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Interview mit Albert Ostermaier

Interview mit Albert Ostermaier

tip Herr Ostermaier, bei „Sensor“, zu dem Sie das Libretto geschrieben haben, handelt es sich um eine Uraufführung, obwohl das Werk schon 2007 fertig war und der Komponist Konrad Boehmer vorletztes Jahr starb. Warum hat es so lang gedauert?
Albert Ostermaier Das Problem für zeitgenössische Komponisten besteht immer darin, ihre Arbeiten überhaupt aufzuführen. Es gibt Widerstände und Hemmschwellen bei der Rezeption, was für die Häuser ein hohes Risiko bedeutet. Mit anderen Worten: Wir haben ohne Auftrag gearbeitet! Der wunderbare Konrad Boehmer, mit dem ich eng befreundet war, ging radikal und ohne doppelten Boden an seine Arbeiten heran. Wir waren optimistisch.

tip Woher nehmen Sie Ihren Optimismus ?
Albert Ostermaier Konrad, der am Ende seines Lebens angekommen war, hatte oft gegen das Establishment rebelliert. Er hatte Nazi-Komponsten wie zum Beispiel Werner Egk entlarvt. Wir beide fanden, dass es falsch ist, immer auf Aufträge zu warten.

tip Worum geht es in „Sensor“?
Albert Ostermaier Um den postdramatischen Zustand nach einem Unfall. Um drei Figuren, die aufgesplittete Seiten einer einzigen Figur sind. Ein bisschen ist das so wie bei einem Triptychon von Francis Bacon. Um es kitschig zu sagen: Wie im „Himmel über Berlin“, wo die Engel in die Menschen hineinhören. Außerdem spielt auch der Resonanzraum der Antike eine Rolle. Also Orpheus. Katharsis. Und die Fallhöhe.

tip „Elektrisches Musiktheater“ heißt es im Untertitel. Warum nicht „elektronisch“?
Albert Ostermaier Weil Konrad Boehmer, der 1941 geboren war, noch aus einer anderen Generation stammte. Er hat elektrisch gearbeitet, mit Einspielern. Übrigens klingt „elektrisch“ auch ein bisschen mehr nach Elektra…

tip Warum geht radikal Avantgardistisches heute oft von den Altvorderen, nicht von den Jungen aus?
Albert Ostermaier Es liegt daran, dass wir heute viel zu sehr in einer Systemkonformität gehalten werden. Schon in der Schule geht es um’s Funktionieren, um’s Einhalten von Mechanismen. Nicht um eigenständiges Denken oder Kreativsein. Das ist ein Fehler. Meine erste Uraufführung habe ich nur bekommen, weil mein Stück unspielbar war. „Das ist nicht Theater“, hat man gesagt. In Jurys, in denen ich sitze, werde ich oft verrückt, weil die Texte von vornherein so geschrieben sind, dass sie nur auf eine kleine Nebenspielstätte passen. Keiner lässt mehr, а la Kleist, zwanzig Elefanten über die Bühne rennen. Ich verstehe das nicht.

tip Sie sind nebenbei Torwart der „Autoren-Nationalmannschaft“. Brauchen Sie nicht Ihre zehn Finger?!
Albert Ostermaier Tatsächlich habe ich schon mehrfach mehrere Finger gebrochen, was beim Schreiben höchst unangenehm war. Als mal wieder zwei Finger gebrochen waren, habe ich aus Verzweiflung begonnen, eine Erzählung Taste für Taste in mein Handy zu tippen. Anschließend habe ich das Ganze aus Versehen wieder gelöscht. Aber man muss Prioritäten setzen. Ein Torwart darf keine Angst haben.

Interview:
Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Martin Lengemann / Suhrkamp Verlag

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