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Im Gespräch mit Yvonne Büdenhölzer über das 50. Theatertreffen

Yvonne_BuedenhoelzeDas Theatertreffen war bei seiner Gründung 1964 ein Kind des Kalten Krieges, ein Schaufenster des Westens. In den 60er-, 70er-Jahren hatte es eine wichtige Funktion, als es darum ging, damals junge Regisseure der Generation Zadek, Stein, Peymann, Grüber gegen die Nachkriegsgrößen durchzusetzen. Welche Funktion hat es heute?
Yvonne Büdenhölzer Ich würde gerne kurz auf den Gründungsmythos eingehen. Nach dem Mauerbau war das damalige West-Berlin auch kulturell etwas isoliert, es gab offenbar ein enormes Bedürfnis nach großem Theater. In einem Gründungsdokument heißt es: „Es soll der Versuch gemacht werden, in Berlin durch eine Auswahl von Schauspiel-Inszenierungen aus der Bundesrepublik Deutschland, aus Österreich und der Schweiz nicht nur ein Bild vom Stand des deutschsprachigen Theaters zu geben, sondern auch die wegen der Isolierung der einzelnen Theaterstädte voneinander so notwendige Möglichkeit des Vergleichs zu schaffen. Ein Gremium aus deutschen, österreichischen und Schweizer Kritikern hat hierzu diejenigen Aufführungen aus der Spielzeit 1963/1964 ausgewählt, die ihm besonders bemerkenswert erschienen. Die jährlichen Konfrontierungen können vielleicht aus dem kontaktlosen Nebeneinander ein Miteinander machen.“ Interessant, dass schon damals von Konfrontierungen“ gesprochen wird. Ich finde, dass es darum immer noch geht, indem das Festival zehn bemerkenswerte Inszenierungen nebeneinander zeigt. Dass diese Vokabel von den „besonders bemerkenswerten“ Inszenierungen bis heute das Auswahlkriterium benennt, spricht dafür, dass sie nicht so falsch ist, genau wie die Regelung, dass die Auswahljury aus Kritikern und nicht etwa aus Theatermachern besteht. Es ging damals wie heute darum, den gegenwärtigen Stand des deutschsprachigen Theaters zu zeigen, das ist immer noch eine wichtige Funktion. Das Festival ist durch die vielen internationalen Festival-Kuratoren, Künstler, Intendanten und Journalisten, die zum Beispiel über das Auswärtige Amt kommen und die sich die Aufführungen ansehen, längst zu einem Schaufenster des deutschsprachigen Theaters für die Welt geworden. Internationale Festival-Macher laden Inszenierungen, die sie hier gesehen haben, zu ihren Festivals ein. Das ist ein wichtiger Aspekt, aus diesem Grund übertiteln wir einen großen Teil der Aufführungen auch in englischer Sprache.

Wäre es nicht etwas zu wenig, wenn das Theatertreffen einfach nur ein schönes, großes Festival unter vielen anderen Theater- und Tanzfestivals in diesem Land wäre?
Das Besondere liegt in der Konstruktion dieses enorm aufwendigen Auswahlverfahrens durch eine Kritikerjury, die den gesamten deutschsprachigen Raum bereist und sich im Lauf der Spielzeit mehrere Hundert Aufführungen ansieht, in diesem Jahr waren es über 400. Ich halte die Kritikerjury für relevant, auch wenn das immer wieder kritisiert wird. 1980 forderten zum Beispiel namhafte Theatermacher, die Auswahl in die Hände eines Alleinjurors zu legen, immer wieder höre ich, ein Künstler­kuratorium könnte doch die Auswahl machen. Aber Theatermacher haben immer Eigen­interessen. Am Publikumserfolg und der enormen Ausstrahlung in der Theaterwelt zeigt sich etwas von der Bedeutung des Festivals. Es ist natürlich auch ein Marktplatz der Eitelkeiten, was auch bedeuten kann, dass ab und zu Regisseure, die nicht eingeladen wurden, eine Spielzeit lang schlechte Laune haben. Auch wenn die Theatertreffen-Jury niemals mit politischem Kalkül Inszenierungen auswählt, hat ihre Auswahl politische Wirkungen. Karin Beier, die Kölner Intendantin, hat das einmal so beschrieben: Wenn ihr Theater nicht mit so vielen Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen worden wäre, in einer kulturpolitisch schwierigen Zeit, in der sie um ihren Etat kämpfen musste, hätte das Schauspiel Köln wahrscheinlich wesentlich stärkere Einschnitte erlebt.

