Theater

Interview mit der Bühnenbildnerin Anna Viebrock

Riesenbutzbachtip Was ist das für ein Raum, in den es die Figuren in Ihrem und Christoph Marthalers Stück „Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie“ verschlagen hat? Ein Schriftzug auf der Bühne, verrät, dass wir uns in einem „Institut für Gärungsgewerbe“ befinden. Was ist das für ein ominöses Institut?
Anna Viebrock Das weiß ich auch nicht so genau (lacht). Ich fahre in Berlin immer daran vorbei, von der Osloerstrasse Richtung Tegel. Da kommt man an einem alten Backsteingebäude vorbei, an dem in so einer schönen alten Jahrhundertwende-Schrift „Institut für Gärungsgewerbe“ steht. Da werden Maschinen für Gärprozesse gebaut, ich habe keine Ahnung, wie die aussehen. Diesen Schriftzug an dem Industriebau habe ich fotografiert und gedacht, das muss ich dem Christoph mal zeigen.

tip Das ist eine ähnlich markant rätselhafte Zeile wie die Inschrift aus Ihrem und Marthalers alten Stück „Murx den Europäer.“ Da hieß es: „Damit die Zeit nicht stehen bleibt“, ein Schriftzug, den Sie am Flughafen Tempelhof fotografiert hatten. In einen anderen Kontext gerückt, bekommen diese Zeilen etwas Vieldeutiges und Abgründiges. Werden in Ihrem „Institut für Gärungsgewerbe“ die ziemlich verlorenen Figuren auf der Bühne zu Gärmasse, Menschen, die im Nichtstun, im Stillstand langsam vergoren werden?
Viebrock Ja, vielleicht kann man das so sehen. Ich habe Christoph Marthaler mein Foto gezeigt, weil er immer von Gärprozessen redet, aus denen die Stücke bei den Proben entstehen. Man sollte diesen Gärprozessen vertrauen. Das ist vielleicht so Christophs Theaterbegriff.

tip Theaterproben sind für Christoph Marthaler ein Gärprozess?
Viebrock (lacht): Ja, da glauben jedenfalls immer alle schwer dran.

tip Was sind das für Leute, die in „Riesenbutzbach“ zwischen Garagen, halb tapezierten Wänden und alten Möbeln ihr Dasein fristen?
Viebrock Das Ganze fing damit an, dass ich gerne mal ein riesig vergrößertes Einfamilienhaus auf die Bühne stellen wollte. Wenn man all diese Einfamilienhäuser sieht, fragt man sich ja, was passiert da drin. Aber das einfach zu vergrößern funktioniert nicht, mit der Idee habe ich mir selber ein Bein gestellt. Man muss einen Raum bauen, in dem mehrere Einfamilienhäuser aufgehoben sind. Es ist eine Art Ausstellungspavillon geworden. Diese Leute werden dort ausgestellt, vielleicht wie eine Erinnerung an die letzten Europäer, eine Erinnerung daran, wie die Menschen hier gelebt haben. Stefanie Carp, die Dramaturgin, hat das gesagt: Möglicherweise ist das ein Ausstellungspavillon, und dann kommen die Chinesen und schauen sich an, wie das hier so war.

tip Vor allem: Wie das hier war, als alles den Bach runter gegangen ist. Können wir in diesem „Riesenbutzbach“-Kleinbürger-Ausstellungspavillon unsere eigenen Ängste in der Wirtschafskrise besichtigen?
Viebrock Ja, vielleicht. Das war bei den Proben jedenfalls sehr virulent. Die Premiere in Wien war im Mai, vor einem Jahr.

tip Mitten in der ersten, unübersichtlichen Phase der Weltwirtschaftskrise, ein halbes Jahr nach den Crash der Lehmann-Bank, als niemand wusste wie es weitergeht und sich langsam Panik breit gemacht hat.
Viebrock Ja, genau. Wenn man bei diesem Eigenheim genauer hinschaut, ist es auch ein Bunker, da ist noch eine alte Betonschicht und das Schild „Rauchen verboten“ übrig. Hinten ist ein Schaufenster, das in eine Art Radiostudio führt, dann gibt es noch einen Bankschalter und einen Eingang in ein Hotel, so eine Absteige. Man kann da wohnen, zur Arbeit oder ins Hotel gehen, und dann hat man auch noch die Garagen. Es ist eine Kombination aus all diesen Orten, und eine Kombination aus Innen- und Außenräumen.

