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Interview mit dem Regisseur Dieter Dorn

Interview mit dem Regisseur Dieter Dorn

Dieter Dorn (80), geboren in Leipzig, verließ 1956 die DDR. Nach Stationen in Hannover, Oberhausen, Basel und Wien kam in den 70er Jahren an die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. 1976 wechselte er an die Münchner Kammerspiele, deren Intendanz er von 1983 bis 2001 innehatte. Wichtige Inszenierungen: „Troilus Cressida“ (1987 mit Sunnyi Melles) sowie etliche Botho Strauß-Uraufführungen („Besucher“ 1989, „Schlusschor“ 1991, „Ithaka“ 1996). Anschließend war er zehn Jahre lang Intendant des (gegenüber gelegenen) Residenz-Theaters (bis 2011). In Berlin hat er in den vergangenen 30 Jahren nur ein einziges Mal inszeniert: „Elektra“ 1994 an der Berliner Staatsoper.

tip Herr Dorn, als Opern-Regisseur machen Sie sich rar. Warum?
Dieter Dorn Dieter Dorn Für mich war Opern-Regie immer Urlaub vom Ensemble. Ich habe fast immer nur mit eigenen Schauspielern gearbeitet, und das ausschließlich in München. Meine Teststrecke in der Oper dagegen war kurz: Mit Karl Böhm habe ich eine „Entführung aus dem Serail“ gemacht, vor Urzeiten. Dann in Salzburg eine „Ariadne auf Naxos“. Mit Verdi habe ich eigentlich nichts zu tun.

tip Warum haben Sie dann zugesagt, „La traviata“ zu inszenieren?
Dieter Dorn Wenn ich höre, es handelt sich um das Schiller-Theater, wo ich in den 70er Jahren bei Hans Lietzau angefangen habe… Und dann noch mit Barenboim und am Haus eines alten Weggefährten, Jürgen Flimm. Da konnte ich nicht Nein sagen.

tip Sie kennen sich im Schiller-Theater vermutlich besser aus als Flimm selber!?
Dieter Dorn Könnte sein. Die Intendanz befand sich damals irgendwo da links oben. Sieht aber jetzt anders aus. Der Eingang war nicht von hinten, sondern neben der Werkstatt, wo damals kein Hochhaus stand. Es war damals die Zeit der Berlin-Zulage. Das Ensemble war absurd groß, weil schon Boleslav Barlog immer in der ganzen Republik die besten Schauspieler zusammenkaufte. Auch nach Jahren hatte ich erst mit einem Bruchteil dieses Ensembles zusammengearbeitet. Ich wollte weg. Da kam glücklicherweise das Angebot von den Münchner Kammerspielen.

tip Haben Sie „La traviata“ jemals auf der Bühne gesehen?
Dieter Dorn Nein, nie! Ich nehme „La traviata“ umso ernster. Ein Endspiel über den Tod, das wir auf fast leerer Bühne ohne Pause durchspielen und in dem sich die ganze Handlung vor dem inneren Auge der Violetta wie im Zeitraffer verdichtet. Was mich bewegt, ist die Tatsache, dass Verdi dahinter die Geschichte seiner eigenen Lebensgefährtin sah. Es hat eine zweite, autobiographische Dimension.

tip Die Kurtisane, also eine Prostitutierte im Zentrum der High society, ist als Institution völlig ausgestorben. Sind wir weniger doppelmoralisch als damals? Oder nur prüder?
Dieter Dorn Ich glaube, dass wir unsere Tabus heute nur anderswo verstecken. Dass eine Prostituierte heute gesellschaftlich anerkannt wird, ohne an den Rand gedrängt zu werden, ist tatsächlich kaum vorstellbar. Hotelbesuche gibt es heute genauso wie es sie damals gab.

tip Ihr Kollege Jürgen Flimm gibt zu, kein Schauspiel mehr zu inszenieren, weil seine Schauspieler von früher nicht mehr da sind. Sind Sie weniger zimperlich?
Dieter Dorn Nein. Ich habe 2011 die Intendanz in München am Residenz-Theater aufgegeben. Das war meine Truppe. Wenn ich die Liste derer sehe, die nicht mehr leben, stockt mir der Atem. Rolf Boysen, Doris Schade, Gisela Stein, Thomas Holtzmann, die sind alle weg. Und die anderen sind auch älter geworden. Eine kontinuierliche Arbeit halte ich persönlich für überhaupt nicht mehr möglich. Anders gesagt: Meine Produktionsmittel sind mir abhanden gekommen.

