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Anna Viebrock über ihre Inszenierung „IQ“ bei der MaerzMusik

Anna_Viebrock_c_WalterMairBerühmt sind ihre raffiniert trostlosen Innenräume, Bühnen wie Wartezimmer für die Ewigkeit, die sie seit den 90er-Jahren für die Inszenierungen von Christoph Marthaler entwickelt. Ohne diese klaustrophobischen Viebrock-Bühnen ist das Marthaler-Theater nicht denkbar. Ein anderer wichtiger Arbeitspartner Vie­brocks ist der Opernregisseur Jossi Wieler. In Berlin hat Anna Viebrock vor allem an der Volksbühne und am HAU gearbeitet.

Frau Viebrock, in Ihrer Musiktheater-Inszenierung „IQ“ sieht man eine Reihe von IQ-Tests in einer Laborsituation. Weshalb sind solche standardisierten Versuchsanordnungen und Laborsituationen theatralisch ergiebig?
Anna Viebrock?Als wir anfingen, daran zu arbeiten, der Komponist Enno Poppe, Marcel Beyer und ich, war zuerst nur die Struktur klar, die Enno Poppe sich vorgenommen hatte: Die Variation eines seriellen Musters über acht Akte. Marcel Beyer inte­ressiert sich sehr für die ganzen Konditionierungsprozeduren, die uns so zugemutet werden. 2012 war der hundertste Jahrestag des ersten Intelligenztests, Marcel Beyer hat sich intensiv damit beschäftigt und die Geschichte dieser Tests studiert. Ich weiß gar nicht, ob die Testsituation theatralisch so ergiebig ist. Ich finde es insofern theatralisch, als die Prüfungen dann aus dem Ruder laufen. Es liegt auch eine absurde Komik darin, dass diese Messverfahren so objektiv sein sollen – und es hier natürlich nicht die Spur sind. Unter den Laborkitteln geht es archaisch zu wie eh und je.

Der Schriftsteller Marcel Beyer hat sich immer wieder mit Sounds, Klängen, Stimmen beschäftigt, am prominentesten und abgründigsten sicher in seinem Roman „Flughunde“. Wie kam die Zusammenarbeit mit ihm zustande?
Enno Poppe und Marcel Beyer arbeiten schon lange zusammen. Vor ein paar Jahren haben wir bei der Münchner Biennale zusammen das Stück „Arbeit Nahrung Wohnen“ gemacht, da hat er auch das Libretto geschrieben. Sein Libretto ist ziemlich komisch. Die ersten Tests sind kurz und einfach, dann werden die Tests immer länger und vertrackter, man versteht auch nicht mehr so richtig, worum es geht.

Ist nicht schon der Vorgang, dass Menschen gegenseitig ihre Intelligenz messen wollen, etwas absurd?
Wir glauben ja alle nicht wirklich daran, dass sich Intelligenz messen lässt. Es gibt Unmengen von Tests, bei denen man denkt: Wer hat sich die denn ausgedacht? Eigentlich wird da die Tauglichkeit geprüft für bestimmte Berufe oder Tätigkeiten. Firmen kaufen diese Tests, um Leute für einen Job oder eine Ausbildung oder für Therapien zu untersuchen, weil sie ein scheinbar objektives Messverfahren haben wollen. Ich finde, dass das eher so eine Art Folgsamkeitsübung ist. Das ist ja fast so eine Täter-Opfer-Situation zwischen dem Tester und dem Probanden. Eigentlich ist es erstaunlich, dass sich Leute auf so ein Prozedere einlassen. Eine Probandin in dem Stück ist wahnsinnig eifrig und ehrgeizig. Sie ist dann froh, dass sie wieder 130 Punkte hat, wie jemand, der süchtig danach ist, das immer wieder zu machen.

Eigentlich sind diese IQ-Tests subtile Formen von Menschenversuchen, oder?
Ja, sicher. Bei einem der ersten dieser Tests zu Anfang des 20. Jahrhunderts ging es um die Früherkennung lernschwacher Kinder. Das hat, wenn man weiß, was ein paar Jahrzehnte später mit „behinderten“ Kindern in Deutschland geschehen ist, einen ziemlich bitteren Beigeschmack. Eigentlich geht es bei diesen IQ-Tests nicht um Intelligenz, sondern darum, ob Menschen funktionieren, in welcher Geschwindigkeit sie zum Beispiel bestimmte vorgegebene Probleme lösen.