Ist das Theatertreffen nicht auch einfach ein Betriebsausflug, eine Selbstfeier der Branche, die sich bei der Premierenparty noch einmal der eigenen Bedeutung versichert?
Das Theatertreffen ist ein Publikumsfestival, ein Branchentreff und ein Talente-Campus. Dass das Theatertreffen unter anderem ein Branchentreff ist, bei dem man einmal im Jahr in Berlin zusammenkommt und sich austauscht, finde ich positiv. Das Theatertreffen bringt eine gewisse Aufregung mit sich, das kann man auch als Blase bezeichnen, wenn man will. Es geht auch immer um Bestehen oder Nicht-Bestehen vor einem besonders kritischen Publikum. Umgekehrt gibt es genug Inszenierungen, die an ihrem Ursprungsort nicht sehr erfolgreich waren und hier gefeiert wurden, wie Jürgen Goschs „Macbeth“, der 2006 eine der wichtigsten Aufführungen des Theatertreffens war. Immer wieder haben Ausnahme-Aufführungen großer Künstler beim Theatertreffen Theatergeschichte geschrieben.

Auch wenn es vielleicht einige Einladungen gab, deren Bedeutung man heute bezweifeln kann, und auch wenn dem Theatertreffen die eine oder andere herausragende Inszenierung entgangen ist, Gotscheffs „Perser“ zum Beispiel, hat es über die Jahrzehnte erstaunlich zielsicher die wichtigen Regisseure und Stilarten abgebildet, von Rudolf Noelte bis Schleef und Schlingensief. Kann man die Chronik des Theatertreffens wie ein Kondensat der jüngeren deutschsprachigen Theatergeschichte lesen?
Definitiv. Das Theatertreffen ist wie ein Brennglas, in dem sich etwas bündelt und verdichtet. Es ist sicher auch ein Karrierebeschleuniger.

Das Theatertreffen kann nur abbilden, konzentrieren, was die Theater produzieren. Wenn das Theater in den letzten zwei Jahrzehnten unübersehbar an Bedeutung verloren hat, ist ja vielleicht auch das Theatertreffen nicht mehr ganz so wichtig wie in den ruhmreichen Zeiten seiner Geschichte?
Ich würde die These, dass das Theater an Bedeutung verloren hat, nicht so einfach unterschreiben. Was sicher stimmt, ist, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Das Theater muss verstärkt um seine Legitimation kämpfen. Es muss um Zuschauerschichten und um das Interesse der Medien kämpfen. Aber die meisten Theater sind gut besucht, sie haben in ihrer Vermittlungsarbeit viel gelernt, sie nutzen soziale Medien. Die Theater schlafen ja nicht. Arbeiten wie Nicolas Stemanns Inszenierung von Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“ oder „Hate Radio“ von Milo Rau, Vinges „John Gabriel Borkman“ oder in diesem Jahr „Disabled Theatre“ von Jйrфme Bel zeigen doch, dass das Theater politisch relevant sein kann, sich mit Gegenwart auseinandersetzt und die Zuschauer in die spannendsten, kontroversesten Auseinandersetzungen stürzt. Und das kann man beim Theatertreffen wunderbar sehen. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: David von Becker, Michael Blause

 

Disabled-theatreTheatertreffen Berlin
Die Jury des Theatertreffens wählte aus 423 Produktionen aus 69 Städten die aus ihrer Sicht zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus. Herbert Fritsch ist mit seiner beeindruckenden Farce „Murmel Murmel“ bereits das dritte Mal hintereinander als Gast geladen. Choreograf Jйrфme Bel arbeitet bei „Disabled Theater“  (Foto) im HAU 1 ausschließlich mit Schauspielern mit Lernschwäche oder Downsyndrom.

Theatertreffen: 3.-20.5.2013
Haus der Berliner Festspiele
, Schaperstraße 24, Wilmersdorf,
Kassenöffnungszeiten: tgl. 14.00–18.00, Karten-Tel. 254 89 10

Stücke:

Medea (Schauspiel Frankfurt): Rezension
Haus der Berliner Festspiele
Fr 3.?+?Sa 4.5., 19.30 Uhr

Murmel Murmel (Volksbühne)
Volksbühne
So 5.5., 19.30, So 12.5., 20.00

Jeder stirbt für sich allein (Thalia Theater Hamburg): Rezension

Haus der Berliner Festspiele
Mo 6.?+?Di 7.5., 19.00

Krieg und Frieden (Foto, Centraltheater Leipzig?/?Ruhrfestspiele Recklinghausen)
Volksbühne
Mi 8.5., 19.00, Do 9.5., 16.00

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. (Münchner Kammerspiele)
Haus der Berliner Festspiele
Do 9.?+?Fr 10.5., 19.30

Disabled Theater (Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich?/?R. B. Jйrфme Bel?/?Hebbel am Ufer, Berlin u. a.)
HAU1
Fr 10.5., 20.00, Sa 11.?+?So 12.5., 17.00

Reise durch die Nacht (Schauspiel Köln?/ Fifty Nine Production LonDon)
Radialsystem V
Sa 11.5., 20.30, So 12.5., 16.00?+?20.30

Die heilige Johanna der Schlachthöfe (Foto, Schauspielhaus Zürich)
Haus der Berliner Festspiele
Mo 13.?+?Di 14.5., 19.30

Die Ratten (Schauspiel Köln)
Haus der Berliner Festspiele
Do 16.?+?Fr 17.5., 20.00

Orpheus steigt herab (Münchner Kammerspiele)

Haus der Berliner Festspiele
So 19.?+?Mo 20.5., 20.00

 

 

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