tip Aber es sind Garagen ohne Autos und am Bankschalter gibt’s kein Geld. Die für bestimmte Funktionen gedachten Räume erfüllen diese Funktion nicht mehr. Die Infrastruktur funktioniert nicht. Die Gebäude sehen noch wie neu aus, aber eigentlich sind es Ruinen, die keiner mehr braucht, genau wie die Menschen, die sich darin bewegen.
Viebrock Ja, das kann man schon so sagen.
tip In den Kritiken wurde das als direkter Kommentar zur Wirtschaftskrise verstanden. War das auf den Proben so eindeutig intendiert?
Viebrock Das weiß ich nicht. Wir gehen ja andersrum vor. Wir haben nicht eine These, und entwickeln dann dafür ein Bühnenbild. Warum man was aussucht, was die Zusammensetzung des Ganzen am Schluss ergibt, was da erzählt wird und wie das verstanden wird, das ist nicht so eindeutig kalkuliert. Am Anfang ist der Raum noch möbliert, aber dann werden schon Preisschilder an die Möbel geklebt und alle verabschieden sich ganz herzzerreißend von ihren Möbeln, so, als würden sie mit diesen Scheußlichkeiten alles verlieren. Das ist schon die Panik: Was passiert mit uns, wenn das so weitergeht und der Wohlstand wegbricht. Und dann ist der Raum wirklich leer und unbewohnbar. Man kann sich auch nur schwer zusammenreimen, was die einzelnen Menschen dieser Groß- und Mehrfachfamilie miteinander zu tun haben. Bezeichnend ist ja, dass der Franzose eine deutsche Mutter hat, die ihn seit der Geburt nicht versteht. Das ist exemplarisch für das Zusammenleben in dieser Notgemeinschaft. Sie tun sich ja nicht zusammen. Die Verarmung, die man wie im Zeitraffer sieht, führt nicht gerade zur Solidarität. Ein Herr mit Hut versucht Schubert-Lieder zu singen, er kann aber eigentlich gar nicht mehr singen. Die Musik nützt auch nichts mehr. Und der ist dann derjenige, der die Leute in den Garagen bewacht und kontrolliert. Das hat schon eine Härte, wie die da in ihren Garagen auch noch überwacht werden.   

tip Bevor all zu großes Mitleid mit diesen Menschen aufkommt, die ihre Möbel verlieren und in den Garagen rumsitzen, erfährt man nebenbei, dass eines ihrer Nachtkästchen „arisiert“, also in der Nazizeit aus jüdischem Besitz geraubt wurde. Wir haben es bei diesen Bürgern im sozialen Abstieg offenbar nicht unbedingt mit Sympathieträgern zu tun, oder?
Viebrock Ja, schon. Dazu muss man eigentlich gar nichts sagen, finde ich.

tip Sie unternehmen für Ihre Bühnenräume oft Fotorecherchen. Was haben Sie diesmal fotografiert?
Viebrock Einfamilienhäuser, und sehr viele Garagen (lacht). Wenn man anfängt, sich dafür zu interessieren, ist es faszinierend, was für unterschiedliche Garagen es gibt und wie die Garagen teilweise in die Häuser integriert sind, das Auto wird zum Mitbewohner.

tip Was hat es mit den drei Garagen auf der Bühne auf sich?
Viebrock Die Garagen sind so die geheimen Orte, wo das Lieblingsobjekt, das Auto steht, wo man auch bastelt und wo noch andere Dinge passieren. In der Zeit, als wir das in Wien gemacht haben, war gerade die Fritzl-Affäre in den Medien…

Anna_Viebrocktip Josef Fritzl, der in der österreichischen Provinz seine Tochter über Jahrzehnte im Keller eingesperrt, sexuell missbraucht und mit ihr sieben Kinder gezeugt hat. War das ein Thema bei den Proben?
Viebrock Natürlich beschäftigt einen das, wenn die Berichte darüber jeden Tag in der Zeitung stehen, einfach weil das emotional so fürchterlich ist. Wenn man diese Bilder von dem Kerker sieht, fragt man sich auch, wie der das ganz praktisch gemacht hat, das vor seiner Familie zu verbergen. Da baut er einen Bunker unter die Garage. Und im Bunker schauen dann die Kinder immer zu. Das ist alles so grauenhaft. Natürlich haben wir darüber geredet, das bleibt ja nicht aus. Am Anfang des Stückes kommen die drei Jüngsten durch einen Schrank. Und da weiß man, wenn die aus dem Schrank kommen, kommen sie aus der Garage, man hat die Assoziation, dass sie eingesperrt wurden. Vielleicht ist in Österreich, besonders auf dem Land, das Männerbild noch etwas heftiger als in Deutschland. Die Vorstellung, dass die Familie dem Mann zu gehorchen hat, das ist da noch sehr präsent. Es gibt in dem Stück eine Szene, wo die Familien alle versuchen, sich bei ihren Kindern zu entschuldigen, sie kriegen aber auch nichts raus. Das sind in diesem Stück alles auch nicht wirklich durcherzählte Figuren, das sind Figuren, die Dinge von sich geben, die in dieser Zeit rumoren. In einer Szene geht es um einen Mann, der seine Familie umgebracht hat, weil er pleite war. Er beschwert sich darüber, dass in den Medien unfair über ihn berichtet wird, die Kinder hätten gar nicht geschrieen, als er sie getötet hat. Das ist ein realer Fall aus dieser Zeit. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Dorothea Wimmer; privat

Termine: Riesenbutzbach
Fr. 14.5 –Mo. 17.5., 20 Uhr, im Hangar 5, Flughafen Tempelhof, Karten-Tel: 25489100

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