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Interview mit Barrie Kosky

Interview mit Barrie Kosky

Barrie Kosky wurde 1967 in Melbourne als Enkel jüdischer Einwanderer aus Russland, Polen und Ungarn geboren. Seit 2012 ist er Intendant der ­Komischen Oper. Zuvor leitete er seit 1996 das australische Adelaide Festival, 2001 bis 2006 war er ­Co-Direktor des Schauspiel­hauses Wien. Seine Debüt-­Inszenierung an der Komischen Oper war Ligetis „Le grand macabre“ (2003). Unter Koskys Leitung wurde die Komische Oper 2013 zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt.

tip Herr Kosky, mit „Kiss Me, ­Kate“, „Ball im Savoy“ und „Clivia“ haben Sie den Gipfel des Amüsements an der Komischen Oper bereits erreicht. Wie wollen Sie das noch toppen?
Barrie Kosky Das ist tatsächlich eine heikle Frage. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als wenn man sagt: „Barrie, genau so war es doch schon beim letzten Mal.“

tip Wie wollen Sie das vermeiden?
Barrie Kosky Indem ich ein Stück von einem ganz anderen Komponisten in­szeniere, nämlich von Jacques Offenbach. Der war für die Komische Oper von enormer Bedeutung. Felsenstein hat mit Offen­bachs „Ritter Blaubart“ einen seiner größten Erfolge überhaupt gehabt. Die Inszenierung lief 29 Jahre lang mit 369 Vorstellungen. Von Offenbach stammt sogar der Name unseres Hauses.

tip Ist man als Operettenregisseur in der Gefahr, schneller zu verschleißen?
Barrie Kosky Ich hoffe nicht. Vorsichts­halber mache ich in der nächsten Spiel­zeit „Eugen Onegin“ von Tschaikowsky. Das wird ganz anders. Für mich sind Komödie und Tragödie zwei Enden derselben Kerze. Ich suche die Komik im „Hamlet“ und die Tragik von „Ball im Savoy“. Tatsache ist trotzdem, dass Komödien viel mehr Energie kosten als „Parsifal“. Komödie ist Knochen­arbeit.

tip Warum eigentlich?
Barrie Kosky Weil es um Timing geht. Man muss immer den Lach­punkt finden, um den herum alles gebaut werden muss. Eine Pointe müssen Sie vorbereiten. Und wenn Sie nach dem Witz nicht genug Zeit zum Lachen lassen, wird es gleichfalls nichts. Komik zu machen, ist nicht lustig. Wenn auf den Proben sechs Wochen lang durch­gelacht wird, hat man was falsch gemacht.

tip Offenbachs „La belle Hйlиne“ ist ein Meisterwerk. Aber für Antikenparodien – und darum handelt es sich – interessiert sich heute niemand mehr. Oder?
Barrie Kosky Sie haben völlig recht. Auch das Second Empire, das Offenbach aufs Korn nimmt, interessiert keinen mehr. Es sind Dinge, die wir zwar nicht herauslassen können, auf die wir uns aber auch nicht verlassen dürfen. Dagegen: Dass eine Frau in ihrer Ehe unzufrieden ist, ist ein Thema von zeitloser Schönheit und Aktualität. Ursprünglich wollte Offenbach eine „Tannhäuser“-Parodie schreiben. Schließlich ist eine Dada-Operette daraus geworden. Surreal, irreal und voller Nonsens! „Die schöne Helena“ ist wie fran­zösischer Monty Python. Es riecht nach Moderne. Und ist sehr erotisch. Außerdem ist „Die schöne Helena“ das Mutterschiff aller Operetten. Von ihr geht es direkt bis zu Rosalinde und „Gräfin Mariza“. Und zu „Lulu“, „Salome“ und „Elektra“ auch.

tip Bisher galt in Berlin, dass Wiederaufnahmen immer Flops sind. Glauben Sie, dass Sie mit der Siegesserie von „Zauber­flöte“, „West Side Story“ und „Clivia“ diesen Trend um­gedreht haben?
Barrie Kosky Vielleicht schon. Allerdings nicht mit „West Side Story“, denn dafür haben wir die Rechte leider nur für drei Spielzeiten. Bei uns verkaufen sich Wiederaufnahmen im Moment fast so gut wie Premieren. Wir haben gesehen, dass das Publikum nach mehreren Jahren neue Produktionen sehen will, auch wenn die alten ein paar Jahre lang sehr erfolgreich waren – wie die Neuenfels-„Traviata“. Das Publikum ist ein Vampir. Und ich bin auch ein Vampir. Wir wollen frisches Blut.

