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Im Gespräch mit Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele

Thomas_OberenderAufbruchstimmung bei den Berliner Festspielen, die in den letzten Jahren ein wenig in der Beliebigkeits- und Irrelevanz-Falle gelandet waren. Der neue Intendant Thomas Oberender, 46, hat das Leitungsteam konsequent umgebaut und verjüngt. Für das neue Festival-Format Foreign Affairs konnte er die unerschrockene und ziemlich großartige Frie Leysen als Leiterin gewinnen. Damit es weniger saturiert zugeht und um es einem jüngeren Publikum leicht zu machen, das Festival  für sich zu entdecken, haben Frie Leysen und Thomass Oberender als erstes die Preise gesenkt – auf 10, 15 und 25 Euro. Und das ist erst der Anfang der Innovationsschübe, die sie den Festspielen bescheren wollen.

Herr Oberender, nach Ihren ersten Monaten als Intendant der Berliner Festspiele – was waren die ersten Stoßseufzer im neuen Job?
THOMAS OBERENDER Was für ein Riesen-Tanker das ist, den ich da übernommen habe. Das wusste ich vorher, aber was das bedeutet, erlebt man erst, wenn man an Bord ist – von Bundesjugendwettbewerben über den Gropiusbau bis zu den fünf großen Festivals – Theatertreffen, Jazzfest, MaerzMusik, Musikfest und Foreign Affairs. Beim Jazzfest und Theatertreffen habe ich neue künstlerische Leiter berufen. Das neue Festival-Format Foreign Affairs im Herbst löst die spielzeit’europa ab, in diesem Jahr unter der künstlerischen Leitung von Frie Leysen, eine Kuratorin und Festivalmacherin, die ich sehr bewundere.
Die Berliner Festspiele wurden im Kalten Krieg gegründet, ein kulturelles Schaufenster des Westens im eingemauerten Westberlin. Heute sind sie ein Festivalveranstalter neben vielen anderen, in einer Stadt, in der permanent Festivals stattfinden. Vor ein, zwei, drei Jahrzehnten sorgten die Festspiele für eine wunderbare internationale Öffnung der Berliner Kultur. In den letzten Jahren fanden die spannenden internationalen Gastspiele eher im HAU oder beim Tanz im August statt.

Unter Ihrem Vorgänger Sartorius und der bedauernswert geschmacksunsicheren Leiterin der spielzeit’europa, Frau Fürle, wurde es immer schwerer, die Funktion dieses großen, gut subventionierten Hochkultur-Tankers zu erkennen. Kann es sein, dass die Festspiele ein Legitimationsproblem haben?
Glaube ich nicht. Legitimationsfragen sind normal. Das macht uns reflexiver, vielleicht auch kreativer. 1982 hat Ivan Nagel das internationale Festival Theater der Welt gegründet. Bis dahin gab es in Deutschland kein Festival, das internationalen Produktionsaustausch in dieser Größenordnung realisiert hat, sieht man von den Berliner Festspielen ab. Was uns heute selbstverständlich scheint, dass sich das Theater auf vielen Ebenen internationalisiert hat, ist über Jahrzehnte gewachsen. Die Berliner Festspiele haben dabei sehr früh eine wichtige Funktion im internationalen Kulturaustausch übernommen. Ulrich Eckhardt, vor Joachim Sartorius über fast drei Jahrzehnte der Intendant der Berliner Festspiele, hat in einer sehr cleveren Vernetzung der Festspiele mit anderen Berliner Veranstaltern viele internationale Koproduktionen und Gastspiele realisiert. Das hätte so kein anderer der Akteure in der Stadt leisten können. Lange waren die Festspiele in dieser Funktion in Berlin konkurrenzlos.

Und weil dieses Alleinstellungsmerkmal heute wegfällt, oder zumindest an konkurrenzlosem Glanz verloren hat, stellt sich mit anderer Härte die Frage, welche Aufgabe die Festspiele noch haben.
Wenn es gut geht, beantworten die Aufführungen, Konzerte, Lesungen, Gastspiele undund Diskussionen, die hier stattfinden, die Frage nach unserer Funktion. Natürlich gibt es auch andere Akteure mit einer ähnlichen Ausrichtung, etwa das HAU oder den Hamburger Bahnhof. Das empfinde ich als Bereicherung. Aber die Festspiele, das muss man vielleicht noch mal deutlich sagen, bewegen sich, jenseits der besonderen Formate, die wir präsentieren können, natürlich auch in Gebiete, die sehr speziell sind: zeitgenössische Musik, Jazz, bildende Kunst und Literatur – wer vereint das denn so wie wir? Eine Repertoiregestaltung, wie es das Musikfest im September macht, mit einem John-Cage-Schwerpunkt, mit John Adams Oper „Nixon in China“, mit Kent Nagano und dem Mahler Chamber Orchestra, mit Sylvain Cambreling und dem SWR Sinfonieorchester, mit Ingo Metzmacher, mit Peter Eötvös und dem Ensemble musikFabrik – ich glaube nicht, dass andere Veranstalter so etwas in dieser Dichte leisten können. Im Grunde findet da eine Form von Risiko-Evakuierung statt: Wir können das machen, weil wir über den Festivalzusammenhang Neugierde für diese exzeptionellen Konstellationen generieren und vielleicht auch andere Besucher ansprechen.

