Theater

Interview mit Bernadette La Hengst

Bernadette_La_HengstDie Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen stellt seit einigen Jahren einen medialen Dauerbrenner dar.
BERNADETTE LA HENGST Also, ehrlich gesagt kann ich das nicht als medialen Dauerbrenner erkennen, es wird doch leider eher in Medien diskutiert, die sich sowieso mit alternativen Lösungen und utopischen Gesellschaftsformen auseinander setzen.
Als es die Online-Petition für eine Anhörung der Idee des bGE im Bundestag gab, (bei der 50.000 Menschen unterzeichnet haben) kam eine Welle von Interesse auf, die dann nochmal überschwappte, als die Piratenpartei die Forderung nach der Einführung des bGE ins Parteiprogramm aufnahm. Ich interessiere mich seit ein paar Jahren für das Grundeinkommen, weil ich auf der Suche nach gesellschaftlichen Lösungsmodellen für scheinbar individuelle Probleme bin. Ich glaube, dass man über ein Nachdenken darüber in künstlerisch/theatral-musikalischer Form etwas in Bewegung setzen kann.   

Warum sprechen sich einige Unternehmer für das Grundeinkommen aus, während die Parteien sich davor scheuen?
Die größeren Parteien, die sich Sozialpolitik auf die Fahne geschrieben haben, haben Angst, dass man ihnen Naivität vorwerfen könnte, wenn es z.B. um die Finanzierbarkeit eines bGE geht. Außerdem leben die meisten Menschen und auch Politiker immer noch in dem Glauben, dass Arbeit und Lohn miteinander gekoppelt sein müssen, um soziale Gerechtigkeit herzustellen. Der Unternehmer Götz Werner beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und glaubt, dass das bGE den Menschen ein würdevolles selbstbestimmtes Leben ermöglicht, weil sie frei von finanziellem Druck über die Art ihrer Beschäftigung entscheiden können. Glückliche und selbstbestimmte Menschen leisten bessere und nachhaltigere Arbeit, deshalb wäre das bGE für ihn auch aus wirtschaftlichen Gründen ein gesellschaftlicher Gewinn.

Besitzt (Lohn-)Arbeit ein unverhältnismäßig hohes Ansehen? In dem Zusammenhang wird so gern auf Aristoteles verwiesen, der jedoch nie behauptete, dass die Arbeit inspirierend sei. Er sprach von der „Beschäftigung“, während er der Meinung war, dass Arbeit nur für Sklaven geeignet sei, aber nicht für griechischen Bürger.
Ja, Lohnarbeit ist komplett überbewertet, und Vollbeschäftigung ist ein Mythos des vergangenen Jahrhunderts. Ich, als freischaffende Künstlerin, weiß das nur allzu gut. Der Übergang von Freizeit, Hobbies, Sozialarbeit, Familienarbeit zu bezahlter (Lohn)-Arbeit ist fließend. Und dennoch kämpfen alle ständig ums Überleben, weil die meiste Arbeit un(ter)bezahlt ist und viele dauernd (1 Euro)-Jobs annehmen müssen, die nicht ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechen.

Eine der kritischen Fragen zum bGE ist natürlich, wer macht dann die sogenannte “Drecksarbeit”? Gibt es dann doch eine Zwei-Klassengesellschaft, in der wir uns „Sklaven“ halten, die unsere Klos putzen und den Müll transportieren?
Durch die neue Möglichkeit der Menschen, zu bestimmter Arbeit nein zu sagen, müssten die unattraktiven Jobs attraktiver gemacht bzw. besser bezahlt oder automatisiert werden, sodass es keine “Drecksarbeit” mehr gäbe.

Bevor im März 2013 das „Bedingungslose Grundeinsingen“ Premiere feiert, finden monatliche Diskussionsveranstaltungen statt. Welche Positionen werden dort präsentiert resp. welche Gäste sitzen im Podium?
Unsere Veranstaltungsreihe soll nicht nur eine trockene Podiumsdiskussion sein, sondern verschiedene Formate zusammen bringen, sie heißt deshalb DISKOTIEREN FÜRS GRUNDEINSINGEN. Wir laden uns verschiedene Gäste ein, die aus ökonomischer, kulturphilosophischer und feministischer Perspektive zusammen mit dem Publikum über das bGE diskutieren. Unser fester Gast ist die Publizistin und Kuratorin Adrienne Göhler, die u.a. 2010 zusammen mit Götz Werner das Buch „1000 Ђ für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen“ geschrieben hat. Am 12.12. kommt zusätzlich der Kultur- und Medienwissenschaftler Stefan Heidenreich, der 2008 das Buch „Mehr Geld“ (Merve) geschrieben hat. Am 30.1. laden wir zusätzlich Sascha Liebermann von der Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung ein. Die DiskutantInnen für Februar und März sind noch unklar. Bald auf unserer Seite www.grundeinsingen.net oder auf www.sophiensaele.com

Einen wesentlichen Part im Stück wird der Chor einnehmen. Könnten Sie diesen bitte kurz vorstellen?
Der Chor des BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINSINGENS besteht aus ca. 15 Menschen, die in der Nähe von Berlin leben, und die finanziert durch ein europäisches Pilot-Forschungsprojekt, seit fünf Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro monatlich beziehen. Zum Fünf-Jahres-Jubiläum werden sie am 28.3. in die Sophiensaele kommen, um dem Publikum von den persönlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen zu erzählen. Teile des Chores werden schon in den Diskussionsveranstaltungen DISKOTIEREN FÜRS GRUNDEINSINGEN anwesend sein. Ich selbst werde als BEDINGUNGSLOSE CHORLEITERIN die einzige Bedingung unserer Veranstaltung einführen: Das Singen. Das heißt, wir werden uns alle gemeinsam einsingen und aussingen. Anschließend gibt es noch Diskotier-Musik mit eingespielten Theoriesamples.  

Wie gestaltet sich das „Bedingungslose Grundeinsingen“, das als Utopie daherkommt?
In der Mikro-Gesellschaft, in der vor fünf Jahren das bGE eingeführt wurde, fand eine schleichende Veränderung statt. Die ohrenscheinlichste Veränderung zeigt sich in der Kommunikationsform: Dem Singen. Gemeinsam mit dem Publikum wollen wir den Denkprozess sicht- und hörbar machen und kontroverse Diskussionen entfachen über den Sinn und Unsinn von entfremdeter Arbeit und selbstbestimmter Freizeit in einer Post-Wachstumsgesellschaft.

Interview: Ronald Klein
Foto: Christiane Stephan

„Diskotieren fürs Grundeinsingen“ am 12.12. und 30.1.2013, 20 Uhr, 12.02 + 05.03. 2013 in den Sophiensaelen

Premiere von „Bedingungsloses Grundeinsingen“ am 28.03. 2012

Weitere Informationen unter www.lahengst.com

 

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