Maerzmusik_IQ_04_c_MonikaRittershausSind Gefühle in diesen Standard-Laborsituationen ein Störfaktor, die das Testergebnis verfälschen?
Die Tests laufen in dem Stück aus dem Ruder, weil extrem Gefühle auftauchen, die da eigentlich gar nicht vorgesehen sind. Zwei Testerinnen haben ihre menschlichen Schwächen. Die eine lässt sich von einem Mann sehr irritieren. Der hat am Ende eine schlechte Note, weil er im Rechnen eine Katastrophe ist. Die Testerin sagt ihm dann, es gebe auch „große, testferne Begabungen“ (lacht). Der wichtigste Satz einer Testerin ist, dass sie sagt, ihr seien die Tage am Test-Generator doch die allerliebsten Tage. Damit sagt sie eigentlich, dass sie mit den Menschen und den Gefühlen nicht fertig wird. Am Ende sagt der Proband zu der Testerin, mit der er ziemlich flirtet: „Was behalten Sie von uns, Ihren Probanden, in Erinnerung? Nur ein paar Worte jenseits der Testroutine.“ Es geht wie in der Oper um Gefühle, auch wenn die ein bisschen anders sind, als man das sonst so aus dem Musiktheater kennt. Dass die Gefühle die Kraft haben, das Test-Prozedere zu verwirren, hat dann wieder was Opernhaftes, finde ich, obwohl die Musik so lakonisch ist.

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Ist nicht die Oper als Kunstform auch ein großes Testlabor, das ganz anders als die IQ-Tests die Kraft und Gewalt menschlicher Gefühle untersucht?
Ja, das stimmt sicher (lacht). In die Musik von Enno Poppe fügen sich die Bühnengeräusche ein. Die Testerinnen machen jede Menge Geräusche, die mit ihrer Arbeit zu tun haben. Am Ende jedes Tests werden die Test­ergebnisse geschreddert. Das ist natürlich ziemlich bezeichnend und ironisiert das ganze Prozedere – Hauptsache, man hat’s durch. Gegen Ende der Aufführung werden die Test­ergebnisse ausgewertet, da arbeiten die wie verrückt an ihren Computern. Währenddessen spielen die Musiker unten Karten, weil sie warten müssen, bis die Tester endlich fertig sind. Am Ende kommen endlos lange Testergebnisse raus, bei denen man sich automatisch die Frage stellt, wer mit diesen Datenmengen etwas anfangen soll, das System kollabiert fast unter dieser Datenflut.

Letzte Frage: Haben Sie sich selbst zu Recherchezwecken einem IQ-Test unterzogen?
Enno Poppe und einige Musiker haben zum Spaß IQ-Tests gemacht. So was würde ich im Leben nie machen (lacht).

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Walter Mair, Monika Rittershaus (Mitte)

IQ Haus der Berliner Festspiele, Do 12.3., 18 Uhr (öffentliche Generalprobe), Sa 15.3., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

MaerzMusik 2014
„Nach Berlin! Nach Berlin!“ ist ein schönes Sehnsuchtsmotto für die diesjährige Maerz­Musik, Berlins wichtigstem Festival für Neue Musik. Unsere allseits geliebte Hartz-IV-Metropole wird – analog zum Ausruf „Nach Moskau! Nach Moskau“ aus Tschechows „Drei Schwestern“ – korrekt und selbstironisch als Zentrum aller möglichen Illusionen, Flausen und Seifenblasen gesehen. Konsequent meidet man die glamourösen Klitschen. Und bespielt lieber das Langenbeck-Virchow-Haus (Splitter Orchester, 17.3.), die Fahrbereitschaft in Lichtenberg (Audrey Chen, 23.3.), das Berghain (Sonic Arts Lounges, 18.-20.3.) und die Sophiensжle (Franui, 12./13.2.). Nur um nicht locker zu lassen, geht’s zwischendurch auch ins Konzerthaus, in den Kammermusiksaal und zurück ins Haus der Festspiele. Programmatische Verknotungen waren noch nie das Steckenpferd von Matthias Osterwold. Er fungiert in diesem Jahr letztmalig als Chef der Maerz-Musik.

Text: KLK

MAERZMUSIK Haus der Berliner Festspiele und andere Orte, 14.–23.3., www.berlinerfestspiele.de/maerzmusik, Karten-Tel. 25 48 92 30

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