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Interview mit Claudia Herr über ihre „Unterwasseroper“

UnterwasseroperHinter dem Begriff „AquAria“ verbirgt sich mehr als nur eine schöne Alliteration. Könnten Sie kurz das Konzept erläutern?
Claudia Herr: AquAria war ursprünglich im Rahmen einer vierteiligen Performancereihe, in der ich mit den stimmlichen und klanglichen Veränderungen durch die Elemente gearbeitet habe. So steht Aria für das Singen, AquA fürs Wasser. Weiter gibt es FlammAria, TerrAria und AirAria. 2000 war die erste Aufführung von AquAria zum „48-Stunden-Festival“ Festival im Stadtbad Berlin-Neukölln – die Geburt des Unterwassergesanges und Vorläufer der UnterwasserOper.

Darauf folgte die Idee der Oper?
Genau. Zuerst gab es eine Arbeit zur antarktischen Unterwasserhorchstation PALAOA (Hawaiianisch für Wal). Es entsteht gerade eine zweite Produktion mit einem neuen Produktionsteam und einem neuen Thema. Die Klänge der Tiefsee sind absolut spannend und noch jung in der Forschung. Musikalisch nähern wir uns folgenden Fragen an: Wie und warum verändert Wasser den Klang, die Stimme und welches Potential für Instrumente unter und für Stimmgebungen gibt es unter Wasser? Warum klingen die Meeressäuger so wie sie klingen und gibt es Vergleiche, die sich zur Stimmgebung der menschlichen Gesangsstimme ziehen lassen?

Ließ sich das Projekt schnell realisieren? Haben Sie Unterstützung für Ihre Idee gefunden?
Wir haben bis heute keine Unterstützung bekommen! Ich habe ein Dutzend Anträge in Berlin gestellt – es sind alle abgelehnt worden! Wir haben nur eine Chance über die Eintrittsgelder ein wenig zurück zu bekommen und die Produktion am Leben zu halten. Für die Uraufführung haben wir vom Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven, die die PALAOA_Horchstation betreiben ein wenig finanzielle Unterstützung erhalten für die Technik. Einen kleinen Betrag konnte noch die Aktion Karl-Marx-Straße dazu geben. Die UnterwasserOper stößt regional auf sehr großes Interesse. Weltweit waren und sind wir in den Medien, kürzlich waren wir in den Tagesthemen bei unserem Gastspiel in Dresden. Ich finde, es schreibt schon Geschichte, dass die Kulturhauptstadt sich bisher verweigert, dieses zugegeben sehr neuartige Projekt zu unterstützen. Fazit: Wir brauchen dringend finanzielle Unterstützung und Hilfe! Ich könnte mir vorstellen, mit einer großen Firma gemeinsam eine Marketingstrategie zu entwickeln und die Thematik, die die UnterwasserOper aufgreift zur Verfügung zu stellen für eine solche Kampagne.

Claudia_HerrEine Oper unter Wasser besitzt andere technische Erfordernisse als Musiktheater auf der Bühne. Welche genau?
Rein technisch brauchen wir Unterwassermikrofone, um dem Publikum die Unterwasserklänge und den Unterwassergesang zu übertragen. Unter Wasser ist jeder Bereich eines Musiktheaters anders. Die Bewegungen, die Stoffe, Text fällt ganz weg, die Dramaturgie, die Optik…das Publikum ist sehr nah dran an dem Mysterium Unterwasserwelt. Sie sitzen genau am Parkett das randvoll mit Wasser gefüllt ist.
Außerdem müssen die Protagonisten mit einer Tauchausrüstung arbeiten. Die Musik und deren Koordination kann nur mit Stoppuhren realisiert werden, da man unter Wasser nicht hört, was über Wasser gespielt wird. Das Schlagzeug unter Wasser und auch die Sänger brauchen eine höhere körperliche Kondition. Wir haben Unterwasserlampen. Besondere Sicherheitstechnik muss eingesetzt werden.

Was muss eine Location, die das Projekt buchen möchte, an Voraussetzungen mitbringen?

Sie muss Wasser haben. So viel Wasser, dass wir tauchen können. Interessant ist es außerdem, wenn die Location architektonisch oder auch – bei open air – irgendwie besonders ist und durch die UnterwasserOper in Szene gesetzt wird. Wer selbst nicht so eine Wasserlandschaft hat, kann aber auch eine extra Vorstellung im Baerwaldbad buchen. Diese ist dann nur für seine geladenen Gäste, Kunden, Partner, Freunde, Familie o.ä. reserviert!

Die Oper untersucht das Phänomen der Isolation innerhalb der Gemeinschaft.
Für mich stellt die Antarktis ein Symbol des unvorstellbaren Alters der Erde dar. Dort leben ohne menschlichen Einfluss uralte Wesen, z. Bsp. die Weddellrobben und meistern auf höchstem Niveau von Gemeinschaftlichem Miteinander ihre Existenz erfolgreich seit Ewigkeiten. Gemeinschaft als Erfolgsrezept! Aber auch noch ältere Wesen leben dort, nämlich die ältesten bekannten Lebewesen der Welt unter Wasser – Schwämme. Wir hingegen – als doch vergleichsweise junge Menschheit – haben in der Gesellschaft große Probleme mit dem Älterwerden. Der Respekt vor dem Alter lässt zu wünschen übrig und es wird viel daran gesetzt möglichst jung zu bleiben oder zu scheinen. Das ist in dem großen Kontext absurd. Viele rennen dem Glück hinterher und schaffen es nicht, es einfach zu leben, denn es ist ja immer da. Die ewige Suche des Menschen nach Glück, dem Jungbrunnen, dem Wasser des ewigen Lebens führt sie weiter weg von Liebe und Glücklichsein. So wie die Weddellrobben jeden Tag ihr Glück einfach haben, ihr Glück zu leben. Unsere Antwort ist die Gemeinschaft des Menschen ohne Unterschiede in der Herkunft oder des Wohlstandes.

In Dystopien drehen sich zukünftige Kriege immer um die Ressource Wasser. Ein naheliegendes Szenario?
Es gibt genügend Beispiele, dass ein Teil der Welt kaum sauberes Trinkwassser hat, obwohl es woanders verschwendet wird. In Ägypten werden z. Bsp. Bio-Kartoffeln mit 600 Mal so viel wertvollem Urquellwasser in der Wüste gewässert und gezüchtet für die deutschen und europäischen Speiseteller. Die Menschen aus anderen afrikanischen Ländern sind andererseits fast am verdursten und kennen kaum sauberes Wasser. Sie sind sogar teilweise abhängig von Hilfsgütern aus Europa.
Wirtschaftliche Interessen lassen eine gewisse Idiotie real sein, die dem gesunden Menschenverstand zu wider läuft. Wirtschaft und Politik bestimmen massiv den Umgang mit der Ressource Wasser. Es ist schwer für Diejenigen Erfolge zu verbuchen, die sich z. Bsp. für das einfache Recht in der Welt einsetzen, dass Jeder ein Recht auf sauberes kostenloses Trinkwasser hat. Ja, ich glaube, wenn das den Menschen wirklich bewusst wird, wo die Ursachen ihrer Not liegen, kann die Ressource Wasser Grund für kriegerische Auseinandersetzungen sein.

Interview: Ronald Klein
Foto: Unterwasseroper

Termine:Die Unterwasseroper
Premiere: 22.9.,
im Baerwaldbad

 

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