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Im Gespräch mit Nicolas Stemann über „La Pйrichole“

Nicolas-Stemanntip Hochkultursnobs gilt die Operette als triviale Unterhaltungs­ware. Sie inszenieren an der Komischen Oper Offenbachs „La Pйrichole“. Was interessiert Sie an dem Genre?
Nicolas Stemann Jacques Offenbachs Operetten wollen erst mal nichts anderes als unterhalten. Aber darin haben sie eine maximale Aufrichtigkeit: Das Manische, das Neurotische des Unterhalten-Wollens, der Druck des Unterhalten-Müssens ist enorm und unverstellt. Es sollte knallen.

tip Offenbach ist im Paris des neunzehnten Jahrhunderts als Komponist auch Theaterunternehmer. Kann sein kommerzielles Theater nur überleben, wenn es als Entertainment funktioniert?
Stemann Klar, Offenbach als deutscher Jude muss sich da auf einem harten Pflaster behaupten, der Druck ist enorm. Diese unglaubliche Schnelligkeit, Frechheit und Kraft der Musik hat wohl auch damit zu tun. Oper ist ja gerne ein entschleunigendes Medium mit endlos gedehnten Szenen, zwanzig Minuten lang wird “ich liebe dich“ gesungen, das Gefühl wird immer weiter variiert, damit es in die Tiefe sinken kann. Das ist bei Offenbach nicht so, da geschieht alles mit enormer Geschwindigkeit. Dieses Can-Can-Tempo hat etwas von einer sehr schnell laufenden Maschine. Webstühle, Eisenbahnen, das Rattern der Maschinen, große gesellschaftliche Umwälzungen und Unsicherheiten, das ist in dieser Musik alles drin. Dennoch besteht die Gefahr bei diesen Operetten, dass man sie bei oberflächlichem Hören schnell als Unterhaltung aus Opas Klamottenkiste abtut, als nostalgisch. Auch die ganzen Sujets kann man schnell als Schenkelklopfer des Ehepaar- und Ehebruchshumors abhaken. Das ist aber ganz falsch, und dem versuche ich mit der Inszenierung entgegenzuwirken. Die Musik hat eine viel größere Genauigkeit und Feinheit, als man zunächst annimmt: Sie ist voller Zitate, Anspielungen und Parodien – das ist ein bisschen wie „Die nackte Kanone“, wo ganze Filmgenres durch den Kakao gezogen werden.

tip Oder wie in der „Dreigroschenoper“ die hohe Form der Oper parodiert wird.
Stemann Die „Dreigroschenoper“ steht ja unübersehbar in direkter Nachfolge zu Offenbachs genialen Operetten. Offenbach ist der Urvater des intelligenten Musicals. In der Inszenierung versuche ich, die Operette nicht nur als Genre und Form, sondern als Metapher zu begreifen. Es geht um diese gigantische Unterhaltungsmaschine, der Unterhaltungsterror, der alles auffrisst und schluckt. Dahinter verbirgt sich ein großer Konkurrenzdruck: Wer nicht unterhalten will, fliegt raus. Operette als Metapher eignet sich gut für die Beschreibung heutiger Herrschaftssysteme: lustig, intelligent – aber unangreifbar in ihrem Absolutheitsanspruch und vollkommen revolutionsresistent. Ironie ist hier ein perfides Herrschaftsmittel und keine subversive Haltung mehr. Das alles geht gnadenlos auf Kosten der Figuren: Je grauenvoller jemand leidet – um so besser, man kann daraus ein Couplet und einen Lacher machen. Egal, ob sich jemand aufhängt, ob einer Hunger hat und bettelt oder ob da Leute beschissen werden – alles eignet sich dazu, ein Lied darüber zu singen, das dann bitte möglichst ein Hit wird.

tip Was interessiert Sie an „La Pйrichole“?
Stemann Im Grunde handelt es sich um einen klassischen Operettenplot: Jeder spielt dem anderen etwas vor, und schließlich weiß keiner mehr, wer er eigentlich ist. Das ganze spielt in einer Operetten-Diktatur, in der es aufgrund einiger dramaturgischer Kniffe schließlich zu einer Umkehrung der gängigen Handlungsmuster kommt: Wer den König beschimpft, gilt als so wertvoll, dass man ihn nicht bestraft, sondern sofort an den Hof holt, und den beiden Liebenden wird die Hochzeit nicht verboten, sondern befohlen. Das allerdings geschieht unter so völlig falschen Vorzeichen, dass es eher einem Massaker an dieser Liebe gleicht als deren Erfüllung. Das interessiert mich: Man wird zu dem gezwungen, was man eigentlich wollte, und dadurch löst sich alles, was man ursprünglich hätte wollen können, auf. Eine erstaunlich gute Beschreibung für das, was heute mit dem Begehren passiert, in einer Gesellschaft, in der es die Aufgabe jedes einzelnen ist, zu konsumieren, seine staatsbürgerliche Pflicht geradezu. Was passiert mit dem Begehren, wenn es befohlen wird? Im Grunde ein unlösbares Dilemma, in dem wir uns aber alle befinden, mehr oder weniger bewusst. Damit verknüpft ist die Frage nach der Wahrheit und dem Authentischen in einer Welt der Selbstdarstellung um jeden Preis: Je künstlich aufgeblasener ein Gefühl ist, als desto authentischer gilt es. Darin ist Offenbach sehr modern: Der Schein des Authentischen löst sich in seinen Stücken komplett auf. Es geht bei dem, was einer sagt, nie nur um das, was er gerade fühlt, sondern immer auch darum, dieses Gefühl zu vermarkten. Das einzige, was authentisch ist, ist die Tatsache, dass gespielt wird. Und das wird groß und grell, mit schamlosen Übertreibungen und aberwitzigen Verdrehungen ausgestellt. Wahrheit ist das, was unterhält, das ist die einzige gültige Währung.

tip Der Zwang zur Unterhaltung, das Wissen darum, dass der Glaube an echte Gefühle sowieso illusionär ist, der Glanz der Oberfläche – das ist Pop.
Stemann Offenbach ist gleichzeitig kommerziell und subversiv, das ist sehr nah am Pop. Dieser Unterhaltungszwang ist eigentlich ein Gefängnis. Stellen Sie sich vor, Sie gehen jetzt aus dieser Tür raus und draußen ist alles, wirklich alles Operette. Die Welt ist so, und sie bleibt so, alle lachen sich permanent über alles tot, und wenn jemand stirbt, ist das auch nur ein Witz. Das ist eine schreckliche Vorstellung, und trotzdem könnte es ja sein, dass wir längst in so einer Welt leben.


Interview: Peter Laudenbach
Foto: Hanns Joosten

Termine: La Pйrichole
in der Komischen Oper, 6.6., 19.00 Uhr (Premiere),

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