• Kultur
  • Interview mit Barrie Kosky

Kultur

Interview mit Barrie Kosky

Interview mit Barrie Kosky

tip Herr Kosky, Tschaikowskys „Eugen  Onegin“ gab es regelmäßig an allen drei Berliner Opern. Warum brauchen wir eine Neuinszenierung – eine Triplette!?
Barrie Kosky „Onegin“ wurde das letzte Mal vor acht Jahren in Berlin herausgebracht. Und dieses Stück spielt eine große Rolle in der Tradition der Komischen Oper. Wir brauchen es, ähnlich wie jede Sprechbühne in Berlin Shakespeare, einige antike Tragödien und einige Tschechows braucht. Im Übrigen: Gerade wir an der Komischen Oper machen fast nur Stücke, die nur bei uns auf dem Spielplan stehen.

tip Sieben von acht Premieren Ihrer nächsten Spielzeit, so haben Sie im Vorfeld gesagt, würden Stücke sein, die nirgendwo anders in Berlin laufen. Aber bleiben wir bei Tschaikowsky: Warum hat er sein Werk im Untertitel nicht als Oper, sondern als „Lyrische Szenen“ bezeichnet?
Barrie Kosky Weil es keine Oper im klassischen Sinne ist! Tschaikowsky hat viel weggelassen von Puschkins Vorlage – und viel Neues entwickelt. Bei „Eugen Onegin“ handelt es sich um eine Meditation über Themen Puschkins. Außerdem stattet Tschaikowsky hier seinen Tribut gegenüber der russischen Oper ab, die – auch bei Glinka, Rimski-Korsakov oder Mussorgsky – viel tableauhafter, blockartiger, weniger psychologisch war als wir es gewohnt sind. Darin liegt seine Meisterschaft. Ein perfekt gebautes Stück.

tip Sie gelten als Fachmann für Komisches und wie für Tragisches. Aber dies hier liegt dazwischen. Halbtragisch, oder?
Barrie Kosky Ja, stimmt. Ich war meist zuständig für die große Show oder für die Hardcore-Tragödie. Dass es hier anders liegt, macht aber gerade den Reiz für mich aus. Ich habe „Eugen Onegin“ zum ersten Mal gesehen, als ich elf Jahre alt war. Ich war hingerissen. In die Auseinandersetzung mit dem Stück spielt also auch eine gewisse Sentimentalität rein.

tip Sie wurden zuletzt dafür kritisiert, Ihre Inszenierungen seien zu verrätselt. Haben Sie für alle Rätsel eine Erklärung?
Barrie Kosky Ich halte es nicht für meine Aufgabe, Rätsel zu lösen. Meine Aufgabe als Regisseur ist es, durch meine Inszenierungen Assoziationen beim Zuschauer auszulösen. Diese müssen sich nicht unbedingt mit meinen Intentionen decken oder sich zu einem kohärenten Bild zusammenfügen. Das heißt aber nicht, dass ich den Zuschauer, wie viele andere Regisseure, irritieren oder konfus machen möchte.

tip Kritisiert wird auch das zu regelmäßige Wiederkehren von Revue-Elementen. Müssen Sie da aufpassen?
Barrie Kosky Das gehört einfach auch zu meinem Stil. Ich liebe nicht nur großes, tragisches Theater, sondern eben auch Revue, Camp und sexuelle Anspielungen. Und es gibt Stücke, die genau das benötigen. Ich denke, ich bin trotzdem gerade klug genug zu wissen, dass man dies gut dosieren muss. Deswegen mache ich ja jetzt ein ganz einfaches, melancholisches Stück. Grundsätzlich in Frage stellen werde ich diese Stilmittel erst dann, wenn ich damit nichts Neues erzählen kann. Keinen Augenblick früher.

tip Noch ein Kritikpunkt: In Ihrer halbszenischen Aufführung der „Zirkusprinzessin“ war von den Sängern kein einziges Wort zu verstehen – mit Ausnahme von Dйsirйe Nick, die ein Mikroport trug. Damit kommt die Operette handwerklich an die Grenzen der Aufführbarkeit!
Barrie Kosky Das würde ich nicht sagen. Aber die Akustik unseres Hauses führt uns manchmal an die Grenzen. Auf einigen Plätzen im Haus haben wir bei manchen Stücken keine optimalen akustischen Verhältnisse, insbesondere wenn nur teilweise mit Mikroport gearbeitet wird.

tip Sie inszenieren augenblicklich im Acht-Wochen-Rhythmus: Nach „Eugen Onegin“ folgt Anfang April „Macbeth“ in Zürich und Anfang Juni „Carmen“ in Frankfurt. Die Proben dauern jeweils sechs Wochen. Bereiten Sie die Arbeiten in den verbleibenden zwei Wochen dazwischen vor?
Barrie Kosky Ich bereite Inszenierungen grundsätzlich zwei Jahre im Voraus vor. Und zwar gut genug, um dann zwei Wochen vor Probenbeginn die Hände frei zu haben. Soeben habe ich mein Konzept für die „Meistersinger“ 2017 in Bayreuth vorgestellt. Katharina war begeistert. Und trotzdem habe ich bei Probenbeginn keine Ahnung, wie das Ganze wird. Fast 80 Prozent von dem, was in meinen Aufführungen zu sehen ist, finde ich erst während der Proben. Eines ist trotzdem klar: Ich mache viel in dieser Saison! Warum: Weil Planungen und Verschiebungen an anderen Häusern dazu geführt haben. Denen gegenüber bin ich loyal.

tip Ihr Haus erfreut sich einer konstant soliden Auslastung von 87,5 Prozent. Bei Ihrem Vorgänger war es deutlich weniger. Wie schätzen Sie Ihre Zukunft ein?
Barrie Kosky Es wird jetzt schwieriger. Die Risiken werden größer und der Erfolgsdruck auch. Ständig müssen wir uns selber toppen. Das ist eben so – an jedem guten Haus. Ich bin seelisch vorbereitet auf die Gegenreaktion, wenn man sagt: „Schon wieder ein Nacktarsch! Immer dasselbe!“ Unser Repertoire ist so bunt, so verschieden, dass in meinen Augen auch schon eine Auslastung von über 70 Prozent gut wäre. Man kann nicht nur Jubel haben, wenn man Buntheit will. Ich bleibe ein Freund der Promenadenmischung.

tip Erkennt Sie Ihr Hund überhaupt noch, wenn Sie so viel arbeiten?
Barrie Kosky Tut er. In Zürich darf er sogar mit zu den Proben. In Frankfurt auch, denn dort liegen die Proberäume außerhalb. Nur in München müsste ich ihn in einer Tasche am Pförtner vorbei schmuggeln. Angeblich haben das andere schon geschafft. Ich leider nicht. Mein Hund riecht, weil er alt ist, und ist zu groß für eine Tasche.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Jan Windszus Photography

Komische Oper Berlin So 31.1., 18 Uhr, Mi 3.2., 19.30 Uhr, Sa 6.2., ?19.30 Uhr, Karten-Tel. 47 99 74 00

Mehr über Cookies erfahren