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Interview mit Alvis Hermanis

Interview mit Alvis Hermanis

Alvis Hermanis, geboren 1965 in Riga, begann als Schauspieler. Seit 1997 ist er Intendant des Neuen Theaters Riga. Seine „Platonov“-Inszenierung vom Wiener Burgtheater war 2012 beim Theatertreffen zu Gast. Ebenso die Dramatisierung von „Kaspar Hauser“ (Schauspielhaus Zürich) in diesem Jahr. An der Schaubühne inszenierte er, mit unterschiedlichem Erfolg, Puschkins „Eugen Onegin“ und Gorkis „Sommergäste“. Sein Opern­debüt gab er 2012 bei den Salzburger Festspielen mit Zimmermanns „Soldaten“. Nach „Cosм fan tutte“ an der Komischen Oper ist „Tosca“ an der Berliner Staatsoper seine zweite Opernarbeit für Berlin. Er lebt mit seiner Familie in Riga.

tip Herr Hermanis, Puccinis „Tosca“ ist einer der reißerischsten Blockbuster des Opern­betriebs: sensationslüstern, krass und ein bisschen billig. Was interessiert Sie daran?
Alvis Hermanis Stimmt schon, „Tosca“ ist die am meisten ausgebeutete und am stärks­ten banalisierte Oper von allen. Sie ist schlicht wie ein Kindermärchen. Allerdings war ich überrascht festzustellen, dass viele meiner Freunde, darunter einige Snobs, für „Tosca“ schwärmen. Nach all der üblichen Wagner-Besoffenheit wirkt das Werk geradezu wohltuend. Ich glaube, man muss sich auch den billigen Aspekten des Werkes stellen. Sonst wird man selber billig.

tip Sieht das Daniel Barenboim auch so?
Alvis Hermanis Es ist Barenboims erste Puccini-Oper. Ich war überrascht, dass er von den ersten Proben an dabei war. Normalerweise gibt es am Theater die Regelung, dass sich bei szenischen Proben der Dirigent nicht äußert, ebenso wie sich bei musikalischen Proben der Regisseur heraushält. Diese Trennung haben wir aufgehoben. Barenboim analysiert und akzentuiert sogar die winzigsten Details. Dabei kommt heraus, dass das Stück gar nicht so simpel ist, wie man dachte. Bernd Alois Zimmermanns “ Soldaten“, die ich vorletztes Jahr in Salzburg inszeniert habe, sind in Wirklichkeit ein viel geradlinigeres Stück.

tip Vergleicht man Ihre besten Theaterarbeiten miteinander, zum Beispiel „Platonov“ mit Martin Wuttke oder „Eine Familie“ mit Kirsten Dene, beide in Wien, so könnte man sagen, dass Ihre Inszenierungen umso besser waren, je weniger Einfälle Sie zu haben schienen. Ist das so?
Alvis Hermanis Ich habe, wenn ich Glück habe, keine Idee. Das ist mein Job. Die Dinge sollen auf jeden Fall bleiben, so wie sie sind. Man darf nicht stören. Das ist geradezu meine zen-buddhistische Grundüberzeugung.

tip Haben Sie bei „Tosca“ eine Idee?
Alvis Hermanis Ja! „Tosca“ lebt sehr stark von den drei Locations in Rom, wo die Handlung angesiedelt ist. Der erste Akt spielt in der Kirche Sant’Andrea della Valle, der zweite im Palazzo Farnese, der dritte auf der Engelsburg. Darüber, finde ich, kann man nicht einfach hinweg­gehen. Unser Trick besteht darin, dass die Bühnenbildnerin Kristine Jurjane aus den Hunderten von Fotos und Zeichnungen, die wir in Rom gemacht haben, Comics erstellt hat, in die wir die Story einbetten. Schließlich ist „Tosca“ selber eine Art Opern-Comic.

tip Die Vorgänger-Produktion der „Tosca“ blieb 38 Jahre lang im Repertoire. Wünschen Sie sich das für Ihre Inszenierung auch?
Alvis Hermanis Nein, das ein Albtraum. Erstens veraltet der Stil einer Inszenierung heute schneller als vor 40 Jahren. Und zweitens werde ich nicht mehr anwesend sein, wenn gastierende Sänger in die Inszenierung hineinschlüpfen. Zum Beispiel braucht man für „Tosca“ einen italienischen Tenor wie Fabio Sartori.

tip Sie werden gerne als ästhetisch konservativ beschrieben. Stimmen Sie zu?
Alvis Hermanis Ich bin stolz darauf, oldschool zu sein. Mein Traum ist es, der altmodischste Regisseur des 21. Jahrhunderts zu werden. Ich glaube, dass Professionalität wichtiger ist als Eingebung. Es geht darum, vom Ego wegzukommen und weniger narzisstisch zu werden. Das Ego ist ein Dreck. Als junger Regisseur habe ich die Darsteller ständig unterbrochen. Heute kaum noch. Ich lasse sie ihre eigenen Fehler machen, auf dass sie selber daraus lernen können. Es gibt zwei verschiedene Jagdtechniken: entweder wild herumlaufen und durch die Gegend ballern. Oder abwarten. Ich kann es abwarten.

tip Wenn man in Deutschland „konservativ“ sagt, hat das immer auch eine politische Bedeutung. Für Sie auch?
Alvis Hermanis Tatsächlich gehöre ich zu denen, die denken, dass Demokratie heute in einem gefährlichen Stadium angelangt ist. Die Mehrheit ist ein Ziel der Manipulation, deshalb misstraue ich ihr.

tip Sind Sie ein linker Konservativer?
Alvis Hermanis Nein. Das Jahr 1968 gehört für mich einem anderen Jahrhundert an. Ich bin nicht links.
Ich muss anerkennen, dass die Mehrheit in meinem Heimatland gegen die Kunst eingestellt ist. In Lettland war die Mehrheit auch gegen die Einrichtung einer Nationalbibliothek. Dass es in kultivierten Gesellschaften anders läuft, ist immer eine patente Ausrede. Aber auch Sie werden manipuliert durch Massenmedien, durch soziale Netzwerke und durch die Diktatur des kurzen Satzes. In Russland wird durch Wladimir Putin derzeit jeden Tag ein solcher kurzer Satz herausgegeben. Kurze Sätze sind ein Medium der Fehlinformation. Ihre Wirkung ist fatal.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Janis Salins/ F64

Tosca an der Staatsoper im Schiller Theater, ?Fr 3.10., Mo 6.10., So 12.10., Do 16.10., ?So 19.10., Mi 22.10., Sa 25.10., jeweils 19.30 Uhr ?(außer 3.10.: 19 Uhr und 19.10.: 15 Uhr), ?Karten-Tel. 20 35 45 55

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