Festival

„In Schönheit sterben“ in der Neuköllner Oper

Der Hauch des Realen: Der schönste Tod ist der Operntod. Das Festival In Schönheit sterben untersucht in Uraufführungen und Performances, was passiert, wenn man mit realen Gewalterfahrungen konfrontiert wird

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Nirgendwo sonst stirbt es sich so schön wie in der Oper. Denn die ist eine Traumfabrik wie Hollywood, mit Gefühlen und Konflikten, die sich über die Realität erheben – schon allein, weil sie durch die Musik zugleich verstärkt und veredelt werden. Da nimmt man auch die krudesten Handlungen in Kauf.

Nun aber behauptet die Neuköllner Oper: In Sachen Realität und Musiktheater gibt‘s noch viel zu entdecken. Mit ihrem Festival „In Schönheit sterben“ will sie vom 20. bis 23. Oktober über „Gewalt im Musiktheater und unserer Realität“ nachdenken. In vier Tagen zeigt Berlins kleinstes Musiktheater an drei Orten drei internationale und drei lokale Produktionen, die ans Eingemachte wollen in einer Zeit, da der Tod durch die Anschläge in Brüssel, Paris und München näher an uns heranzurücken scheint.

Das Problem mit Realität und Oper ist oft, dass die Partitur heilig bleibt, während die Stoffe mit Kostümen und Bühne relevant, also passend gemacht werden. „Dann laufen die Sänger in Nazistiefeln über die Bühne – das geht gar nicht“, sagt Bernhard Glocksin, künstlerischer Leiter des Hauses. Politisch werde dadurch das Musiktheater nämlich noch lange nicht.

In Sachen Realitätsnähe hat die Neuköllner Oper ihren großen Schwestern gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Sie macht ausschließlich Uraufführungen, worunter auch etliche Neubearbeitungen des Repertoires fallen. So kann sie auf Werktreue pfeifen, neue Geschichten zu alten Konflikten erfinden und da an Schmerzpunkte gehen, wo sonst Belcanto-Pflaster geklebt werden.

„Was passiert, wenn man mit realen Gewalterfahrungen konfrontiert wird?“, fragt sich Glocksin zum Festival. Und antwortet darauf mit der Eigenproduktion „Tosca G8“: „In Puccinis Oper wird fast den ganzen zweiten Akt hindurch ein Mensch gefoltert und niemanden scheint es zu stören.“ Hier nun bringt eine junge Regisseurin das Werk in Zusammenhang mit den skandalösen Polizeieinsätzen beim G8-Gipfel 2001 in Genua – bis die Realität einbricht. „Im Streichquartett wird ein Kronzeuge der G8-Proteste sitzen“, sagt Glocksin, von dem Idee und Texte stammen.

Auch die internationalen Produktionen umweht der Hauch des Realen, schon allein, weil sie aus aktuellen politischen Brennpunkten stammen: „R + J“ von Sashko Brama und Timur Gogitidze aus der Ukraine verlegt die Geschichte von Romeo und Julia auf den Maidanplatz. „Flieg, meine Seele“ ist eine Operette von K2 aus Ungarn, in der das Parlament die Vollendung einer nationalen Abschottungsmauer feiert, während ein Attentäter sich daran macht, diesen Ort zu einem Fanal werden zu lassen. „Killing Desdemona“ von Balletto Civile aus Italien, Musik: Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), dreht sich um Eifersuchtsgewalt – die gibt’s am Mittelmeer fast jeden zweiten Tag.

Aus der Berliner freien Szene ist das Opera Lab mit „Sales of a Deadman“ dabei, einem Monodrama frei nach Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, außerdem Julia Lwowski und Franziska Kronfoth, die mit ihrem Team eine genreübergreifende Performance-Reihe geschaffen haben: „Hauen und Stechen“. Jetzt nehmen sie sich in der Rixdorfer Schmiede Puccinis „Turandot“ vor.

Das Festival ist das dritte seiner Art – und das kleinste. 2010 war „Open Op!“ eine Bestandsaufnahme des alternativen Musiktheaters von Estland bis Mazedonien, 2013 stellte „Move Op!“ die Frage nach einem europäischen Musiktheater unter prekären Bedingungen. Damit kennt die Neuköllner Oper sich aus – weil sie diesmal nur ein Viertel des Geldes von 2010 zur Verfügung hat, fällt das Programm in diesem Jahr entsprechend schmaler aus – aber inhaltlich nicht weniger brisant.

Neuköllner Oper, Heimathafen Neukölln, Werkstatt der Kulturen Do 20. – So 23.10., Eintritt 12–21, erm 8–9 €

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