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Interview: Marc C. Behrens von The Metafiction Cabaret

MFC-Marc-C.-BehrensWo habt Ihr bisher gewirkt und welche Erfahrungen gesammelt?
Berlin ist ein großer Abenteuerspielplatz für Kulturschaffende. Alle vier von uns haben sich hier und von hier aus in den verschiedensten Ensembles und Genres ausgetobt. Improvisationstheater mit den Improvisionären, Theater im öffentlichen Raum mit Theater Anu, Performance mit Nebel Brutal, Musikprojekte mit den Einstürzenden Neubauten. Die Erfahrung ist, dass es der Spielplatz bleibt und dass man entweder irgendwann dazu gezwungen ist, Nimmerland zu verlassen oder niemals mit Wendy zusammen erwachsen werden kann.

Warum wird in Berlin bereitwillig für ein Musical-Ticket 100 Euro und mehr bezahlt, während die Freie Szene am Hungertuch nagt?
Freiheit ist schon zum Selbstschutz beziehungslos, Kommerz stellt zum Selbsterhalt Beziehungen her. Kommerzielle Kunst, wenn das nicht schon ein Paradoxon in sich ist, nimmt den Zuschauer in den Arm, füttert ihn mit den Klischees, die ihm eine vertraute Geborgenheit geben und bettet ihn in sanfte, seichte Fantasien, die sein Innerstes streicheln und bestätigen. Der Zuschauer ist im Gegenzug gern bereit seinen Wohltäter mit Geld und Anerkennung zu füttern. Freie Kunst, wenn sie denn eine Alternative hat, schlägt dem Zuschauer ins Gesicht, zwingt ihn bittere Pillen zu schlucken, die ihn von seinen Gewohnheiten lösen und führt ihn bewusst in fremde, unbequeme Gefilde, nur um ihn dort auszusetzen und die eigene Freiheit schützend allein zu lassen. Wer diese Erfahrung einmal gemacht hat, muss entweder ein Masochist sein, oder über einen dicken Panzer innerer Distanz verfügen, um sich ein zweites Mal auf diese Reise einlassen zu wollen. Die meisten aber machen diese Erfahrung nicht einmal ein einziges Mal, weil schon die Kommunikation des unübersichtlich großen und vielfältigen Angebots an den ihm eigenen Stärken scheitert.

Mit Techno, Minimal und Electro-Clash entstanden in den letzten 20 Jahren in Berlin Musikrichtungen, die sich auch kommerziell durchsetzen konnten, warum klappt das analog nicht im Performance- und Theaterbereich?
Der Moment lässt sich schlecht verkaufen. Das Theater verzichtet im Idealfall auf das Heilsversprechen der Ewigkeit. Ihm fehlt die Nachhaltigkeit. Und es erinnert damit auf erschreckende und unangenehme Weise an das Leben. Musik hat zudem eine sehr unmittelbare Abstraktion, die dem menschlichen Denken und Empfinden viel näher kommt, als seiner Existenz.

Ihr bringt „das eigene Scheitern“ auf die Bühne. Benötigt man dafür mehr Exhibitionismus oder Masochismus?
Exhibitionismus. Masochisten gucken sich das dann an. Voyeure und Sadisten schreckt eine solche eigenmotivierte Selbstoffenbarung eher ab.

Christoph Schlingensief postulierte „Scheitern als Chance“. Welche Chance birgt das Scheitern aus eurer Sicht?

Scheitern nimmt die Angst. Erfolg hingegen nimmt die Freiheit. Das Scheitern ist ein leerer Raum, den man mit Mut gestalten kann. Hat man den Erfolg aufgebaut, ist der Mut meist schon dafür aufgebraucht und der Raum zu voll um sich noch zu bewegen.

The-Metafiction-CabaretSchaut man auf Lessings Metafabel „Der perfekte Bogen“, so lässt sich klar ableiten: Eine Fabel sollte keine Redundanz enthalten und die Sprache darf nicht zu gekünstelt erscheinen. Wie sollte modernes Cabaret aussehen?
Unsere Vision von Cabaret setzt voll auf Redundanz und dekoriert die Kunst mit Gekünstel. Wir greifen uns mit Freude den festen Bogen ernsthafter Kunst und Intention, schnitzen Clownerie und faulen Zauber in sein Ebenholz, zerbrechen ihn vor aller Augen und schießen die Bruchstücke als Pfeile gegen uns und unser Publikum. Wir nehmen den Zuschauer in den Arm, bis er sich selber ins Gesicht schlägt, verbacken die bitteren Pillen in süßen Klischees, wir stellen ein Bett im Wahnsinn auf und lassen niemanden allein, bis er von selbst das unbequeme Weite sucht. Dabei laufen wir mit Taschen voller Freiheit dem Kommerz in die Arme und verlassen uns auf den Rettungsschirm des Scheiterns.

Euer Programm enthält 12 Eigenkompositionen. Gibt es die auch außerhalb der Bühne, analog oder digital zu hören?
Mittlerweile sind es sogar schon 17. Es gibt derzeit nur einige Demos. Aber im Sommer geht es ins Tonstudio und dann scheuen wir keine Vermarktung. Wer sich auf dem Laufenden halten will, schaut auf unsere Website und auf unsere Facebookseite.

Interview: Ronald Klein

Fotos: Anne Sturm

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