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Interview mit Ben Becker

Interview mit Ben Becker

Nur sieben Minuten nach der vereinbarten Zeit trifft Ben Becker zum Gespräch im „Friedel Richter“ an der Torstraße ein. Nahe am Pünktlichkeitsrekord, versichert die Geschäftsführerin. Am Vortag hat der Schauspieler noch alle Termine absagen müssen. Stimme weg. Jetzt geht’s ihm offensichtlich gut. Er kommt rauchend, aufgeräumter Stimmung, der Bass tönt und das Totenkopftattoo am Ringfinger funkelt.

tip Herr Becker, Judas Iskariot hatte ein Image-Problem. Hier ist ein Zitat aus dem 2. Jahrhundert von Hierapolis: „Von seinem ganzen Körper floss Eiter herab, neben Würmern, die ihn schon bei den natürlichsten Bedürfnissen quälten“. Und diesen Kerl spielen Sie jetzt im Berliner Dom, mit dem Text von Walter Jens, „Ich, Judas“.
Ben Becker Bei Jens gibt es noch härtere Bilder. Aber dagegen steht der Mann auf. Also, nicht Judas selbst, für den hat sich’s ja nun erledigt. Aber Jens übernimmt und zeigt jemanden, der zur Schuld verurteilt wird, der verantwortlich gemacht wird für den größten Verrat der Menschheitsgeschichte. Und Herr Jens ist so mutig, zu sagen: das kann man nicht so im Raum stehen lassen. Finde ich spannend.

tip Sehen Sie denn Parallelen zwischen Ihnen und Judas?
Ben Becker Schon. Das ist ja eine sehr private Frage. Aber natürlich muss man einen Draht zu jemandem finden, mit dem man sich so auseinander setzt. Wo habe ich mich selbst verraten, wo andere, wo muss ich zugeben: ich habe versagt? Wo ist der Punkt, an dem ich mir den Strick nehmen kann? Durchaus geht mich das an. Aber „Ich, Judas“ ist natürlich ein plakativer Titel, der nicht nur für Ben Becker gilt. Der soll für jeden gelten, der reingeht. Draußen am Dom wollte ich eigentlich eine Leuchtschrift anbringen: „Dieser Strick gilt für alle“.

tip Daraus wird nichts?
Ben Becker Nein, es gab einfach keinen Platz dafür, und manche Ideen muss man vielleicht auch nicht umsetzen. So eine Leuchtschrift kostet ja auch, und wenn schon, dann soll’s auch Bums haben.  
Ich stelle ja sowieso schon eine Behauptung in den Raum, indem ich mit einem solchen Text in den Dom gehe und meine, da gehöre ich hin. Mehr Größenwahn geht ja nicht.

tip Wann sind Sie auf den Jens-Text gestoßen? Im Zuge ihrer Show „Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie“?
Ben Becker Bei der Bibel-Sinfonie war ich ja schwer auf dem Merchandising-Trip. Hat aber überhaupt nicht geklappt, da gibt es jetzt noch ein Lager voll mit Zeugs. Taschen, Jäckchen, Badges, T-Shirts, ich bin da ein kleiner Junge, ich lebe mich aus und finde das komisch. Aber in erster Linie machen das natürlich Heavy-Metal-Bands, bei denen läuft das auch. Jedenfalls hatten wir damals ein T-Shirt, auf dem nur „Judas“ stand, das fand ich geil. Mit dem Walther-Jens-Text ist dann aber der Herder-Verlag auf mich zugekommen, ein katholischer Verlag, wie man weiß. Zunächst mit der Bitte, ein Hörspiel daraus zu machen. So fing die Beschäftigung an.

tip Jens zeigt einen Judas in der Revolte. Wäre nicht ein Judas interessanter, der drauf pfeift, was andere von ihm denken?
Ben Becker Nein. Fände ich scheiße. Damit entzieht man sich ja der Gesellschaft in einer Art und Weise, die höchstens momentweise prickelnd sein kann. Ich kenne niemanden, der so arrogant wäre, das konsequent durchzuziehen. Denn dann bräuchte man sich nicht mehr mit der Gitarre vors Publikum zu stellen, dann könnte man gleich zuhause bleiben und sich gleich die Spritze setzen. Interessiert mich jedenfalls nicht.

