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Interview mit Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt

Interview mit Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt

Im Deutschen Theater spielte Corinna Harfouch (Foto rechts) u.?a. in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Die Möwe“, alle drei in der Regie von Jürgen Gosch. 1997 wurde sie für ihre Rolle des General Harras in „Des Teufels General“ an der Volksbühne (Regie Frank Castorf) in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater­ heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Zuletzt spielte sie u.?a. in „Die Physiker“ am Schauspielhaus Zürich (Regie: Herbert Fritsch). Corinna Harfouch spielte in zahlreichen Kinofilmen.

Nach dem Studium an der Hochschule Ernst Busch war Fritzi Haberlandt ab 2000 am Thalia Theater Hamburg engagiert, dort spielte sie u.?a. in Michael Thalheimers Inszenierung „Liliom“ und Armin Petras’ Aufführung „Zeit zu lieben, Zeit zu sterben“. 2006 wechselte sie mit Beginn von Petras Intendanz ans Maxim Gorki Theater, dort spielte sie vor allem in Inszenierungen von Petras und Jan Bosse. 2004 wurde sie für „Liegen lernen“ mit dem Deutschen Filmpreis, 2012 für „Eine Insel namens Udo“ mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnet.

tip Frau Harfouch, Frau Haberlandt, Sie und der Regisseur Jan Bosse haben Ingmar Bergmans Film „Herbstsonate“ für die Bühne adaptiert. Was geschieht in diesem Film über eine unglückliche Mutter-Tochter-Beziehung?
Fritzi Haberlandt Es ist der Versuch einer Tochter, sich von einem Druck, einer Verletzung zu befreien, die sie sicher geprägt und unglücklich gemacht hat. Durch die Wiederbegegnung mit der Mutter, die sie sieben Jahre nicht gesehen hat, wird das alles wieder aufgerissen. Sie will das aufarbeiten und glaubt, wenn alles gesagt ist, wird ihr Leben gut. Aber so funktioniert es halt nicht. Nach den Vorstellungen in Stuttgart haben mir alle möglichen Leute von der schwierigen Beziehung zu ihren Eltern erzählt. Ich habe ganz tolle Eltern, ich kenne diese Art von Erfahrung nicht so. Aber das scheint etwas zu sein, wovon man sein Leben lang nicht so richtig loskommt. Das ist eine der wichtigsten Beziehungen im Leben. Wenn da was schiefläuft, kann eben extrem viel schieflaufen.

tip Die Mutter ist eine berühmte Pianistin, die Tochter fühlte sich ihr ganzes Leben ungeliebt. Geht es dabei auch um den Preis der Kunst?
Corinna Harfouch Entschuldigung, das lehne ich sofort ab. Es führt in eine falsche Richtung, die Tatsache, dass diese Frau Künstlerin ist, für die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter verantwortlich zu machen. Sie ist einfach eine moderne und arbeitende Frau. Sie hat einen Beruf, der ihr etwas bedeutet, sie hat ein eigenes Leben. Diese enge Mutter-Kind-Erzählung gibt es ja auch erst seit dem 18. Jahrhundert. Seitdem gibt es diese unglaubliche Anforderung an die Mütter, um Himmels willen alles richtig zu machen.
Fritzi Haberlandt Das ist ein extremer Konflikt zweier Figuren. Als Schauspielerin kämpft man dann um seine Figur. Und natürlich leidet die Tochter, die ich spiele, unter dieser Mutter.
Corinna Harfouch Das geht so weit, dass du da­runter leidest, wenn ich negativ über die Figur spreche, die du spielst.
Fritzi Haberlandt Ja, ich will die verteidigen, absolut. Dieser Mutter-Tochter-Konflikt sieht je nach Perspektive komplett anders aus. Man kann nicht sagen, die eine hat recht und die andere hat unrecht. So extrem ist mir das mit den Figuren, die ich spiele, noch nie gegangen, vielleicht auch, weil sich der Regisseur Jan Bosse sehr klug nicht eindeutig positioniert hat. So waren wir gezwungen, unsere Figuren so heftig zu verteidigen.

