Theater

„Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato“

InselkomoedieAm Ende wird auch Johannes Heesters noch einmal auf die Bühne getragen, begleitet von Standing Ovations. Gefeiert wird offenbar die Tatsache, dass der 106-Jährige wieder einmal nicht gestorben ist, seine Darbietung kann jedenfalls nicht gemeint gewesen sein. Zweimal saß Hitlers Lieblings-Operetten-Onkel Jopi zuvor in der Inszenierung von Rolf Hochhuths „Inselkomödie“ in Lackstiefeletten auf einem Thron und zitierte, unterbrochen von Gedächtnislücken und meckerndem Lachen, weitgehend unverständliche Verse, teilweise wohl in seiner Muttersprache Holländisch – egal. Es ist ja keine Tragödie, wenn einer den Zeitpunkt verpasst, von der Bühne zu gehen, es ist bloß peinlich.
Was geradewegs zum 79-jährigen Rolf Hochhuth führt. Im vergangenen Jahr unterlag das gerichtsnotorische Rumpelstilzchen noch im Prozess gegen Claus Peymann um die Sommernutzung des Theaters am Schiffbauerdamm. Heuer hatte nicht einmal mehr Peymann Lust auf Streit, er beschränkte sich darauf, Hochhuth, dem das Theater über eine Stiftung gehört, mit Schülerscherzen zu piesacken – so durfte seine Truppe, bis auf Greis Heesters, den Hausparkplatz nicht benutzen. Vielleicht hätte Peymann aber nicht klein beigeben sollen, denn was da jetzt über die Bühne geht, ist selbst für BE-Verhältnisse fremdscham-verdächtig.

Hochhuths „Inselkomödie“ aus den 70er Jahren variiert den „Lysistrata“-Stoff von Aristophanes dahingehend, dass die Frauen eines griechischen Eilands ihren Ehemännern den Sex verweigern, weil diese das Domizil als Nato-Stützpunkt für amerikanische Atomraketen hergeben wollen. Florian Fries hat daraus ein Musical gedichtet, dessen Songs als Pausenfüller fürs Kellervarietй sicherlich taugen würden. Angereichert mit „erotischen Gedichten“ Hochhuths – Auszug: „Zum Glück wächst mit Altangst die Libido, via Scheide, Mund, 69, Po.“
In der Regie von Heiko Stang spielt Caroline Beil die Lysistrate und darf stellvertretend behaupten, Frauen seien das stärkere Geschlecht, während die altersgeile Inszenierung nahe legt, die Weiber fielen schon für ein paar neue Stiefel auf den Rücken. Dazu palavert Verschwörungsfan Hochhuth im Programm von der neuen Bedrohung Russlands durch die Nato und einem „Pulverfass Europa“. Eine politisch brisante Softporno-Sause also.    ?    

Text: Patrick Wildermann
Foto: David Baltzer

Termine: „Inselkomödie oder Lysistrate ?und die Nato“
im Berliner Ensemble, ?z.B. Do 5.-So 8.8., 20 Uhr, Tel. 284 08 155

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