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Interview mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Interview mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Ulrich Khuon, 64, ist seit 2009 Intendant des Deutschen Theaters. Der Jurist und studierte Theologe war davor Intendant an den Theatern Konstanz, Hannover und von 2000 bis 2009 am Hamburger Thalia Theater

tip Herr Khuon, die neue Spielzeit steht am Deutschen Theater unter dem Motto „Der leere Himmel“. Weshalb ist der Himmel über uns leer?
Ulrich Khuon Gesellschaften brauchen für ihren inneren Zusammenhalt Sinnhorizonte. Das können gesellschaftliche Utopien oder religiöser Glauben sein. Das kann auch eine Wissenschafts-Euphorie sein, man glaubt, man könne den Himmel auf Erden errichten. Gott war dann laut Nietzsche irgendwann tot. Im Zug der Selbstermächtigung des Menschen hat man neue Sinnhorizonte entwickelt. Die sind teilweise auch wieder in der Desillusionierung zerbröselt, oder wie im Nationalismus in die Barbarei gekippt. Der Mensch lernte sich selbst und seinen wie immer mangelbehafteten Fähigkeiten zu trauen. Die Aufklärung war ein wesentlicher Prozess der Emanzipation. Aber ohne ein explizites oder implizites Sinnkonstrukt kann keiner von uns leben. Wir haben uns von den Dogmen der Religion befreit, aber das hinterlässt eine Leerstelle. Wir spüren eine Lücke.

tip Das ist keine ganz neue Erfahrung. Vor ziemlich genau 100 Jahren spricht Max Weber von der „entzauberten Welt“, George Lukбcs diagnostiziert zur gleichen Zeit „transzendentale Obdachlosigkeit.“ Ist das einfach der Preis der Moderne?
Ulrich Khuon Ich glaube, den Mangel, mit dem wir unsere Freiheit bezahlen, spürt man inzwischen verstärkt. In der Frühzeit der Moderne, schon in der Aufklärung,  gab es einen großen Optimismus. Und der ist erodiert. Jemand wie Houellebecq spricht von einer Sehnsucht nach Resakralisierung. Das ist bei ihm nicht nur als Provokation gemeint. Wenn wir uns eine Spielzeit lang mit dem leeren Himmel beschäftigen, geht es ja nicht um einen Moral-Appell, sondern darum, uns eine Reihe von Enttäuschungen anzusehen.

tip Heiner Müller war sicher frei von religiösen Bedürfnissen. Seine Diagnose ist, frei nach Dostojewskis Raskolnikow,  einigermaßen brutal: „Was bleibt eigentlich noch, wenn die Religion wegfällt? Was gibt es dann noch für Argumente etwa gegen Auschwitz?“
Ulrich Khuon Das ist die Frage, was schützt uns ohne Gott vor der Barbarei, oder vor uns selbst.

tip Sie haben katholische Theologie studiert, bevor Sie ans Theater gegangen sind. Was haben christlicher Glauben und Theater miteinander zu tun?
Ulrich Khuon Bei beiden geht es im Zentrum um den Menschen und um Erzählungen. Die Religion schafft eine Erzählung, die im Grunde alles beantwortet. Diesen Anspruch haben die Erzählungen des Theaters nicht. Die stellen eher Fragen, als Antworten zu liefern. Das Ende der großen Erzählung, oder der Zweifel daran, ist ja oft beschrieben worden. Die Frage ist, ob es diese großen Erzählungen überhaupt braucht. Büchner spricht davon, dass man sich ansehen muss, wie die Phrasen verwirklicht werden. Die großen Erzählungen, zum Beispiel in der französischen Revolution, haben mit gewaltigen Opfern zu tun. Ich vertraue eher den kleinen Erzählungen, die die großen Fragen aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten. Kleine Erzählungen muten uns keine Überforderung zu, sie sind leistbarer, menschengemäßer als die ganz großen Utopien. Im Theater kann man erleben, wie zerbrechlich und gefährdet der Mensch ist. Man teilt mit anderen die Erfahrung in existenzielle Abgründe zu schauen.

