Theater

Im Interview: Hilary Hahn

Hilary_Hahn_27_Pieces_3_c_MichaelPatrickOLeary_DeutscheGrammophon.Frau Hahn, viele Musikkritiker meinen, dass Sie die beste Geigerin Ihrer Generation sind. Wer sollte es sonst sein?!
Oh, da würden mir schon einige einfallen. Aber man kennt Geiger immer erst dann, wenn man sie live gehört hat. Und ich kenne zu wenige von meinen Kollegen live. Ich bin ein Fan des finnischen Geigers Jaakko Kuusisto. Ich finde die Projekte von Janine Jansen ganz toll. Und ich bin mit den CDs von Frank-Peter Zimmermann und Midori aufgewachsen, die ich immer noch verehre. Auch Viktoria Mullova finde ich wunderbar. Es sind nicht die Einzigen.

Sie stammen aus Lexington/Virginia und gehören zur im Grunde ersten Generation amerikanischer Geiger, die nicht als Einwanderer in die USA kamen. Was ist amerikanisch an Ihnen?
Nur der Geburtsort, sonst nichts. Auch bei mir kommen die wichtigsten Einflüsse aus Europa, ganz ähnlich, wie es bei Jascha Heifetz oder Mischa Elman der Fall war. Noch heute kenne ich in den USA kaum Familien, die von sich selber sagen würden: Wir stammen aus Amerika. Alle sagen vielmehr, von wo ihre Vorfahren eingewandert sind. Es ist so, als ob Amerika immer noch taufrisch wäre.

Sie gelten als strenge Perfektionistin, die sich eine schlecht intonierte Note nie verzeihen könnte. Wirklich nicht?
Ach was, das stimmt gar nicht. Ich glaube, dass die Qualität des Tons, den man auf der Geige hervorbringt, wichtig ist. Aber ein Selbstzweck darf das nicht sein. Wir alle produzieren schmutzige Töne noch und nöcher. Ich auch. Wichtig ist, wie man den Ton kommuniziert. Dass man ihn zum Publikum rüberbringt. Dafür ist Technik zwar eine gute Basis. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das Publikum immer richtig einschätzen kann, was für einen Solisten schwer und was leicht ist. Der Witz beim Virtuosen ist, dass man Leichtes schwer aussehen lässt. Und Schweres vermeidet.

Sie sprechen fließend Deutsch, Französisch und Japanisch. Könnte es sein, dass Erfolg von Musikern damit zusammenhängt, dass man in vieler Hinsicht einfach mörderisch talentiert ist?
Nein, glaube ich nicht. Ich schätze, dass Talent etwas ist, das einem hilft, wenn man anfängt, und zwar leichthin und ohne sich dabei zu schämen. Zu meinen Alltagserfahrungen gehört es, dass ich mich erstaunt frage: Wie bist du bloß hier hereingeraten? Und: Wie kommst du hier wieder heraus?! Es sind eigentlich unangenehme Empfindungen, die dazu zu führen, dass einem alles zwischen den Fingern zu zerfallen scheint. Talent hilft mir, wieder auf die Beine zu kommen. Und das Beste aus einer Sache zu machen.

Sie treten auf, seit Sie sechs Jahre alt waren, und blicken jetzt auf fast 30 Jahre Bühnenpraxis zurück. Glauben Sie, dass Sie Ihre Karriere früher beenden werden, weil Sie so früh angefangen haben?
Das ist eine gute Frage. Die Antwort lautet: Schauen wir mal! Ich mag es, auf der Bühne zu stehen und zu spielen. Nicht um angeschaut zu werden. Sondern weil ich es eine schöne Vorstellung finde, dass sich ein ganzer Saal mit vielleicht 2?000 Menschen auf dieselbe Sache konzentriert. Es ist eher eine soziale Erfahrung für mich. Ich könnte mir vorstellen, dass ich das so lange tue, wie es irgend geht. Auch deshalb, weil sich das Pu­blikum ebenfalls verändert und ich nicht einmal sicher sein kann, ob es in 20 Jahren noch Publikum für diese Art Musik geben wird. Also: Ja! Solange jemand zuhört, werde ich da sein und für die Leute spielen.

Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass Sie bislang 1437 Konzerte in 288 Städten absolviert haben. Zählen Sie das selbst?
Um Gottes Willen! Ich habe jemanden, der diese Dinge im Auge behält. Es ist meine Art, mich selber zu überraschen. Ich kann dann sagen: „Ah, heute ist Nr. 1438 …“, und wundere mich über mich selber. Es sind kleine Tricks, um nicht müde zu werden. Wirkt ganz gut.

