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Interview mit dem heißesten Regisseur der Stadt: Herbert Fritsch

Seit seinem stets ausverkauften Hit „Die (s)panische Fliege“ ist Herbert Fritsch der heißeste Regisseur der Stadt. Jetzt hat er uns erklärt, weshalb sein neues Stück an der Volksbühne einen etwas monotonen Text hat: „Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel …“

Herbert_FritschHerr Fritsch, im vergangenen Jahr waren Sie mit zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen, dieses Jahr nur noch mit einer, der Volksbühnen-Inszenierung „Die (s)panische Fliege“. Was ist passiert?
Ein klarer Abwärtstrend! (lacht) Ich halte mich grad noch über Wasser! Vielleicht können die Kritiker ja keine Sofas und Trampoline mehr sehen. Wobei ich wirklich am liebsten in jedem Stück ein Sofa und ein Trampolin verwenden würde. Sofa und Trampolin, das hat für mich so eine Gewalt, dass ich nicht aufhören will, mich damit zu beschäftigen. Was wir bisher mit dem Trampolin gemacht haben, ist ja nur ein Bruchteil dessen, was damit möglich ist.

Die Trampolin-Forschung im Fritsch-Theater steht noch in den Anfängen?
Absolut. Interessant wird es doch erst, wenn man solche Sachen immer weiterentwickelt. Ich verstehe überhaupt nicht, weshalb es ein Problem sein soll, wenn man sich wiederholt. Die Wiederholung als Prinzip wird völlig unterschätzt. Bei „Murmel Murmel“, was wir gerade machen, wird ein einziges Wort immer wieder wiederholt. Das ist doch gerade interessant. Mir wird von den Kritikern ja auch gerne vorgeworfen, dass ich zu viel mache, dabei mache ich auch nicht mehr als andere. Genau so könnte ich einem Kritiker sagen, du gehst zu viel ins Theater, das tut deinen Texten aber gar nicht gut.

Das stimmt ja auch. Ich gehe so wenig ins Theater wie irgend möglich.
Sehr löblich. Man kann vom Zuschauen genauso ausgelaugt werden wie vom Theatermachen. Ich merke das beim Inszenieren. Bei den Schlussproben sehe ich irgendwann überhaupt nichts mehr.

Herr Fritsch, was erwartet uns Ende des Monats bei Ihrer nächsten Volksbühnen-Premiere?
Monochrome Dramatik: „Murmel Murmel“ von Dieter Roth …

Ein Fluxus-Künstler, berühmt zum Beispiel für seine „Eat Art“.
Genau. Die einzige verwendete Vokabel ist „Murmel“. Die elf Figuren heißen alle „Murmel“. Wir haben strenge urheberrechtliche Auflagen. Es gibt keinen Fremdtext. Nur der Stücktitel ist verändert, der heißt eigentlich „Murmel“, wir haben „Murmel Murmel“ da­raus gemacht, damit man nicht an eine Murmel denkt. Wir hatten darüber nachgedacht, andere Texte dazu zu nehmen, aber die Rechteinhaber, Roths Galerie Hauser & Wirth, sagte, wenn „Murmel“, dann nur „Murmel“, nicht ausbüchsen.

Die Figuren sagen den ganzen Abend nichts anderes als „Murmel Murmel Murmel …“ ?
Genau. Das ist ein akustisches Tapetenmuster, was wir da haben, eine sehr strenge Komposition. Aufgrund der grafischen Anordnung in Dieter Roths Text entsteht eine bestimmte rhythmische Struktur. Das Ganze ist von einer extremen Zwanghaftigkeit, die mir sehr entgegenkommt. Wir versuchen, das so zwanghaft wie irgend möglich zu machen. Roth entwickelt ein Zahlensystem, das uns bei den Proben in den Wahnsinn treibt. Das sind keine Dialoge, sondern das ist eine Murmel-Welle, die da auf einen zurollt. Surfer reisen um die Welt, um die perfekte Riesenwelle zu suchen. Genau das machen wir bei den Proben auch grade: Wir suchen die Murmel-Welle, den Kanal, durch den dieses „Murmel Murmel“ in einen merkwürdigen Rhythmus versetzt wird.

Puristen könnten sagen: Ist das noch Theater?
Gerade das ist Theater! Bei der Konzeptionsprobe habe ich gesagt, das Wort „Sprechtheater“ ist für mich das schlimmste Wort überhaupt. Allein dieses Wort beinhaltet schon so viel Langeweile, dass ich sofort wegrennen will. Wenn mir jemand sagt, „Du, ich gehe heute Abend ins Sprechtheater“, kann er bitte alleine gehen, da komme ich sicher nicht mit. Das Wort „Actor“ ist doch viel besser als das Wort „Schauspieler“, ein Actor ist jemand, der was macht, nicht nur so ein Papagei. Bei „Murmel“ geht es um eine extreme geistige und körperliche Beanspruchung. Wir können nicht einfach schöne Szenen mit Dialogen daraus machen. Damit würden wir dieses System, die „Murmel“-Struktur verraten. Natürlich entstehen zwangsläufig Szenen. Aber im Prinzip ist es der Versuch, nicht nur antipsychologisch, sondern auch antiszenisch zu arbeiten.

Also Theater wie Minimal Music oder Gemälde von Barnett Newman? Frei nach einem berühmten Newman-Titel: Who is afraid of Murmel, Murmel and Murmel?
Genau, Steve Reich, Barnett Newman, Mark Rothko, Klein, Malewitsch, Suprematismus. Aber bei denen ist die Abstraktion immer etwas religiös konnotiert, der Wunsch nach Transzendenz schimmert durch. Das lassen wir zwar anklingen, aber letztendlich arbeiten wir genau dagegen. Wir haben nicht einfach Farbe, Klänge, die reine Form, die abstrakte Struktur. Bei uns sind Menschen auf der Bühne. Was wir versuchen ist ein Paradox. Wir wollen etwas machen, was eigentlich nicht geht, nämlich ein gegenstandsloses Theater mit Menschen aus Fleisch und Blut. Daran scheitern wir natürlich ständig. Diese abstrakte Struktur funktioniert bei uns auf jeden Fall nicht nur über das Ästhetische, sondern auch über das Pathologische.

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