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Interview mit dem Regisseur Simon McBurney

Interview mit dem Regisseur Simon McBurney

Simon McBurney, geboren 1957 in Cambridge, ist ein britischer Theaterregisseur sowie Autor, Film- und Theaterschauspieler. 1983 war er Mitbegründer des „Thйвtre de Complicitй“ (heute: „Complicite“) in London. In Berlin zu Gast war unter anderem seine Inszenierung von „Maß für Maß“ (2005). Im Film spielte er in „The Manchurian Candidate“ (2004)

tip Herr McBurney, einige der besten deutschsprachigen Produktionen der letzten Jahre stammten von Regisseuren, die kein Wort Deutsch sprechen, etwa Simon Stone oder Alvis Hermanis. Wie ist das möglich?
Simon McBurney Durch Distanz! Der Abstand zwischen der Sprache, die ich spreche, und der Sprache, die die Schauspieler sprechen, ermöglicht es mir, eine Spur machiavellistischer und manipulativer zu arbeiten (lacht.) Ich glaube, das ist dem Prozess unseres Denkens angemessener. Man hetzt nicht dem Wort hinterher wie ein Hund, der nur zubeißen kann. Außerdem kann ich so die musikalische Qualität einer Aufführung besser hören.

tip Wie arbeiten Sie mit Schauspielern, deren Sprache Sie nicht verstehen?
Simon McBurney Ich habe ein zweisprachiges Skript vor mir. Und neben mir einen Übersetzer.

tip In „Ungeduld des Herzens“, dem einzigen Roman von Stefan Zweig, will ein junger Leutnant ein krankes Mädchen aus Mitleid heiraten. Was interessiert Sie an diesem vor 76 Jahren veröffentlichten Roman?
Simon McBurney Das haben mich die Leute von der Schaubühne auch gefragt! Es war mein Vorschlag. Man meinte, der Roman sei zu altmodisch, worauf ich fragte, wann Sie ihn zuletzt gelesen haben. Gar nicht, sagten sie. Dann haben sie schnell verstanden, dass es hier um ein sehr aktuelles Doppel-Konzept des Mitleids geht.

tip Was bitte ist ein Doppel-Konzept des Mitleids?
Simon McBurney Zweig unterscheidet zwei Formen des Mitleids. Einerseits das sentimentale, selbstsüchtige Mitleid, dessen Ziel es ist, uns möglichst rasch vom Unglück der anderen zu befreien. Dies umschreibt Zweig mit der Wendung „Ungeduld des Herzens“. Daneben gibt es ein unsentimentales, schöpferisches Mitleid, das geduldig ist und Aktivität, Arbeit an sich selbst, bedeutet. Dies letztere können wir brauchen. Ich glaube durchaus, dass wir es hier mit einem Schlüssel sogar im Umgang mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik zu tun haben.

tip Können Sie mir ein Beispiel für jenes Mitleid geben, das Sie ablehnen?
Simon McBurney Die oberflächliche Form des Wohlwollens, die eigentlich nur der eigenen Eitelkeit dient. Ich glaube, dass Sentimentalität in diesem Sinne sogar ein sehr wichtiger Bestandteil des Faschismus war, vor dem Stefan Zweig 1939, als der Roman erschien, geflohen war und den er hier indirekt abbildete. Man findet diese Form der Sentimentalität auch ästhetisch in den Walzern von Franz Lehбr, vielleicht sogar bei Richard Strauss. Dies Mitleid ist eigentlich Selbstmitleid. Das echte, richtige Mitleid dagegen fängt damit an, eigene Fehler zuzugeben.

tip Besteht das Problem darin, dass man Mitleid nicht einklagen, nicht verlangen kann?
Simon McBurney Ja, und genau das ist das Problem in Zweigs Roman. Die gelähmte Hauptfigur Edith will eigentlich nur als Mensch anerkannt und geliebt werden. Sie will kein Mitleid. Am Ende, nachdem sie sich umgebracht hat, bedeutet genau dies für den Leutnant die entscheidende Erkenntnis. Auf die Hingabe im Mitleid, auf das Engagement der eigenen Verpflichtung kommt es an.

