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Interview mit Arnulf Rating über „Stresstest Deutschland“

Arnulf_RatingHält Deutschland dem Stresstest stand? Wo hakt es am meisten?
Es hakt zum Beispiel bei den Rettungsschirmen. Da werden permanent neue aufgespannt. Angela Merkel muss einen riesigen Schirmständer im Kanzleramt haben. Aber irgendwie müssen wir ja die ganzen Rettungsschirme halten, die unsere Regierung aufspannt. Wie schaffen wir das? Wer einen Schirm hält, hat nicht mehr beide Hände frei zum Arbeiten. Und ohne Arbeit gibt es nix. Da geht der Stress schon los.

Galt früher im politischen Kabarett der Politiker als Symbol des Zentrums der Macht als Spottscheibe, scheint es heute schwieriger die Machtverhältnisse zu bestimmen. Wer ist der Souverän: das Volk, die Politiker, die Banken?
„Macht haben immer die anderen“ hat Michael Naumann gesagt, unser ehemaliger Bundesbeauftragter für Kultur. Sein damaliger Chef Gerhard Schröder muss auf seine alten Tage noch als Gasableser arbeiten. Manchmal, wie jetzt im Fall Mappus, wird ruchbar, wem Politiker tatsächlich hörig sind. Es ist nicht zu fassen, wie billig das oft ist. Im Sinne des Wortes: billig. Politisches Kabarett, das die Politiker als Zentrum der Macht sieht, ist keins. Strauß und Kohl verdanken einen Teil ihres Ruhmes und ihre langjährige Amtszeit solchem Kabarett. Und Merkel ist auf dem besten Weg, ihnen zu folgen.
Wer ist hier der Souverän? Die Frage stellt sich täglich. Banken werden souverän gerettet, Politiker erhalten auch nach krassen Fehlleistungen noch souveräne Ruhestandsbezüge. Nur das Volk kann noch richtig pleite gehen. Das ist nicht sehr souverän. Was mich selber betrifft, bin ich ja nicht nur eine der ältesten Rating-Agenturen in Deutschland. Ich werde mich demnächst in eine Bank verwandeln. Dann werde ich auch gerettet.

Sie kritisieren, dass die Aufzucht von Schweinen mehr abwerfe als das Großziehen von Kindern. Ist das symptomatisch – wird dem Menschen heute hierzulande weniger Wert beigemessen?
Immerhin werden hierzulande mehr Schweine großgezogen als Kinder. Und das gar nicht mal nur im übertragenen Sinn. 

Worin mag die Ursache für diese Entwicklung liegen – immerhin berufen wir uns doch auf die Tradition der Aufklärung und des Humanismus, die ja beide auch für bestimmte Werte stehen.
Natürlich haben wir Werte. Aber wir müssen auch flexibel sein und letztendlich geht es immer um Arbeitsplätze. Wir wissen: Auch den Weg zur Hölle kann man mit Biosprit zurücklegen. Die Leopard-Panzer, die wir als Gruß an den arabischen Frühling nach Saudi-Arabien verkaufen, haben die Energieeffizienzklasse A+, sie schießen bleifrei und auf den Patronen ist Pfand drauf.

Machen wir mal den Stresstest Kabarettist. Ist die Zeit seit der Finanzkrise für Kabarettisten besser oder härter geworden? Immerhin scheinen einige Politiker Ihrem Berufsstand Konkurrenz zu machen. Nehmen wir allein die gestrigen Meldungen, Familienministerin will Teenies von Veranstaltungen ausschließen, auf denen Alkohol ausgeschenkt wird oder die Regierung verkauft Daten ihrer Bürger. Klingt alles eher wie eine Satire.
Das mag alles im Moment etwas zugespitzt sein. Nicht nur in der Finanzpolitik geht es ja derzeit zu wie bei der letzen Runde Monopoly: alle leihen sich Geld, um die horrenden Mieten zu bezahlen und alle wissen: das Spiel geht nicht mehr lange. Aber neu ist es nicht. Schon Bismarck sagte: „Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie!“

Interview: Ronald Klein
Foto: Michael Wallmueller


Arnulf Rating: Stresstest Deutschland

im Mehringhof-Theater
u.a. 1.und 4.-8.12., 20 Uhr

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