tip Ihr Theaterbegriff gilt als etwas altmodisch, schöngeistig und literarisch. Ist er das?
Dieter Dorn Ich glaube nicht. Meine Maxime war: Nicht von Stadt zu Stadt ziehen! Sondern so lange bleiben, bis man einander nichts mehr zu sagen hat. Der Autor kommt für mich immer an erster Stelle. Dann die Welt des Autors. Dann die Schauspieler. Zuletzt ich.

tip Woher kommt Ihr Faible für leere Bühnen?
Dieter Dorn Das ergab sich in meiner Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Jürgen Rose, und zwar schon sehr bald nach unserer ersten Begegnung 1976. Die Bühne sollte ein Instrument sein, kein Raum für Ausstattung. Außerdem war uns wichtig, in keinerlei Konkurrenz oder Wettstreit mit den übrigen Medien zu treten. Der leere Raum und der spielende Mensch, das war alles. Und das ist auch der Hauptunterschied zu dem, was die jungen Kollegen heute machen – und wobei sie außer Atem geraten, wenn sie ständig den technischen Möglichkeiten hinterher hecheln. Theater ist simpel und muss es bleiben.

tip Was ist simpel am Theater?
Dieter Dorn Der Sänger oder Schauspieler hat drei Möglichkeiten: Entweder er kommt von links, das der ist der normale Auftritt. Oder von rechts, das ist gegen den Strich. Oder von hinten. Wenn Sie ihn aus der Versenkung kommen lassen, wird es schon umständlich. Ihn von oben oder aus dem Publikum auftreten zu lassen, geht meist zu weit. Die größte Erfindung für mich bleibt immer: der spielende Mensch, der vor anderen Menschen auftritt. Mit nichts als sich.

tip Weite Teile des westdeutschen Theaters gerieten nach der Wende in eine empfindliche Krise. Wie beurteilen Sie dies heute?
Dieter Dorn Ich fand das meiste, was am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble gemacht wurde, vor der Wende sehr wichtig. Ich stamme aus Leipzig und war von einer Eliteschule im Osten getürmt, auch aus politischen Gründen. Schon an den Münchner Kammerspielen habe ich regelmäßig Künstler aus der DDR beschäftigt, etwa Jutta Hoffmann, Alexander Lang und Fritz Marquardt. Das war vor dem Mauerfall. Später habe ich das Theater aus dem Osten nicht mehr richtig zur Kenntnis genommen. Wissen Sie, auch ein Maler, der ein Bild malen will, wird nicht am Vormittag noch drei Stunden lang in eine Gemäldegalerie gehen. Wer Kunst macht, braucht auch Scheuklappen. Frank Castorf, glaube ich, wird mir das zugeben.

tip Gute Arbeiten der Konkurrenz sind gefährlich?
Dieter Dorn Absolut. Nachdem ich den „Sommernachtstraum“ von Peter Brook sah, habe ich mich fünf Jahre lang nicht an Shakespeare herangetraut. Ein Trauma. Auch Lob ist gefährlich. Ich frage mich, wie Profi-Fußballer es verarbeiten, wenn sie an einem einzigen Vormittag hunderte von Tweets bekommen, die ihnen erzählen wollen, sie seien die Größten. Wo steckt man das hin?!

tip Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Theater?
Dieter Dorn Enorm viele! Zum Beispiel den Grundsatz: „Alleine ist man nichts!“ Fußball und Theater hängen von den jeweils kleinsten Rollen ab. Freilich, ohne außerordentliches Talent können Sie kein Tor schießen. Viele Schauspieler sind nicht zufällig gute Fußballspieler.

tip Fußballspiele werden durch die Verteidigung gewonnen, sagt man. Theaterabende auch?
Dieter Dorn Ja, genau so ist es. (Lacht leise.)

interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: GT Carole Parodi

Staatsoper Sa 19., So 27., Do 31.12., 18 Uhr, 22., 25.12., 19 Uhr, ­Karten-Tel: 20 35 45 55

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