tip Tatsächlich scheinen Sie die Komische Oper, was die Aus­lastung anbetrifft, aus einem Dorn­rös­chen­schlaf geweckt zu haben. Fällt man im Haus schon vor Ihnen auf die Knie?
Barrie Kosky Kann sein, dass ich noch freund­licher gegrüßt werde. Für uns bemisst sich Erfolg allerdings nicht allein nach der Auslastung. Wir sind stolz darauf, dass der Ruf des Hauses wieder einen gewissen Glanz bekommen hat. Ich bin kein Rattenfänger. Ich bin „Papa-­Mama Kosky“. Mein Erfolg besteht darin, dass das Publikum mir so weit vertraut, dass es glaubt, dass wir nicht dilettantisch sind. Dieses Vertrauen gebe ich an das Haus weiter.

tip Gibt es so etwas wie einen Kosky-Stil?
Barrie Kosky Ja, den gibt es. Aber den müssen Sie selbst beschreiben. Er besteht nicht darin, dass etwas bunt, schräg oder schrill ist. Meine Ästhetik wechselt, nur mein Stil bleibt gleich. Es ist eher ein Arbeits­stil, der mit bestimmten Darstellern zu tun hat. Ein wichtiges Element meines Stils ist etwa Peter Renz. Solange ich da bin, darf er immer bei mir spielen. Ein Juwel, das früher lange nicht als solches erkannt wurde. Wenn ich 2017 in Bayreuth die „Meister­singer“ inszeniere, werde ich als Intendant der Komischen Oper dort hingehen. Die Komische Oper ist meine Steckdose, und ich kriege den Strom daher. Ich habe Heimweh, wenn ich woanders bin. Auf der anderen Seite war ich bereits ein fertiger Regisseur, als ich hierher kam. Jetzt bin ich nur „institutionalized“.

tip Klingt ein biss­chen nach Klaps­mühle!?
Barrie Kosky Jedes Theater ist eine Anstalt. Ein bisschen Irrenhaus, ein biss­chen Zirkus. Es muss immer halb außer Kontrolle geraten – und schmut­zig sein. Theater ist doch ein bisschen messy, oder?

tip Wenn man sich Ihr Büro so anschaut, wo alles sehr sauber und geordnet ist, würde man auf diesen Gedanken nicht kommen!
Barrie Kosky Es muss für mich alles einen Rahmen haben. Aber drinnen darf es gern drunter und drüber gehen. Anders gesagt: Ich bin ein Kon­troll­freak, Sie haben recht!

tip Von der Presse wurden Sie freundlich begrüßt, als Sie in Berlin anfingen. Man schrieb gerne darüber, dass Sie so viele Ringe tragen und einen Hund haben. Sind diese Sachen in­szeniert?
Barrie Kosky Sie meinen, weil ich heute gar keine Ringe trage?! Ich habe sie vergessen. Aber sie sind kein geheimes Zaubermittel. Ich mag wirklich Ringe. Diesen Tick habe ich von meiner Großmutter geerbt, bei der ich 20 Mal pro Jahr übernachtete, wenn ich in Aus­tralien in die Oper ging. Ich mag übrigens auch Brillen. Unter anderem deswegen, weil ich Kon­taktlinsen nicht vertrage. Ich bin ein Gesamt-Package, das sich gewiss wie jeder andere Mensch inszeniert. Aber authentisch. Anders wäre es unglaubhaft. Und würde nicht funktionieren.

tip Brauchen Sie, um interessant zu bleiben, bald ein neues Accessoire?
Barrie Kosky Nein, mein Augenbrauen-Piercing habe ich sogar rausgenommen. Ich bin zu alt dafür. Wenn ich irgendwann richtig alt sein werde, trage ich vielleicht nur noch Schwarz und habe nur noch einen einzigen Ring.

tip Den „Kosky-Ring“?
Barrie Kosky Ja, genau. (lacht.) Den kann man dann nach meinem Tode wie einen Preis weiterreichen. So wie den Iffland-Ring. Für Aufführungen, die besonders kosky­esk gelungen sind.

tip Steht der Ausdruck „kosky­esk“ schon im Duden?
Barrie Kosky Hoffentlich bald. Kurz hinter „kafka­esk“.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto:
Gunnar Geller

Die schöne Helena in der Komischen Oper Berlin, Sa 11.10., 19 Uhr; ?Fr 17.10., 19.30 Uhr; So 19.10., 16 Uhr; Sa 25.10., 19.30 Uhr; Sa 8.11., 19.30 Uhr; Sa 15.11., 19.30 Uhr; ?So 23.11., 18 Uhr; Do 11.12., 19.30 Uhr; Mi 31.12., 18 Uhr; ?Karten-Tel. 47 99 74 00

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