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Interview mit Carolin Mylord

Interview Carolin Mylord

tip Das Stück ist im Nahen Osten angesiedelt. Aber es gibt keine konkreten Zeit- oder Ortsangaben.
Carolin Mylord
Ich finde es sehr geschickt, dass Mouawad auf eine konkrete Verortung verzichtet. Ich kenne die Konflikte vor Ort aus eigener Erfahrung, denn ich habe einen jüdischen Familienteil, der in Israel lebt. Und ich besuche häufig meine arabischen Freunde in der Westbank und im Sinai. „Verbrennungen“ bezieht weder für die eine noch die andere  Seite Stellung. Es ist ein Anti-Kriegsstück, das zeigt, was bewaffnete Konflikte aus  Menschen macht. Das lässt sich leicht übertragen, diese Barbarei findet in allen Ecken der Welt statt, an denen Krieg wütet. „Verbrennungen“ ist eine der spannendsten Geschichten, die ich zum Thema Hotspot Middle East gelesen habe. Das geschah an einem Wochenende und als ich Montag zur Probe ins Theater ging, fühlte ich mich, als sei ich die zwei Tage in Haft gewesen, so intensiv wirkte die Beschreibung des Gefängnisses, von dem wir auch originale Fotografien im Stück verwenden.

tip Handelt es sich dabei um Archivmaterial?
Carolin Mylord Ja. Dieses Gefängnis lag direkt an der israelischen Grenze, aber auf libanesischem Staatsgebiet. Es war so eine Art Guantanamo, das ist keine Übertreibung. Im Jahre 2000 nach Kriegsende wurde es ein Museum. Meine israelische Familie hat darüber nie ein Wort verloren.

tip Vielleicht wussten sie nichts von der Existenz?
Carolin Mylord Ich möchte das bezweifeln. Es gibt bestimmte Dinge, über die man nicht spricht, weil es dunkle Flecken in der Geschichte des Landes sind. Als 2006 Angriffe gegen Stellungen der Hisbollah im Libanon geflogen wurden, hat die Luftwaffe das Gefängnis Khiam kaputtgebombt. Ob das ein Zufall war? Sicher nicht.  Die Folterer in dem Gefängnis wurden vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, angeleitet.

tip In Deiner Inszenierung sind die Bezüge klarer als in der Stückvorlage.
Carolin Mylord Ja, darauf bin ich nur gekommen, weil ich seit meinem 16. Lebensjahr regelmäßig nach Israel fahre. Zwei meiner Verwandten waren als Soldaten am Libanon-Krieg beteiligt. Sie haben nach Kriegsende das Land verlassen und sind nie wieder nach Israel zurückgekehrt.

tip Weil sie traumatisiert waren?
Carolin Mylord Ja.

tip Wann kristallisierte sich die Idee, das Stück zu inszenieren?
Carolin Mylord Als die Pegida ein mediales Thema wurde. Die wenigsten sind in der Lage zu differenzieren zwischen der Terrororganisation Islamischer Staat und Muslimen im Allgemeinen. Plötzlich entstand eine diffuse Angst. Analog dazu wird auch die Politik Israels mit dem Judentum in einen Topf geworfen. So etwas ist gefährlich und schürt Ressentiments. Es ist wichtig, einen Blick auf die Geschehnisse zu werfen, ohne Klischees zu bedienen.

tip Du arbeitest mit jungen Schauspielern, Laien und Profis. Wie hast Du das Ensemble auf den Stoff vorbereitet?
Carolin Mylord Man spricht viel über die Thematik. Das ist unerlässlich und bestimmte Erzählstränge können nur filmisch dargestellt werden, weil nicht alles auf der Bühne dargestellt werden kann.

tip Du hast ja auch Film studiert …
Carolin Mylord Genau. Ich habe mir eine Kamera geschnappt und habe vor Ort recherchiert. Das klingt ein bisschen verrückt, aber ich bin als Regisseurin nicht dafür prädestiniert, die x-te Variante von „Romeo und Julia“ auf die Bühne zu bringen. Ich habe den inneren Druck, Stoffe zu inszenieren, die sonst keine Öffentlichkeit finden.

tip War es schwierig, in Israel und im Libanon zu filmen?
Carolin Mylord Ich habe mit einer kleinen Kamera gearbeitet. Die sieht aus wie eine Fotokamera, macht aber hervorragende Aufnahmen.

tip Hattest Du eine Drehgenehmigung oder erfolgte der Dreh guerillamäßig.
Carolin Mylord Wenn ich gefragt wurde, was ich da mache, habe ich mich als Architekturstudentin ausgegeben. Ich glaube, da hat man es als Frau ein bisschen leichter. Trotzdem war es manchmal abenteuerlich, wenn Du drehst, während der Himmel  sich rot färbt, weil Bomben detonieren. Es war nicht ungefährlich. Aber ich habe zwei Kinder und habe somit nicht das Risiko gesucht.

tip Wie lange dauerte der Drehprozess?
Carolin Mylord Über zwei Jahre. Die ersten Aufnahmen fanden am 10. Januar 2013 statt.

tip In den Medien ist Nahost ein Dauerthema, im Theater kommt es hingegen kaum vor. Was glaubst Du, woran das liegt?
Carolin Mylord Es wagen sich einfach zu wenige Theatermacher an das Thema. Vielleicht fehlt ihnen auch ein entsprechender Zugang. Es ist auch ein komplexes Thema. Aber genau deswegen muss man sich damit beschäftigen.

Interview: Ronald Klein

Foto: Thomas Aurin

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Sa 27.6. + So 28.6., 19.30 Uhr

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