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„Insomnia“ in den Sophiensжlen

Judith Rosmair steht mit großem Metallkoffer und dicken weißen Pelzstiefeln im Probenraum der Sophiensжle. Im Koffer sind alle Requisiten und Kostüme, die sie für die Performance braucht, die sie hier in diesen Wochen probt. Es geht in ihrem Stück „Insomnia“ um Schlaflosigkeit, um die Stunden, in denen das Denken in wirren Labyrinthen spazieren geht, um den überwachen Dämmer jenseits der Ordnung des Tages. Judith Rosmair weiß, wovon sie redet. Sie kennt diese Zustände, wenn „der Körper unter Strom steht, das Herz rast und die Gedanken Karussell fahren. Das hat mich inspiriert, diesen Stoff zu entwickeln“, erzählt die Schauspielerin.
Die Proben sind ein offener Prozess, der Text wird zum Spielmaterial, der Abend „lebt vom Zusammenspiel zwischen dem Musiker Uwe Dierksen und mir. Die Vorstellung wird jeden Abend neu sein.“ Uwe Dierksen kommt vom Ensemble Modern, einem der renommiertesten Ensembles für Neue Musik. Seine Musik, sagt Rosmair, schafft Raum „für die Zwischenzustände des Traumes, die Atmosphären der Angst, das Eingesogensein in eine komplett andere, subjektive Wirklichkeit„. Und nichts anderes ist ja Theater: die Chance, sich von einer anderen Wirklichkeit, die ihre eigenen Regeln hat, aufsaugen zu lassen, eine Möglichkeit, mit offenen Augen zu träumen.
Früher hat Judith Rosmair viele Jahre in einigen der renommiertesten Ensembles der Edel-Bühnen die großen Rollen gepielt: Am ­Schauspielhaus Bochum in der wilden ­Leander-Haußmann-Zeit, am Hamburger Thalia Theater in den gediegenen Khuon-Jahren, zuletzt an Thomas Ostermeiers Schaubühne. Spätestens, als sie vor acht Jahren in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt wurde, war klar, dass sie auf dem besten Weg war, zum Star zu werden, wenn sie nicht schon einer war.
Bei „Insomnia“ ist sie nicht nur die Autorin, Initiatorin und Performerin, sondern auch ihre eigene Produzentin. Also ist sie für so ziemlich alles zuständig, vom Etat bis zum Koffer mit den Kostümen. Schon früher wollte sie, wie viele guten Schauspieler, nicht einfach eine Darstellungs-Dienstleisterin sein. Ihr Selbstverständnis: eine eigen­verantwortliche Künstlerin, keine Servicekraft für Regie­einfälle. Sie wollte, sagt Rosmair, auf der Bühne „immer Geschichten erzählen“. Am besten solche, die auf irgendeine Weise mit ihr selbst zu tun haben. Jetzt ist sie darin, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, einfach einen Schritt weiter gegangen. Wie es an diesem Morgen aussieht, ist Judith Rosmair gerade sehr damit einverstanden, dass ihr bei dieser Produktion kein Intendant etwas zu sagen hat. Den Regisseur Johannes von Matuschka hat sie sich ausgesucht und engagiert, nicht umgekehrt. Mehr Freiheit geht nicht.
Ihr Projekt hat etwas von Emanzipation von den alten Theater-Hierarchien, in denen Schauspieler bitte schön zu machen haben, was der Regisseur von ihnen verlangt. Man könnte sagen, indem sie in „Insomnia“ von Schlaflosigkeit, vom Halbdämmer des Bewusstseins und der Twilightzone des Traums erzählt, hat Judith Rosmair sich selbst ­einen Traum erfüllt.
Von außen könnte das wie ein Abstieg aussehen – vom Star der Staatstheater ins Erdgeschoss der Sophiensжle. Was die Frage aufwirft, ob an den großen Bühnen etwas schiefgelaufen ist. Und ob Rosmairs Karriere vielleicht einfach dem üblichen Theater-Sexismus, der Frauen jenseits der 40 einigermaßen brutal aussortiert, zum Opfer gefallen ist. Aber weshalb wirkt Judith Rosmair dann an diesem Morgen ziemlich zufrieden, leicht euphorisiert und so, als hätte sie das alles genau so gewollt? Der Blick von außen, für den der Status am Staatstheater meilenweit über den Experimenten in der freien Szene steht, ist zu mechanisch, zu sehr fixiert auf die Raster der alten Hierarchien. Ein hilfloses Opfer hierarchischer Theaterverhältnisse ist Judith Rosmair ganz bestimmt nicht. Auch wenn sie die Härten autoritär geführter Theaterapparate unverschnörkelt benennt und klarmacht, dass sie darauf keine so große Lust mehr hat – sie verliert kein böses Wort über die Bühnen, an denen sie früher spielte, sie hatte offenbar schöne Jahre in Bochum und Hamburg. Anders als Anne Tismer, die nach ihrem Ausstieg von der Schaubühne erst von der Schauspielerin zur Performerin wurde und sich inzwischen ganz vom Theater verabschiedet hat, um radikal freie Kunst zu machen, spielt Judith Rosmair weiter gerne in ganz konventionellen Konstellationen – zum Beispiel an gehobenen Unterhaltungsbühnen wie dem Berliner Renaissance-Theater oder dem Hamburger St. Pauli Theater oder als Gast in Inszenierungen von Falk Richter oder Angela Richter an der Schaubühne oder am Schauspiel Köln.
Der Ausbruch in die Performance ist keine Kampfansage an das Traditions­theater – eher ein Versuch, Grenzen auszutesten und mit größerer Autonomie für sich selbst etwas Neues zu probieren. Wenn sich schon die großen Bühnen gerne bei den Ästhetiken und Regisseuren der freien Szene bedienen, ist es nur konsequent, wenn Rosmair die offeneren Produktionsweisen und die größeren künstlerischen Freiheitsgrade im Off für sich nutzt. Ihre Haltung ist ziemlich klar: zurück in ein Ensemble – sehr gerne, schon weil ihr die gemeinsamen Erfahrungen, der gemeinsame künstlerische Weg in einem Ensem­ble wichtig sind. Aber nicht um jeden Preis. Selbstbestimmung ist offenbar eine ziemlich attraktive Option. Dafür ist es auch okay, den Requisitenkoffer zu schleppen, sich selbst um die vermutlich nicht besonders üppige Finanzierung zu kümmern und auf eigenes Risiko zu spielen. Die Gage, die sie sich am Ende auszahlen kann, hängt davon ab, wie viele Zuschauer die Aufführung sehen wollen und sich dafür Karten kaufen.  
Es gibt keinen Grund, die prekären Selbstausbeutungsverhältnisse im Theater jenseits der abgesicherten Institutionen zu romantisieren. Aber offenbar versteht Rosmair die Vokabel von der „freien“ Szene für sich persönlich bei dieser Produktion erst mal ganz wörtlich: Was sie hier in den Sophiensжlen macht, hat entschieden mit Freiheit zu tun.

Text:
Peter Laudenbach

Foto:
Karin Rocholl

Insomnia Sophiensжle, Di 24., Do 26.–Sa 28.3., 20 Uhr?. Karten-Tel. 283 52 66

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