tip Auch Bergman vermeidet es, seine Figur moralisch zu verurteilen. Vermutlich wäre das die langweiligste Lesart des Konflikts.
Corinna Harfouch Na ja, letztendlich kippt die Sympathie schon mehr zur Tochter. Sie hat viel mehr Gelegenheit, sich zu formulieren und über ihre Gefühle zu sprechen. Der Zuschauer hört auf das Wort. Dagegen kommt man ganz schwer an, da kann man die Situation interpretieren und spielen, wie man will. Man versucht ja, Leben zu spielen. Und für diese Aufgabe muss ich dafür sorgen, dass meine Figur nicht denunziert wird.
Fritzi Haberlandt Wenn diese Mutter nur einfach kalt und lieblos und selbstsüchtig wäre, würde ich mich als ihre Tochter nicht so an ihr ab­arbeiten. Es gibt eine große unerfüllte Liebe und Sehnsucht nach Nähe zu dieser Mutter. Ich höre von Leuten, die die Premiere in Stuttgart gesehen haben, dass sie beim Zusehen die ganze Zeit zwischen den Figuren hin- und hergerissen waren, das finde ich eigentlich sehr gut.

tip Einmal spielt die Mutter ein Chopin-­Prйlude und sagt dazu, bei Chopin liege zwischen Gefühl und Sentimentalität „ein Abgrund“. Charakterisiert das auch diese selbst­bewusste, gänzlich unsentimentale Frau?
Corinna Harfouch Ich finde es herrlich, dass sie, wenn es um ihre Kunst geht, so absolut klar werden kann. Das liebe ich.

tip Dieser fürchterliche Ernst, das protestantisch Selbstquälerische von Bergman und seinen Figuren wirkt wie aus einer anderen Zeit. Können Sie Leute verstehen, die davon genervt sind?
Fritzi Haberlandt Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, fand ich ihn umwerfend. Diese beiden Frauen und die Schauspielerinnen, die sie im Film spielen, Ingrid Bergman und Liv Ullmann, sind doch großartig. Es ist so viel, was die spielen und erzählen dürfen und sich da an den Kopf knallen. Es ist eine Zuspitzung, vielleicht auch manchmal überhöht, darauf muss man sich einlassen. Für das Theater kann das nur gut sein. Komischer­weise sehe ich das jetzt viel mehr als Theaterstück als als Film, auch weil das Drehbuch wirklich wie ein Theaterstück geschrieben ist.
Corinna Harfouch Wenn Sie sagen, dass Ihnen das vorkommt wie aus einer anderen Zeit, liegt das vielleicht daran, dass wir uns daran gewöhnt haben, dass uns alles sehr undramatisch, ironisch umspielt, möglichst heiter und leicht serviert wird. Wir trauen uns kaum noch zu, Tragödien zu erzählen. Aber meiner Ansicht nach sind wir in der Welt von Tragödien geradezu umzingelt. Auch wenn echte Dramen erzählt werden, will man das gerne nett und erträglich machen. Dadurch kommen wir an die echten Konflikte gar nicht ran – und erst recht nicht zu kathartischen Momenten, um die es im Theater ja mal ging. Aber genau diese Dinge interessieren mich. Ich bin sehr dafür, dass man nicht immer ­alles weichzeichnet.
Fritzi Haberlandt Bergman setzt einen Rahmen, in dem diese harten Konflikte stattfinden. Seine Ästhetik, die Konsequenz, mit der er seine Bilder baut, machen diese Geschichten erst möglich. Ich finde diese Filme immer noch extrem modern. Bergman selbst muss als Kind sehr unter seinem Vater gelitten haben. Er erzählt immer auch von sich selbst, glaube ich, auch in diesem Film.
Corinna Harfouch Er erzählt von sich, nicht nur in der Figur der Tochter, auch in der Figur der Mutter. Er selbst hat seine Kinder auch vernachlässigt, er ist auch jemand, der Schuld auf sich lädt und egoistisch ist. In seiner Selbstwahrnehmung ist er gnadenlos, er schont sich nicht. Ich lese grade die großartige Kafka-Biografie von Reiner Stach. Er arbeitet sehr genau heraus, wie bei Kafka das Finden des Ichs zum Gegenstand der Erzählung wird, wie er auf dieses selbst gehasste Ich schaut, das ihm rätselhaft bleibt. Das ist bei Bergman sehr ähnlich.

tip Machen das Schauspieler auch, ihr Leben als Rohstoff ihrer Kunst benutzen?
Corinna Harfouch Die Auseinandersetzung mit einer Figur, die man spielt, hat sehr wohl mit einem selber zu tun, mit der eigenen Biografie, mit dem Verhältnis zur Welt, zu den Menschen, mit denen man es zu tun hat. Bei der Suche nach einer Form, in der man das erzählt, entwickelt sich in einem selbst ein gewisser Standard. Wenn man unter den geht, wenn man hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt, schmerzt es. Das tut weh, das will man nicht.