Sie sagen, Sie wollen „internationale, zeitgenössisch relevante Positionen“ präsentieren. Geht es etwas konkreter?
Diane Arbus im Gropiusbau, die Orchesterbearbeitungen der Lieder von Charles Ives durch zeitgenössische Komponisten wie John Adams oder Georg-Friedrich Haas im Musikfest, Federico Leуns Gesellschaftsspiel „Multitudes“ mit über 100 Berlinern zum Auftakt von Foreign Affairs … Es kann nicht unsere Hauptaufgabe sein, eine Form von hochkulturellem Repräsentanzbetrieb zu sein. Das Bourgeoise als Attitüde, das Saturierte möchte ich vermeiden, es muss um etwas gehen, es darf auch mal wehtun. Banalität verzeiht diese Stadt nicht. Wir versuchen, deutlich von einer Haltung bestimmte Festivals zu kreieren. Wenn Frie Leysen im Herbst bei Foreign Affairs ein Programm macht, in dem der japanische Künstler Kyohei Sakaguchi eine temporäre Philharmonie aus Restmüll vor das Haus baut und dort der Pianist Marino Formenti jeden Tag von 11 bis 23 Uhr spielt und lebt, das Publikum kommen kann, wann es will und zehn Minuten oder zehn Stunden dort bleibt, dann interessiert mich das. Wunderbar, dass wir das ermöglichen können. Natürlich geht es um Qualität und Geist. Aber es geht mindestens genauso um das Erlebnis von Alternativen. Sakaguchi macht einen Vorschlag. Federico Leуn auch, genauso jemand, der innerlich gebrannt hat wie Stockhausen. Große Namen zu versammeln, was wir ja durchaus auch tun, ist noch kein Programm. Berlin ist eine offene Stadt, in vieler Hinsicht beweglicher und härter als etwa Salzburg. Hier ist zum Glück Hauptprogramm, was woanders Nische bleibt.

Kyohei Sakaguchi baut bei Foreign Affairs aus Müll ein „Zero Yen House“, ein Haus ohne Geld. Ist das seine Antwort auf eine ans Ende gekommene Konsum- und Konkurrenzgesellschaft?
Kyohei Sakaguchi ist Architekt, Maler und politischer Aktivist. Eine seiner Fragestellungen lautet: Die Weltbevölkerung schrumpft, weshalb bauen wir immer mehr Gebäude, betonieren wir die Welt zu? Er sagt einfach: Nein. Da wird Kunst zum Ort, um über gesellschaftliche Möglichkeiten, vielleicht auch Utopien nachzudenken. Es geht, wie in den Aktionen von Beuys oder Christoph Schlingensief, immer um eine andere Art zu leben. In einer seiner Aktionen in Japan hat Sakaguchi Opfer der Nuklearkatastrophe von Fukushima eingeladen in ein Camp, mit der Haltung: Lasst uns versuchen, über andere Lebensformen nachzudenken, ohne Regierung, ohne Herrschaft. Ein anderer Künstler, der seine Arbeit bei Foreign Affairs zeigt, ist der erwähnte argentinische Regisseur Federico Leуn, er macht ein Stück mit 108 Berlinern und 13 Argentiniern aus fünf Generationen. Das ist letztlich ein Gesellschaftsspiel, das einen sehr berührenden Traum vom sozialen Miteinander zeigt, aber nicht naiv oder unreflektiert.

Lustig, ein Künstler propagiert eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Regierung, und ein Festival, dessen Finanzier und oberster Dienstherr der Bundesminister für Kulturelle Angelegenheiten, also ein Regierungsmitglied, ist, zeigt das. Das hat einen etwas paradoxen Charme.
Finde ich auch, und genau das gefällt mir. Ich mache doch keine Staatskunst, das ist nicht der Auftrag der Festspiele.

