Theater

Independent Swan in der Halle

Independent_swanStillstand total. Nur wenige, sich unaufhörlich wiederholende Sätze. Viele, sehr lange Pausen und ebenso sparsam gestreute, sich ständig wiederholende Bewegungen. Ein Stück des Regisseurs, Choreografen, Autors, Bühnenbildners, Komponisten und Lichtdesigners von Jo Fabian geht beispielsweise so: Eine Fahne geht hoch, geht runter, liegt auf dem Boden und muss wieder aufgehoben werden. Das ist, so ungefähr, die Handlung. Das Stück, „Whisky & Flags“, hat Jo Fabian bekannt gemacht. 1993 wurden er und seine Gruppe example dept. damit zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „Einen Hang zu konsequent stationären Situationen“, so charakterisiert Fabian heute selbst seine merkwürdig minimalistischen Theaterinstallationen. Ende der 80er Jahre hat er seine Ästhetik entwickelt, die, nein, nicht von der amerikanischen Avantgarde inspiriert war, sondern: vom Stillstand in der DDR.

Ungefähr zehn Jahre lange galt Fabian als der erfolgreichste, zeitgenössische Choreograf aus dem Osten. Aber dann, so ab 2002, wurde es immer stiller um ihn und ein wenig schien es, als wäre der Künstler Fabian selbst irgendwo im Hamsterrad seiner unendlichen Wiederholungen hängen geblieben. Als wüsste er nicht mehr so recht weiter mit seiner Kunst. Konsequent, wie es seine Art ist, tauchte Fabian einfach vollständig ab. Für ein paar Jahre lenkte er all die manische Energie und Akribie, mit der er früher seine Stücke komponierte, ins virtuelle Second Life. Baute dort eine ganze Stadt, Berlin-Preußen, 16.000 Quadratmeter groß, mit U-Bahnen, Brandenburger Tor und Bürgergeld für alle, denen die Flucht aus „Marzahn 1976“ gelungen ist.

Jo Fabian hätte in den Second-Life-Hype-Zeiten damit richtig reich werden können. Aber: „Das ist nicht die Idee“, sagt er selbst dazu nur befremdet. Er ist jetzt wieder da und sieht aus wie immer. Basecap und getönte Brille. Nur ein biss­chen älter eben. „Independent Swan. Eine Wahn­vorstellung“ heißt sein neuestes Stück, das nach der Uraufführung in Groningen jetzt in der Halle in der Eberswalder Staße zu sehen ist. Auf der Website ist als Stück-Logo ein verlaufenes Hakenkreuz zu sehen. Jo Fabian hat eine Weile in Mecklenburg-Vorpommern gelebt. „Sprich ihre Sprache, teile ihr Denken, werde Nazi, so geht das“, lautet sein Kurz-Resümee des dortigen Miteinanders.
Alles Nazis? So einfach macht es sich Fabian nicht. Und natürlich handelt „Independent Swan“ nicht von Meck-Pomm, sondern von: „Kunst und Diktatur, Glück­seligkeit und Ideologie, Militarismus und Symphonie, Totalität und Erinnerung, Gehirn und Rhythmus„. Es ist, so viel steht fest, ein Fabian-Stück.

Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: Department

Termine: Independent Swan
in der Halle, Eberswalder Straße 10/11, Prenzlauer Berg, Sa 12.bis So 20. 12., 20 Uhr, Karten unter Tel. 44 04 42 92

 

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