Theater

Im Gespräch mit Toshiki Okada

ToshikiOkadaDas Stück erzählt von einem Amokläufer in Tokios hippem Ausgehviertel Akihabara, von einer verunsicherten Mittelschicht und von verzweifelten Menschen in einer Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Veränderung aufgegeben hat.

tip: Herr Okada, Ihre neue Inszenierung hat einen doppelbödigen Titel: „We are the undamaged others“, also: Wir sind die unbeschädigten anderen. Was geschieht in Ihrem Stück?

Toshiki Okada: Ich würde sagen, in diesem Stück geschieht überhaupt nichts, zumindest nicht auf der Bühne. Alles, was geschieht, geschieht im Herz oder im Gehirn der Zuschauer.

tip: Wir sehen ein junges Ehepaar, das sich eine Eigentumswohnung in einem neuen Hochhaus leisten kann. Sie sind wohlhabend und gleichzeitig verunsichert. Sie sind sich offenbar nicht so sicher, ob sie mit ihrem Leben glücklich sind.

Okada: In dem Stück verwende ich die Worte „Glück“ und „Unglück“. Das sind indirekte Bezeichnungen für „reich“ und „arm“. Sie denken, dass sie glücklich sind, und sie möchten glauben, dass ihr glückliches Leben nicht unbedingt vom Geld abhängig ist. Das ist einerseits schon richtig, aber es ist auch arrogant. Denn es bedeutet, dass unglückliche Menschen eigentlich kein Recht dazu haben, unglücklich zu sein. Es tritt ein Besucher auf, um auf diese Arroganz hinzuweisen.

tip: Der Besucher erzählt in Andeutungen von einem Amoklauf in Akihabara, einem hippen Ausgehviertel in Tokio mit gigantischen Leuchtreklamen und unzähligen Elektronik- und Internetläden. Dieser Amoklauf, was war das für ein Ereignis?

Okada: Der Amoklauf in Akihabara ging in Japan durch die Medien. Der 25-jährige Amokläufer tötete sieben Menschen und verletzte zehn. Er stach mit einem Messer wahllos auf Passanten ein. Nach der Festnahme sagte er, es sei ihm völlig egal gewesen, wen er tötet. Die Medien berichteten, dass es das Verbrechen eines Leiharbeiters war, der unter einem Mangel an Kommunikationsfähigkeit litt. Es hieß, dass er sozialen Austausch vor allem in der Welt des Internets suchte. Nicht wenige unserer Generation konnten sein Gefühl, in einer erstickenden Gesellschaft zu leben, sehr gut nachvollziehen. Immer wenn wir über dieses Ereignis nachdenken, fühlen wir uns wie gespalten. Wir wünschen, dass sich die gesellschaftliche Situation verbessert, die den Boden, die mentalen Voraussetzungen für diese schreckliche Tat bereitet hat. Auf der anderen Seite wissen wir genau, dass es keine realistischen Hoffnungen gibt, dass sich etwas ändert. So teilen wir mit dem Amokläufer das Gefühl zu ersticken.

okadatip: Ihr Stück spielt am 30. August des letzten Jahres, am Tag der japanischen Unterhauswahl. Welche Rolle spielt diese Wahl?

Okada: Ich habe – ohne darüber viel nachzudenken – eher aus einem Gefühl heraus die Zeit der Unterhauswahl für mein Stück gewählt. Wahrscheinlich weil es mir irgendwie inte­ressant und wichtig vorkam, dass diese Wahl, bei der die seit Ewigkeiten regierende Liberaldemokratische Partei LDP von der Demokratischen Partei abgelöst wurde, in Japan kein Gefühl eines echten Wechsels, eines Neubeginns ausgelöst hat. Natürlich wäre es auch albern, sich über Wahlergebnisse zu freuen. Aber dass dieser Regierungswechsel bei den Japanern keinerlei Emotionen ausgelöst hat, scheint mir zu zeigen, dass wir überhaupt keine Möglichkeiten mehr haben, uns Hoffnungen zu machen. Wir haben das vollkommen aufgegeben. Seit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg hat sich Japan wirtschaftlich kontinuierlich entwickelt. Daraus entstand der Wohlstand des Landes, der aber schon lange schrumpft. Ältere Japaner können die Zeit des Wirtschaftsaufschwungs nicht vergessen und träumen immer noch davon. Für unsere Generation ist diese Haltung nur lächerlich. Die Älteren wünschen sich die damalige Vitalität des Wiederaufbaus zurück. Sie denken, dass sich das Land so vom lähmenden Zustand der Gegenwart befreien kann. Für uns ist ziemlich klar, dass gerade diese Wiederaufbau-Mentalität der Älteren die Ursache des schwierigen Zustands von heute ist. Beide Generationen wünschen sich eigentlich dasselbe, nämlich, diese erstickende Situation der Gegenwart aufzubrechen. Trotzdem kommen wir nicht zusammen.

tip: Was bedeutet die lang anhaltende Rezession für die so harmoniebefürftige japanische Gesellschaft?

Okada: Die gesellschaftliche Kluft wird größer und sie ist deutlicher zu sehen. Bis vor einiger Zeit funktionierte die Illusion, dass alle 100 Millionen Japaner zur Mittelschicht gehören. Das ist vollkommen vorbei. Wir müssen uns mit dieser Realität konfrontieren. Man kann sagen, dass das das Thema meines Stückes ist. Ich denke sehr oft, wie unmenschlich die japanische Gesellschaft ist. In Japan wird die Anzahl der absolut verzweifelten Menschen zunehmen.

tip: Ihr letztes Stück „Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech“ brachte Ihnen den internationalen Durchbruch und tourte nach der Premiere im HAU über die europäischen Festivals. Inwiefern knüpfen Sie mit Ihrem neuen Stück an diesen Erfolg an?

Okada: Mich interessiert die Frage, wie das Theater dem Publikum gegenüber so lügenfrei und minimal wie möglich sein kann. „We are the undamaged others“ ist ziemlich anstrengend für das Publikum. Ich mache mir daher keine besonders großen Hoffnungen, dass es so erfolgreich wie „Hot Pepper…“ sein wird. Es wäre doch so was von peinlich und beschämend, einfach nach dem Muster des Stückes, mit dem man Erfolg hatte, ein neues Stück zu schreiben. Das kann ich nicht machen …

Das gesamte Interview von tip-Redakteur Peter Laudenbach lesen sie in der aktuellen Ausgabe des tip-Magazins 22/2010.   

Übersetzung: Makiko Yamaguchi

Foto: Nobutaka Sato


We are the undamaged others
HAU 1, 18.-20.10., 19.30, Karten-Tel.: 259 00 42

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