. Das ist ziemlich kompliziert. Viele werfen mir vor, ich würde aus den Schauspielern in meinen Inszenierungen lauter kleine Herbert-Fritsch-Doubles machen, die dann da rumspringen, aber das ist Quatsch. Ich habe eine eher extreme Art zu spielen, die versuche ich, den anderen zu vermitteln. Viele Schauspieler sind leider durch Arbeitsweisen, die sich über drei Jahrzehnte Regietheater verfestigt haben, völlig kontaminiert.

silke_winklertip: Was sind bitte die Kontaminationen des Regietheaters?

Fritsch: Zum Beispiel, dass die Schauspieler ihre Instinkte abgegeben haben. Sie haben verlernt, sich ihrem Spieltrieb hinzugeben und einfach mal Fratzen zu schneiden, weil da immer einer sagt: Moment mal bitte, das passt jetzt aber gar nicht, wir haben da ein anderes Konzept. Und dann stehst du als Schauspieler auf der Bühne und hast dauernd das Gefühl, etwas zu spielen, das du eigentlich gar nicht spielen willst. Das ist mir oft genug passiert.

tip: Auch bei Castorf?

Fritsch: In der Anfangsphase überhaupt nicht. Ich bin ja gar kein Castorf-Schauspieler, in Wirklichkeit war Castorf ein Fritsch-Regisseur. Es war nur am Schluss so, dass ein Krampf entstanden ist und ich nicht mehr wusste, wie ich damit umgehen soll, dass ich dauernd Einfälle habe. Das war immer Äähääh, eine zweite, problematische Analphase.

tip: Landen Schauspieler, die ihren spontanen Impulsen folgen und einfach machen, was ihnen gerade so einfällt, nicht schnell in der leerlaufenden Eitelkeit?

Fritsch: Schauspielern kann man immer sehr leicht Eitelkeit nachsagen, gerade wenn sie aus sich rausgehen und durchdrehen. Über die Eitelkeit eines Regisseurs oder eines Autors regt sich niemand auf. Ich sage den Schauspielern: Seid eitel! Geht an die Rampe! Zeigt, dass Ihr geile Typen seid! Zeigt, dass Ihr euch super findet! Ihr müsst nach vorne und Tore schießen! Seid die totalen Rampensäue! Das ist doch toll, und genau das setzt eine Energie und eine Freiheit und eine Spielfreude frei. Theater ist ein Fest. Für mich fängt die unangenehme, verlogene Eitelkeit im Theater ganz woanders an, nämlich wenn jemand so auf ehrlich macht und so tut, als würde er gar nicht spielen, sondern nur ganz tief empfinden… Da drehe ich sofort durch, wenn alle so betroffen sind auf der Bühne und ihre Betroffenheitsvisagen vorführen. Dieser aufdringliche Gestus der Ehrlichkeit, mit schlaff herabhängenden Armen schön kaschieren, dass man gierig ist, das ist so was von eitel.

tip: Klingt nach einer Hassliebe zum Theater.

HerbertFritschFritsch: Überhaupt nicht. Der einzige sichere Ort der Welt ist für mich die Bühne. Außerhalb der Bühne ist mein Leben ein einziges Durcheinander. Auf der Bühne ist alles klar. Am liebsten würde ich zwei oder drei Tage durchproben, einfach spielen und sehen, was rauskommt, aber das geht nicht wegen den Gewerkschaften. An jeder schlechten Inszenierung in Deutschland sind die Gewerkschaften schuld, die Gewerkschaften, die Dramaturgen und die Hierarchie. Das Altmodische am Theater, so modern es sich überall gibt, sind die Hierarchien. Schlechte Dramaturgen benehmen sich wie Kontrolleure. Einer sagte mir irgendwann nach einem Durchlauf: Du, das habe ich nicht verstanden. Darauf, dass das auch an ihm liegen könnte, kam er nicht. Wenn der Dramaturg meine Inszenierung nicht versteht, vielleicht weil sie zu lustig für seinen Germanistengeschmack ist, stimmt was an der Inszenierung nicht, so einfach ist das. Das sind Polizisten. An der Volksbühne gab es in Castorfs Inszenierung „Clockwork Orange“-Aufführungen, in denen ich als Schauspieler etwas heftiger als sonst vielleicht durchgedreht und aus mir rausgegangen bin. Ehrgeizige Dramaturgen am Haus haben dann beflissen Rapport erstattet und gemeldet, dass da ein gewisser Fritsch, Herbert auf der Bühne so abdreht, das geht ja nun gar nicht, was der da abzieht, das ist ja schon supereitel, dieser frei laufende Schauspieler müsste mal dringend zur Ordnung gerufen werden. Aber die Zuschauer fanden genau diese heftigeren Auftritte geil. Das macht doch Freude, jemandem zuzusehen, der sein Spiel in Extreme treibt. Warum soll ich mich dauernd maßregeln? Das sehe ich nicht ein. Was wollen solche Kontrolleure überhaupt am Theater? Das Theater ist keine Kirche, das Theater ist kein Krankenhaus, und das Theater ist vor allem keine Schule.

tip: Sind die modischen Exzess-Simulationen auf der Bühne und die ewigen Nackten, die sich gerne mal zur Gaudi der Touristen und der Eventfreunde ein Wiener Würstchen in den Anus einführen, am Ende nicht öder und routinierter als das alleraltmodischste Theater?

Fritsch: Dieses Ausziehen war ja irgendwann auch mal lustig. Jetzt ist es in der tiefsten Provinz angekommen. Jedes Provinztheater will einen Nackten auf der Bühne, der sich mit der Kamera ins Arschloch reinfilmt, jetzt sind wir mal ganz besonders wild. Diese kalkulierten Provokationen sind völlig langweilig, das interessiert mich nicht.

tip: Beim Trend- und Hipness-Wettrennen laufen Sie nicht mit?

Fritsch: Ich war in meiner Jugend so was von hip, dass ich fast daran verreckt wäre. Ich war auf Drogen, ich bin in Apotheken eingebrochen, um Opiate zu klauen. Irgendwann hätte mich der Jugendrichter eigentlich zu Haft verurteilen müssen. Er hat mir noch ein letztes Mal Bewährung gegeben, unter der Bedingung, dass ich eine Ausbildung mache. Dann habe ich mich an der Schauspielschule beworben, um nicht ins Gefängnis zu gehen. Als ich da genommen wurde, war das natürlich großartig und ich habe sofort alle Künstlerallüren kultiviert. Ich bin nicht hip. Als ich hip war, wäre ich daran fast gestorben. Was mich treibt, das will ich verfolgen, und nicht irgendein peinliches Hipness-Getue.  

tip: Wenn das Theater irgendwann so öde wurde, wäre da der Film nicht ein bequemer Ausweg gewesen?

Fritsch: Die wollten mich nicht. Deshalb finde ich das deutsche Kino ja auch so komplett überflüssig und uninteressant. Michael Haneke hat mir eine Rolle in „Das weiße Band“ angeboten, aber das konnte ich nicht machen, das habe ich schon beim Lesen des Drehbuchs nicht ausgehalten. Das hat mich alles zu sehr an meine eigene Kindheit erinnert. Ich wollte nicht, dass mich mein Sohn als so einen kalten Vater im Kino sieht.   

tip: Wie arbeiten Sie, wenn Sie Regie führen?

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