Theater

Interview mit dem Kabarettisten Kai Spitzl

KaiSpitzlHerr Spitzl, der Papst verklagte die Titanic, Islamisten verstanden bei Mohammed-Karikaturen keinen Spaß. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht, immerhin sprechen Sie über klerikalen Sex oder empfehlen Pilgerfahrten zu thailändischen Ladyboys…
Der Papst hat geklagt, dann aber den Schwanz eingezogen. Da wären die Islamisten wahrscheinlich konsequenter gewesen und hätten gleich die Titanic versenkt. Ja, man macht so Erfahrungen, besonders in Süddeutschland – ich bekomme dann Emails, in denen die Nächstenliebe nur noch schwer zu entziffern ist.

Der Schriftsteller Martin Mosebach empfiehlt als prominentester Fürsprecher Häresie wieder unter Strafe zu stellen. Ist dieser Vorschlag in einer säkularisierten Gesellschaft nicht selbst eine Farce?
Vielleicht braucht er gerade Aufmerksamkeit, um ein neues Buch zu promoten, ich weiß es nicht. Horst Seehofer, Ehebrecher, Vater von drei Kindern und einem Bastard fordert ja auch die Verschärfung des Blasphemie Paragraphen, der diesen Bereich doch längst regelt. Etwas mehr Gelassenheit wäre schön.


Woran mag es liegen, dass gerade religiöse Themen Menschen derartig empören?

Vielleicht haben sie das Gefühl, sie müssten den lieben Gott auf Biegen und Brechen verteidigen. Was natürlich eine unglaubliche Anmaßung wäre, denn der hat ja bereits mehrfach und zuverlässig bewiesen, dass er auch sehr gut alleine zurechtkommt.

In Ihrem Programm kommen Ratzinger, Banker, Schweinsteiger und auch Politiker vor. Dennoch verwehren Sie sich gegen das Etikett „politisches Kabarett“. Warum gefällt Ihnen das Label nicht?

Es trifft die Sache nicht. Ich fahre mit meinen Themen die ganze Gesellschaft ab – erst quer dann längs, so wie Peer Steinbrück beim Staubsaugen.

Haben nicht Politiker längst mit den Kabarettisten gleichgezogen? Figuren wie Guttenberg oder Wulff samt Gattinnen hätte man in politischen Programmen als überzeichnet empfunden.
Auf jeden Fall! Zum Glück haben sie das selber aber noch nicht gemerkt, sonst würde sie für fünfstellige Honorare Kabarettvorträge halten und uns die Arbeit wegnehmen.

Besitzen Sie Tabus – Themen, die Sie nicht für Ihr Programm verwerten?
Bio-Supermärkte – das ist eine sehr persönliche, spirituelle Angelegenheit. Da möchte ich niemandem zu nahe treten.

 Eignet sich ein SPD-Kanzlerkandidat, der im Jahr 81 Vorträge für jeweils vier- bis fünfstellige Honorare hält noch als Steilvorlage für die Bühne? Oder ist das längst gesellschaftlicher Mainstream?

Erstens ist es in der Tat längst gesellschaftlicher Mainstream, zweitens muss jemand der 81 gutbezahlte Vorträge hält ja kein schlechter Mensch oder schlechter Kanzler sein. Von daher reicht mir das allein nicht als Steilvorlage. Interessant wird es dann, wenn Scheinheiligkeit dazukommt.

Wie würden Sie jemanden, der 2012 zum ersten Mal Deutschland besucht, die Gepflogenheiten des Landes erklären?
Ich würde ihm aus der Bildzeitung vorlesen!

Interview: Ronald Klein
Foto: Harald Erhard

Kai Spitzl bei den Wühlmäusen
12.10., 20 Uhr

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