tip Wie haben Sie eigentlich den Dom überredet, Ihnen die Pforte zu öffnen?
Ben Becker Die kamen tatsächlich selbst mit dem Vorschlag. Also habe ich mir den Laden angeguckt und gedacht, na gut. Natürlich will ich auch ein bisschen ärgern und eine Handgranate unter die erste Reihe werfen.

tip Das meinen Sie jetzt aber bildlich?
Ben Becker Klar, ohne jemanden zu verschrecken, dafür gehen wir ja in die Volksbühne. Verbale Handgranaten liebe ich, das mache ich sehr gerne. Ich muss mich natürlich zusammenreißen, ich fange nicht an, Privatgespräche mit dem Publikum zu führen.

Ben Becker hält plötzlich inne und betrachtet den Kugelschreiber des Interviewers. FC-Bayern-Logo darauf. Die (wahrheitsgemäße!) Entschuldigung, der gehöre dem 6-jährigen Sohn, lässt er nicht gelten: „Alles eine Frage der Erziehung!“ Becker und der Rekordmeister haben eine besondere Beziehung, seit der Schauspieler auf Bayern 3 mal den Tod von Franz Beckenbauer verkündet hat. Ein Scherz mit Folgen. Der ausbrechende Shitstorm konnte nur durch kaiserliche Intervention besänftigt werden. Bayern-Ultras ließen T-Shirts drucken „Tötet Ben Becker“. Eins davon hat er noch zuhause. Er nimmt das sportlich. Und weiter geht’s.

tip Weshalb lassen die Bibel-Themen Sie nicht los?
Ben Becker Weil es so große existenzielle Themen sind. Was mir ja immer vorgeworfen wird: das Pathos! Die große Oper! Bei der Bibel hat man mir das ja um die Ohren gehauen. Wo ich nur sagen konnte: Kinder, es ist nun mal nicht Micky Mouse. Einen großen Satz muss man auch groß hinstellen. Welcher Idiot wirft den Machern von „Ben Hur“ Pathos vor? Sonst gehe ich ins Bahnhofskino und gucke mir einen Buttgereit an, geht ja auch.

tip Hat der spirituelle Überbau zuhause gefehlt?
Ben Becker Weiß ich nicht, ob da was gefehlt hat, ich bin ja kein Psychologe. Ich merke aber – mein kommunistischer Vater möge es mir verzeihen – dass letztlich im Christentum und im Kommunismus die gleichen Themen verhandelt werden. Ganz naiv: Alle Menschen werden Brüder. Mir fällt ein Ei aus der Hose, wenn ich in Dresden diese Pegida-Freaks sehe. Diese Aggression kann ich nicht verstehen. Ich kann mit jeder Glatze reden, damit habe ich kein Problem. Aber mit dieser blinden Aggression schon. Die Frage ist doch, ganz kindlich: Wie kommen wir Menschen zusammen, kommen wir überhaupt zusammen? Und das behandelt die Bibel. Bisweilen auch ausufernd, die landet ja manchmal bei „Sindbad, der Seefahrer“.

tip Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, Sie würden nach dem Tod ein Gänseblümchen. Deprimierender Gedanke, oder?
Ben Becker Nein, eine Metapher. Ich finde erstens das Bild schön. Zweitens ist es so, dass ich am Stück hinunter gelassen werden will. Ich möchte tatsächlich zu Erde werden. Dann kriechen die Würmchen durch meine Augen, fressen alles auf, machen kacki-kacki, dann gibt es frische Erde, und daraus wächst vielleicht ein Gänseblümchen. Kann aber auch sein, dass eine deutsche Eiche draus wird!

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Faceland.com / Fritz Brinckmann

Berliner Dom Do 19.–So 22.11, 20 Uhr, zusätzlich 12. März 2016 Karten-Tel.: 202 02 136

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