tip Glauben Sie, dass Sie als Regisseur bei einer Dramatisierung mehr Spielraum haben als bei einem Stück? Oder macht das die Sache nur komplizierter?
Simon McBurney Entweder man macht aus dem Prosatext ein Stück. Oder man bringt einen Roman auf die Bühne. Meine Wahl besteht darin, dem Autor den Vorzug zu geben. Und dessen literarischer Qualität. Natürlich geht das nur, wenn die Form des Theaters, die man dafür findet, überzeugend ist. Ein Drahtseilakt.

tip Klingt tatsächlich etwas altmodisch!
Simon McBurney Macht mir nichts. Ich bin nicht an Mode ­interessiert. Sondern an der Wahrheit.

tip Ähnlich wie Christoph Marthaler, Ariane Mnouchekine und Luc Bondy stammen Sie aus der Theaterschule von Jacques Lecoq, der eigentlich Pantomime war. War Lecoq wichtg für Sie?
Simon McBurney Ich hatte großen Respekt vor Lecoq, und zwar aufgrund der Vision von der Welt, die er besaß. Ihm ging es darum, wie wir die Welt verkörpern. Und wie unser Körper in dieser Welt funktioniert. Er war freilich nicht der einzige wichtige Einfluss. Ich bin in England aufgewachsen, mit viel Shakespeare und mit englischer Lyrik. Mein Vater war Archäologe, was vielleicht meine Vorliebe für verborgene Einflüsse und Bedeutungsschichten erklärt. Ich bin eng mit dem britischen Kunstkritiker und Autor John Berger befreundet, der wichtiger für mich war als Lecoq.

tip Sie arbeiten im Theater und im Film. Ältere Schauspieler wie Lauren Bacall haben darauf hingewiesen, dass die großen Stars des alten Hollywood vom Theater gekommen seien, etwa Henry Fonda oder James Stewart. Hat sich das heute geändert?
Simon McBurney Vielleicht, aber auch ich glaube, dass Theater- und Filmschauspieler sich weniger in der Arbeit unterscheiden als in der Art, wie sie wahrgenommen werden. Klar ist, dass man sich im Film als Schauspieler ständig selbst überwinden und sich hinter sich selbst zurücklassen muss. Die Kamera rückt einem penetrant nahe auf den Leib. Das ist sehr unangenehm und führt dazu, dass man sich vor allem beobachten lassen muss. Im Theater kann man die Wahrnehmung des Publikums steuern und strukturieren. Im Film dagegen tun das der Schnitt und der Regisseur. Dass die Schauspieler im Film im Mittelpunkt stehen, ist ein Grundirrtum. Schauspielerei im Film ist vollständig redundant. Man muss sich ‚abgeben’. Das ist ja eben der Witz.

tip Sie scheinen das trotzdem gern zu tun?
Simon McBurney Ja, weil ich mich gerne nehmen lasse! (Lacht.) Ich weiß um die Unterschiede und um die möglichen Probleme, kann aber ganz gut damit umgehen. Schauspieler, die dem Klischee vom Star nacheifern, der außer Kontrolle gerät und sich schlecht benimmt, tun das, um eine Kontrolle zurückzugewinnen, die sie in Wirklichkeit nicht haben. Es führt zu nichts. Im Theater dagegen ist es der Regisseur, der gern außer Kontrolle gerät. Weil er ahnt, dass es auf ihn hier gar nicht so sehr ankommt… Mich aufzugeben, ist wie Urlaub. Meine Film-Auftritte sind für mich kein Problem, sondern nur ein Job. Ich gebe mich gern auf!

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Eva Vermandel

Schaubühne Sa 19.,  Mo 21. – Mi 23.12., Fr 25.12., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 89 00 23

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