Theater

„Immer noch Sturm“ bei den Autorentheatertagen

Immer_Noch_SturmAm Ende lagen sich der österreichische Dichter Peter Handke und sein deutsches Bühnen-Alter-Ego Jens Harzer in den Armen, und ganz Österreich umarmte symbolisch mit. Als Handke sich im vergangenen Sommer nach der Uraufführung seines Stücks „Immer noch Sturm“ bei den Salzburger Festspielen ausnahmsweise dem Premieren-Volk zeigte, wurde der fast 70-Jährige empfangen wie ein verlorener Sohn. Jetzt ist Dimiter Gotscheffs Inszenierung bei den Autorentheatertagen des DT zu sehen.
Es ist Handkes persönlichster Bühnentext, ein Stück über ein verdrängtes Kapitel der österreichischen Geschichte: den Partisanenkampf der slowenischen Minderheit in Kärnten. Und ein Stück über die Schuld Österreichs. Dem Widerstand der Kärntner Slowenen hatte das Land entscheidend zu verdanken, dass ihm nach dem Krieg von den Alliierten die staatliche Souveränität zugestanden wurde. Doch die Kärntner Slowenen blieben, was sie immer schon waren: eine unterdrückte Minderheit, die als Landesverräter im Dienste des neuen kommunistischen Jugoslawiens verfolgt wurde.

Die Geschichte dieser slawischen Minorität, von der Peter Handke mütterlicherseits abstammt, ist eine offene Wunde, aber der Autor legt in „Immer noch Sturm“ weder die heilende Hand poetischer Heimatverklärung darauf noch den bohrenden Zeigefinger politischer Rechthaberei. Vor dem Hintergrund seiner irritierenden Parteinahme im Jugoslawienkrieg und seines Besuchs bei dem Kriegsverbrecher Karadzic wirkt das neue Stück wie ein Widerruf. Als hätte Handke endlich eingesehen, dass er sich selbst mit dem „Teufel der Geschichte“ eingelassen hat, den er nun in „Immer noch Sturm“ austreibt.
Jetzt spricht der Dichter „Klartext“, und das heißt auch, seine eigene anfechtbare Position, als einer, der „Ersatz, Halt und Licht sucht bei den Vorfahren“, infrage zu stellen. Handke gesteht, dass sein Sippenbekenntnis dem überkompensatorischen Motiv entspringt, den Komplex seiner doppelten Stigmatisierung als unehelicher Sohn eines deutschen Wehrmachtssoldaten zu überwinden. Hier kämpfte einer, der sich für den faulen Apfel der Familie hält, verzweifelt darum, dass er nicht weit vom Stamm der slowenischen Klein- und Apfelbauern gefallen ist, die von ihm nichts wissen wollten.

Immer_Noch_SturmHandke begibt sich im Stück auf die Suche nach seinen Vorfahren und verknüpft die Familienforschung mit der traumatischen Geschichte des Partisanenkampfes, indem er den Seinen eine andere Herkunft andichtet. Aber es kommt kein Heldenmythos dabei heraus, wenn er aus zwei Geschwistern der Mutter Partisanen macht, was sie nie waren. Indem er die Geschichte bewusst verfälscht und diese Fälschung offenlegt, stellt Handke vielmehr historische Wahrheit als solche infrage und suspendiert jede Deutungshoheit. Dafür wurde er in Salzburg zu Recht als Spätheimkehrer aus der Niemandsbucht seiner einsamen Verirrung gefeiert.
Für den schwankenden Boden der historischen Tatsachen findet Karin Bracks Bühne ein eindrückliches Bühnenzeichen. Über die gesamte Dauer der Aufführung lässt sie aus einer Trommel im Bühnenhimmel grüne und gelbe Papierschnitzel niedergehen. Zunehmend schlüpfrig wird der Untergrund, auf dem sich Jens Harzer bewegt. Ahnenkult als Rutschpartie. Grandiose fünf Stunden lässt Dimiter Gotscheff seine Schauspieler – Tilo Werner und Bibiana Beglau, Hans Löw und Heiko Raulin, Oda Thormeyer, Matthias Leja und Gabriela Maria Schmeide – in diesem Regen aus Apfelbaumblättern stehen.

Der Regisseur bannt sie in ein abgezirkeltes Arrangement, in dem sie zunächst wie Ausrisse aus einem Familienalbum wirken. Geronnen in einer einzigen Pose, beginnen sie spielend zu rebellieren gegen das Bild, das sich der Erzähler von ihnen macht, sie widersprechen ihm, widersetzen, es wird ein Kampf um die Wahrheit bis zur völligen Verausgabung. Gotscheff hält das vielstimmige Spiel spannungsvoll in der Schwebe zwischen Nähe und Ferne, Einfühlung und Kommentar. Eine Strapaze, die glücklich macht, ist diese Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater. Gotscheff hat Peter Handke mit der Theatermoderne versöhnt und vor der ranzigen Circus-Roncalli-Poesie eines Claus Peymann bewahrt, der das Stück ursprünglich inszenieren sollte. Dass Handke sich nicht nur weltanschaulich, sondern auch ästhetisch geöffnet hat, ist allemal ein gutes Zeichen. 

Text: Christopher Schmidt
Fotos: Armin Smailovic


Immer noch Sturm


Deutsches Theater,
Mi 13., Do 14.6., 19 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 25

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