Theater

Im Gespräch mit Sabrina Hölzer

Sandra_HoelzerFrau Hölzer, „Dark Was The Night“ versetzt den Zuschauer tatsächlich in totale Dunkelheit. Was ändert sich rezeptionsästhetisch, wenn man temporär eines wichtigen Sinnes beraubt wurde?
Sabrina Hölzer Jeder Mensch reagiert auf diese Sinneseinschränkung natürlich in verschiedener Weise, so wie auch blinde Menschen ihren akustischen Sinn in unterschiedlich intensivem Maße entwickeln, nachdem sie ihr Augenlicht verloren haben. Grundlegend kann man vielleicht sagen, dass Klänge direkter, unmittelbarer und damit emotionaler wirken. Erst wenn das Auge nicht mehr sieht, kann einem bewusst werden, welch großen Teil der akustischen Wahrnehmung bereits der vorhergehende visuelle Eindruck ausmacht. Wenn Sie z.B. in der Berliner Philharmonie sitzen und auf die Bühne schauen, wird die Anzahl, Gattung und Entfernung  der Instrumente Ihren folgenden Höreindruck mitbestimmen. Selbst der Beginn der Musik ist ja durch das Ansetzen der Musiker bzw. des Dirigenten vorauszusehen.
Diese Voraussichten fallen in der Dunkelheit weg und das Auge entspannt sich. Der Klang beginnt ganz unkontrolliert, überraschend und dementsprechende ungefiltert. Ob man die  „Überwältigung“ als Hingabe an eine genussvolle Überraschung oder als verwirrende Manipulation wertet, gehört mit zum Rezeptionsprozess eines jeden einzelnen.
Bezüglich des Zeitempfindens hat unsere Erfahrung allerdings gezeigt, dass die subjektive „Zeit“ einstimmig von allen Zuschauern (die mit uns gesprochen haben!) als verblüffend viel kürzer empfunden wurde als die angekündigte Dauer des Abends.

Es handelt sich um den dritten (und letzten) Teil einer Projektreihe. Was gab ursprünglich den Anstoß dazu?

Der erste Anstoß zu dieser Idee geht weit zurück in das Jahr 2001. Ich habe damals im Hebbel-Theater die Oper „Tragödia – der unsichtbare Raum“ von Adriana Hölszky inszeniert und darin zum ersten Mal mit Dunkelheit und Liegeposition gearbeitet. Mich hat fasziniert, was die Zuschauer nach den Aufführungen erzählt haben. Mir wurde klar, wie sehr der Zuhörer selbst zur Bühne eines musikalischen Erlebens werden kann, wenn man die visuellen Außeneinflüsse reduziert und jedem Zuhörer einen entsprechenden Raum ermöglicht. Mein Interesse an  Inszenierung verlagerte sich in dieser Zeit etwas weg von der Gestaltung des Stückes hin zu der Inszenierung des Zuschauers mit den Aufführenden zu einer schöpferischen Gesamtheit. Ich finde es schön, wenn der Zuschauer oder –hörer mit seiner Phantasie am schöpferischen Prozess beteiligt ist.

Die Pressemitteilung verspricht eine „musikalische Bewegungschoreografie“. Was darf man sich darunter vorstellen?
Die Zuhörer liegen getrennt voneinander in Abständen von ungefähr 80cm, wodurch sich horizontale und vertikale Gänge zwischen den Liegen ergeben. Die Musiker bewegen sich entweder mit ihrem Spiel nach bestimmten Choreographien in diesen Gängen oder sie stehen an den Kreuzungspunkten im Raum verteilt und die Musik bewegt sich  zwischen ihnen. Josй M. Sбnchez-Verdъ und Michael Rauter haben für dieses Setting Stücke geschrieben, deren Bewegung sich auf die Publikumspositionen beziehen und mit den besonderen Möglichkeiten in der Dunkelheit arbeiten.

Der Abend beinhaltet u.a. Werke von Haydn und Lachenmann, die Sie mit ungarischer Volksmusik ergänzen. Was verbindet die Musik?
Das ist eine schöne Frage, die ich lieber mit dem Abend selbst beantworten würde, als mit einer verbalen Vorankündigung. Mich persönlich interessiert Verbindendes mehr als Trennendes. Ich glaube, dass Trennung und Abgrenzung häufig auf Berührungsängsten beruhen. „E- und U-Musik“ sind für mich systematische Etiketten, die nicht wirklich etwas über Qualität und Inhalt von Musik aussagen. In diesem Stück versuchen wir Kompositionen, Geräusche, Töne, Klänge und musikalische Strukturen so miteinander zu verbinden, dass sie mit- und nebeneinander existieren und sich verbinden können, ohne ihre Identität und Integrität einzubüßen. Z.B. ein Naturklang neben der hochkomplexen Komposition eines Cello-Solos von Lachenmann. „Ernste Musik“-Komponisten wie Bartуk und Kodбly haben nicht umsonst in jahrelanger mühevoller Arbeit Volksmusikgut für uns aufgearbeitet. Es ist wie ein Art Erde und manchmal auch Erdung für das, was daraus gewachsen ist.

Sie haben mit dem Funkhaus einen ebenso faszinierenden wie auch etwas abgeschiedenen Aufführungsort gewählt. Was sprach für die Wahl dieser Location?
Ja, er ist wirklich aus vielerlei Gründen faszinierend. Zunächst habe ich für die Projektidee einen Raum gesucht, der kein natürliches Licht hat. Das ist schwerer zu finden als man zunächst denkt. Zudem hatte ich mir einen Ort vorgesellt, der für den Aufbau akustischer Räume geeignet ist. Wenn ich nicht sehe, konstituiert sich Raum für mich durch Spüren, Tasten und Hören. Wenn die Akustik unsauber und hallig ist, kann ich wechselnde Klangräume hörend nicht gut nachvollziehen. Die wunderbaren Sendesäle des Funkhauses sind unter diesen beiden Gesichtspunkten optimal: aufgrund ihrer früheren Funktion sind sie von allem äußeren Klang und damit auch von äußerem Licht abgedichtet, haben riesige Grundrisse zur Nutzung großer Distanzen und eine ganz reine Akustik. Auch das allmähliche Herausfahren aus der Stadt kann bei einer Reise ins Dunkel, die einen von innerstädtischer Medienflut entlastet, ein sehr schöner Nebeneffekt sein.

Sie haben an vielen Bühnen gearbeitet, u.a. in Salzburg und Spanien unterrichtet. Wenn Sie Berlin und Salzburg hinsichtlich der Arbeitsbedingungen (für Künstler) und des kulturellen Angebots vergleichen… (Hintergrund der Frage: Viele Jahre reisten die Berliner Philharmoniker nach Salzburg, um dort auch eine Visitenkarte für die Berliner Philharmonie zu hinterlassen. In diesem Jahr endete mit „Carmen“ die Kooperation. Mittlerweile scheint Berlin auch als Musikstadt einen bedeutenderen Ruf zu haben)
Ich kann Salzburg und Berlin nicht vergleichen. Wenn ich sie in Beziehung setzen soll, würde ich sagen, sie sind die jeweils entgegen gesetzten Enden der Welt.

Sie selbst haben neben Berlin Wiesenburg als zweiten Lebensstandort gewählt. Was hat Wiesenburg, was Berlin fehlt?
Eine zu einem Atelier umgebaute ehemalige Kirche zum Arbeiten und einen Garten und weite Felder und Wälder zum atmen.

Foto: Wibke Loeper

Dark was the Night
ab 7.12., 19.30 Uhr
im Funkhaus

 

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