Wie viele von den 193 Dirigenten, mit denen Sie konzertiert haben, waren nicht gut?
193 Dirigenten?! Gibt es überhaupt so viele? Vom Dirigenten erfahre ich gar nicht so viel. Man arbeitet drei Tage miteinander. Und dann verliert man sich zwei Jahre lang vollkommen aus den Augen. Wenn man die Dirigenten wieder trifft, spürt man nur, dass sie sich an einem anderen Problempunkt ihres Lebens befinden. Und wie der Beruf auch diese Menschen ändert.

Wer sind die besten Geigen-Dirigenten?
Die besten Geigen-Dirigenten sind nach meiner Erfahrung die, deren Lebenspartner Geige spielen. Das ist viel günstiger als bei denen, die früher selbst Geige gespielt haben. Da ist es sogar ein Vabanque-Spiel. Vielleicht, weil sie zu genau wissen, was sie von einem erwarten können – und was nicht. Sie lassen sich nichts vormachen.

Finden Sie es nicht seltsam, dass die meisten Ihrer Dirigenten immer noch Ihre Großväter sein könnten?
Das war einmal so! Ist aber, Gott sei Dank, vorbei. Früher, das stimmt, war ich meistens die Jüngste überhaupt auf dem Podium. Was schrecklich war! Aber heute könnten die meisten Dirigenten höchstens noch meine Väter sein, viele sind sogar gleichaltrig. Das ist auch insofern angenehmer, als jüngere Dirigenten oft dasselbe erfahren haben wie ich. Auch sie waren einmal die Jüngsten vor einem Orchester – und haben es gehasst. Das verbindet uns. Ich habe erst in den letzten Jahren überhaupt gelernt, dass man mit Dirigenten auch mal nach dem Konzert einfach plaudern kann. Früher haben sie mir nur freundlich über den Kopf gestrichen und mich ins Bett geschickt. Grauenerregend!

Merkt das Publikum, wie ein Geiger drauf ist?
Wir sind nackt da oben auf der Bühne, weil unser Ton ziemlich direkt abbildet, wie wir uns gerade fühlen. Es gibt auch Leute, die sagen, man hört, wenn ein Geiger in letzter Zeit zu viel konzertiert hat. Aber da wäre ich mir nicht so sicher. Kann auch sein, dass er Heuschnupfen hat oder gerade unter Schlaflosigkeit leidet. Fest steht, dass wir keine Maschinen sind. Macht die Sache allerdings auch spannender.

Werke von Henri Vieuxtemps, von dem Sie in Berlin das Violinkonzert Nr. 4 spielen werden, sind in der Philharmonie seit 25 Jahren nicht aufgeführt worden. Ist er so schlecht?
Natürlich nicht. Ich finde großartig, dass man das Violinkonzert hier so lange nicht mehr gehört hat. Allerdings muss ich zugeben, dass das 4. Violinkonzert von Vieuxtemps mein ältestes Konzert überhaupt ist. Ich trete damit auf, seit ich neun Jahre alt war. Auch auf CD wird es demnächst erscheinen, mit Paavo Järvi und der Kammerphilharmonie Bremen. Wenn sich jemand einhören möchte, würde ich die alte, irre Aufnahme mit Jascha Heifetz emfpehlen.

Den Vergleich mit Heifetz fürchten Sie nicht!?
Doch! Aber damit muss ich ja sowieso leben.

Reisen Sie bei Ihren Tourneen immer noch im Tourbus?
In Europa wurde es logistisch zu schwierig. Die Parkplätze waren immer so weit weg, dass ich am Ende ein Taxi vom Tourbus zum Konzertsaal nehmen musste. (Lacht.) Aber in Amerika gehört mein Tourbus zu den schönsten Erfahrungen, die ich überhaupt gemacht habe. Wir haben einmal eine Tour von der West- zur Ostküste im Bus unternommen. Der Bus war Umkleidezimmer, Schlaf- und Lebensmittelpunkt zugleich. Als wir im Grand Canyon eine Camping-Pause gemacht haben, kamen die Leute zu uns und bewunderten uns für das schöne Auto. Ich muss sagen, ich bin nie mehr so sehr bewundert worden wie da.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Michael Patrick O’Leary / Deutsche Grammophon

Hilary Hahn, Berliner Philharmoniker, Dir.: Tugan Sokhiev Philharmonie, Do 29.5., Fr 30.5., Sa 31.5., jeweils 20 Uhr, Karten-Tel. 25 48 89 99

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