tip Weshalb war die Premiere dieser Ko­produktion zweier Theater eigentlich in Stuttgart und nicht in Berlin?
Fritzi Haberlandt Weil es eine Idee des Stuttgarter Schauspiels war.
Corinna Harfouch Es war Fritzis Idee.
Fritzi Haberlandt Es gab vor ein paar Jahren bei der Berlinale eine Bergman-Retrospektive, da habe ich mir fast alle Filme angesehen, weil ich davon so fasziniert war. Damals ist dieser Wunsch eigentlich entstanden, ich habe es dem Maxim Gorki Theater vorgeschlagen. Dann wollte Armin Petras als Intendant vom Gorki nach Stuttgart wechseln, und wir haben uns überlegt, dass wir das in Stuttgart machen könnten. Ziemlich schnell kam die Idee, das zusammen mit Corinna zu machen. Corinna und ich haben uns irgendwann besser kennen­gelernt, auch weil wir auf dem Land Nachbarinnen sind.

tip Viele Leute freuen sich, dass Sie wieder in Berlin Theater spielen, ich zum Beispiel. Weshalb haben Sie einige Jahre kaum noch Theater gespielt?
Fritzi Haberlandt Ich brauchte einfach mal eine Pause. Seit der Schauspielschule habe ich eigentlich permanent gespielt. Ich brauchte mehr Zeit für mich, und ich wollte mehr in meinem Haus auf dem Land sein. Das hat mir sehr gutgetan, das merke ich jetzt, wenn ich wieder spiele. Die Spielfreude war mir ab­han­den­gekommen, ich bin froh, dass ich das rechtzeitig gemerkt habe. Die Zähne zusammenbeißen und einfach weitermachen, das hätte ich nicht gekonnt. Es ist natürlich ein großer Luxus, wenn man das kann – aufhören im Engagement, weniger Theater spielen, bis die Freude daran wiederkommt, und stattdessen eine Zeit lang mehr drehen. Dafür, dass das möglich ist, bin ich auch dankbar.

tip Frau Harfouch, kennen Sie das, dass es ab und zu einfach reicht?
Corinna Harfouch Ja, immer wieder. Ich hatte auch einige Jahre, in denen ich nicht Theater gespielt habe. Das ist ein kompliziertes Thema. Es ist mir ja zum Beispiel auch ein Rätsel, wo bei Theaterkritikern die Freude am Beruf bleibt. Fehlt die, haben das oft die Schauspieler auszubaden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es über Jahre ein Glück ist, jeden zweiten Abend ins Theater zu gehen, um darüber zu schreiben, und dass man dabei jeden Abend neugierig und wach und offen ist.

tip Stimmt, das ist auf Dauer ungesund. Es tut der eigenen Neugierde und Wachheit ganz gut, nicht nur über Theater zu schreiben. Aber es soll ja auch im Theater vereinzelt Fälle von Zynismus und Routine geben, habe ich gehört.
Corinna Harfouch Habe ich auch gehört. Mit Zynismus der eigenen Arbeit gegenüber komme ich nicht klar. Es gibt von Jürgen Kesting eine Biografie von Maria Callas. Daraus ist mir der Satz hängen geblieben, auf der Bühne zu stehen, müsse man sich verdienen. Das ist etwas Besonderes, eine absolute, großartige Ausnahme­situation. Dieses Bewusstsein will ich mir unbedingt erhalten.
Fritzi Haberlandt Ich glaube eigentlich bei den Proben bis zur Premiere ganz tief drin immer, dass es sich lohnt, dass wir zusammen etwas Tolles machen. Umso schlimmer sind Produktionen, bei denen man bei der zweiten, dritten Vorstellung merkt, es ist Humbug, es funktio­niert nicht. Das gibt es natürlich auch.
Corinna Harfouch Ich bin in der glücklichen Lage, selbst entscheiden zu können, mit wem ich arbeiten möchte. Ich achte schon darauf, mir die Lust an dem, was ich mache, nicht dadurch selbst zu versauen, dass ich zum Beispiel nur auf halber Flamme arbeite und irgendwas einfach so durchziehe. Das bringt mir ja nichts. Ich will in der Arbeit was erleben. Das ist ja meine Lebenszeit.

tip Habe ich vergessen, etwas zu fragen?
Fritzi Haberlandt Ja, ob man sich die Aufführung ansehen soll.

tip Soll man sich die Aufführung ansehen?
Fritzi Haberlandt Ja, auf jeden Fall. Oh Gott, das schreiben Sie jetzt aber nicht, das klingt ja peinlich.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Bettina Stöss

Herbstsonate im Deutschen Theater Fr 23.+Sa 24.1., Mo 2.+Di 3.2., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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