Schade, dass Frie Leysen Foreign Affairs nur dieses Jahr leitet. Ab kommendem Jahr übernimmt Matthias von Hartz, der derzeit ein  Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg kuratiert. Wie kam es zu seinem Engagement?
Ich kenne ihn lange. In Zürich, als ich dort am Schauspielhaus war, haben wir dort die große Zürcher Institutionenverschiebung realisiert. Frie Leysen übt ihre Tätigkeit mit einer enormen inneren Freiheit aus, sie hat einen großen Mut in ihrer Programmgestaltung und dabei einen sehr weiten ästhetischen Horizont. Sie hat auch Konzertreihen mit Barockmusik kuratiert. Bei Matthias gibt es einen vergleichbaren Instinkt für Qualität, ein manisches Suchverhalten und virengleiches Einschalten in alle Netzwerke. Er hat selber Regie geführt und hat einen guten Instinkt für den politischen Diskurs und die Populärkultur als Hochkultur unserer Zeit. Auf Kampnagel hat er ein intelligenteres, jüngeres Publikum angesprochen und internationale Spitzenkünstler an sein Festival geholt – das ist mir auch für die Festspiele sehr wichtig.

Es dürfte nicht ganz einfach werden, ausgerechnet im gemütlichen Rentnerviertel Wilmersdorf junges Publikum für die Festspiele zu interessieren. Sind die Größe und der Standort des Festspielhauses an der Schaperstraße ein Problem?
Es ist eine Herausforderung, ja. Aber wieso Rentnerviertel? Setzen Sie sich am Nachmittag auf den Ludwigkirchplatz. Da wimmelt es von Kindern und jungen Familien. Sie reden, als ob wir immer noch in der Musicalwelt von „Linie 1“ leben. Wilmersdorf, der Kiez ums Festspielhaus, war in den 80ern bewohnt von vielen internationalen Künstlern, schön im Windschatten. Und das ist wieder so, bourgeois und billig, neue Galerien und Clubs kommen, man wird sehen. Bei Festivals wie Foreign Affairs oder MaerzMusik kooperieren wir mit den Sophiensaelen, weil wir mit den Programmmachern dort harmonisieren und so die Festspiele in den Ostteil der Stadt bringen. Für kleinere, unbekanntere Produktionen ist unser Saal mit 1?000 Plätzen ein Risiko, also müssen die Festivals brummen, deshalb die zeitliche Verdichtung von Foreign Affairs auf vier Wochen. Ich will, dass spürbar wird, dass die Kunstwerke, die wir hier zeigen, Probleme bewegen, die uns betreffen. Das geht über Bewunderung und Wohlfühlen im Kunstgenuss weit hinaus. Kunst ist für mich eine eigene Form von Sprache. Mich interessieren Künstler, die eine Sprache neben der Sprache entwickeln, eine Sprache, die sich von der Sprache des Alltags oder der Sprache der Medien unterscheidet. Aus diesen Sprachen erfahre ich etwas über unsere Welt, ich sehe die Welt anders. Das kann Kunst. Das ist eine alternative Form von Weltbeurteilung und Weltwahrnehmung. Es geht da um sehr prinzipielle Fragen. Wie geht man mit seiner Verantwortung, mit Schuld, mit der eigenen Sterblichkeit um? Ich möchte hier ein Programm machen, das diese anderen Sprachen sucht.
Was wäre das Schlimmste, was Ihren Festivals passieren könnte?
Wenn zu wenig Leute kommen. Oder ein gourmethaftes Konsumieren, gelangweilte Übersättigung.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: David von Becker

Thomas_OberenderThomas Oberender, geboren 1966 in Jena, ist Schriftsteller, Dramaturg und Festivalmacher. Er studierte in Berlin (u.a. Theaterwissenschaft und Szenisches Schreiben) und promovierte 1999 mit ­einer Arbeit über Botho Strauß. 1999 engagierte ihn der Intendant Matthias Hartmann als leitenden Dramaturgen an das Schauspielhaus Bochum. 2004 engagierte ihn der Intendant der Ruhrtriennale, Gerard Mortier, für die Entwicklung einer Literaturreihe. 2005 wechselte Oberender als ­Kodirektor mit Matthias Hartmann an das Schauspielhaus Zürich. Von Oktober 2006 bis Dezember 2011 leitete er das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele. Seit ­Januar 2012 ist Thomas Oberender Intendant der Berliner Festspiele.

Musikfest Berlin

31.8.–18.9.,
Karten-Tel.: 254 89-100

Mit: Mahler Chamber Orchestra/Kent Nagano, SWR Sinfonieorchester/Sylvain Cambreling, Berliner Philharmoniker/Ingo Metzmacher, Pellegrini-Quartett u.a.  

Foreign Affairs
28.9.–26.10.
Karten-Tel.: 254 89-100

Mit: andcompany&Co., Boris Charmatz, Anne Teresa de Keersmaeker, Kyohei Sakaguchi, Federico Leуn, Brett Bailey, Fabian Hinrichs, Rodrigo Garcia, Yeesookyung u.a.

www.berlinerfestspiele.de/

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