tip Weshalb sind Sie von der Theologie zum Theater gewechselt?
Ulrich Khuon Ich hätte nach dem Studium Pfarrer werden können. Mir war relativ früh klar, dass das Zölibat für mich nicht lebbar ist. Aber ich weiß gar nicht, ob das unbedingt entscheidend war. Der persönliche Glaube ist für mein eigenes Leben wichtig, aber mein Berufsleben braucht eine stärkere Offenheit und Sinnlichkeit. Für die Arbeit am Theater hilft mir Theologie nicht weiter, da geht es eher um offene Suchbewegungen als um Glaubensgewissheiten. Das entspricht auch der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in Berlin sowieso. Unser Thema „Der leere Himmel“ eröffnet ein weites Feld, in dem es auch um so etwas wie Spurensuche geht, zum Beispiel wenn sich Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit Hanns Eisler vor dem Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten beschäftigen, oder wenn sich Christopher Rüping fragt, was bei verschiedenen Menschen in den letzten 100 Sekunden ihres Lebens geschieht. Die israelische Regisseurin Ofira Henig untersucht in ihrem Stück „Drei Hunde Nacht“ wie wir mit dem Tod umgehen. Drei Frauen sprechen in ihrer Muttersprache, auf hebräisch, arabisch und deutsch, von Erfahrungen in Grenzsituationen.

tip Sie eröffnen die Spielzeit mit „Nathan der Weise“, Lessings Parabel der religiösen Toleranz. Angesichts der neuen Kriege und des islamistischen Terrors könnte es das Stück der Stunde sein. Erstaunlicherweise wird es derzeit ziemlich selten gespielt.
Ulrich Khuon Wahrscheinlich weil man Angst davor hat, dass Lessings Stück zu märchenhaft wirkt. Die Ringparabel ist ja glasklar und schlagend in ihrer Argumentation, aber dem trauen wir offenbar nicht.

tip Lessing zeigt den brutalen Fundamentalismus von Christen. Was uns jetzt am islamistischen Terror abstößt, ist nicht so weit von unserer eigenen Geschichte entfernt. Was interessiert Sie an diesem Stück?
Ulrich Khuon Der Regisseur Andreas Kriegenburg sucht ja eher das kunsthafte, nicht so sehr die Psychologie oder einen vordergründigen Zeitbezug. Vielleicht ist es ein guter Weg, bei Lessings Stück einerseits eine Leichtigkeit zu entwickeln, es nicht so schwer zu machen, und andererseits das Archetypische, das Archaische darin zu suchen. Wir nennen das einen Ur-Comic mit so einer Art Erd-Menschen. Gleichzeitig versuchen wir Lessings Sprache nachzugehen, und sie nicht irgendwie zu verkürzen. Es geht nicht um eine bestimme historische Konstellation, sondern um den Menschen an sich. Nathan in die Gegenwart zu holen, würde ich sehr schwierig finden. Begleitend zeigen wir das Projekt „Götter“ in unserem neuen Probenzentrum. Fünf Regisseure aus Budapest, Athen, Stockholm, London und Frankfurt setzen sich mit Lessings Ringparabel auseinander. Danach erleben wir einen Bürgerchor, „Urban Prayers“. Verschiedene Menschen haben auf die Frage geantwortet, woran Sie glauben.

tip Wenn wir schon bei peinlichen Fragen sind: Woran glauben Sie?
Ulrich Khuon Ich bin nach wie vor Christ.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

Nathan der Weise Deutsches Theater, ?So 30., Mo 31.8., Mo 7.9., 19.30 Uhr

Drei Hunde Nacht DT Hinterbühne, Mi 2.– Fr 4.9., 19.30 Uhr

Götter DT Probenzentrum, Do 3.– Sa 5.9., 19 Uhr

?Karten-Tel.: 28 44 12 25

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