• Kultur
  • Interview mit der Opernregisseurin Andrea Moses

Kultur

Interview mit der Opernregisseurin Andrea Moses

Interview mit der Opernregisseurin Andrea Moses

tip „Frau Moses, Sie geben ihr Debüt an der Staatsoper mit einer großen Wagner-Oper und arbeiten zum ersten Mal mit Daniel Barenboim. Nervös?
Andrea Moses Mit Daniel Barenboim zu arbeiten, ist wunderbar. Wir reden seit vier Jahren über diese Inszenierung von Wagners „Meistersinger von Nürnberg“, eigentlich sollte sie zur Wiedereröffnung der Staatsoper 2013 herauskommen. Jetzt haben wir 2015, und es ist nun an der Zeit, ganz unabhängig von der Wiedereröffnung, das Werk aufzuführen, im Schiller-Theater eben.

tip Ihre Premiere ist geteilt, den ersten Teil zeigen Sie am Abend des 3.Oktober, den zweiten am Nachmittag des nächsten Tages. Weshalb diese ungewöhnliche Zweiteilung der Aufführung – damit sich die Sänger der knapp fünfstündigen Oper zwischendurch erholen können?
Andrea Moses Keine schlechte Begründung. Stimmt aber nicht. Die Idee ist, mit der Aufführung nah an der Handlungszeit zu sein. Der erste Teil spielt am Abend und endet in der Nacht mit einer Massenschlägerei, ein großes Tohuwabohu. Der zweite Teil am Nachmittag hat nach diesem Chaos etwas von einem utopischen Glück – die jungen Liebenden kommen zusammen, der Streit ist beigelegt, eine große Versöhnung. Das an zwei aufeinander folgenden Tagen aufzuführen, war Daniel Barenboims Wunsch, ich finde das einleuchtend.

tip Die Premiere ist am Tag der Deutschen Einheit. Ist das Programm und lauert da nicht das problematische C-Dur-Pathos des Schlussjubels, dieses so belastete „Heil“ des Volkes angesichts des großen deutschen Mannes Sachs?
Andrea Moses Ich muss dieses Pathos ja nicht bedienen, eine Inszenierung ist nicht zwangsläufig die szenische Verdopplung der Musik. Natürlich ist diese Oper von den Nationalsozialisten missbraucht worden. Gerade deshalb darf man sie ihnen nicht überlassen. Auch Begriffe wie Deutschland oder Heimat oder kulturelle Identität sollten wir nicht den Rechten überlassen. Zur Zeit, als Wagner an dieser Oper gearbeitet hat, hat er Aufsätze wie „Was ist deutsch?“ geschrieben. Das ist doch eine interessante Frage: was ist deutsch, wo kommen wir her? Ich lebe gerne in einer multikulturellen Gesellschaft. Ich vermute, dass viel Ressentiment und Ausländerfeindlichkeit auch damit zu tun hat, dass diese Leute ihrer eigenen Identität nicht sicher sind. Und: Wenn man das Libretto liest, ist das ausgesprochen komisch mit seinen Verwicklungen und Nummern wie dem vom Hämmern des Schumachers Hans Sachs gestörten und höhnisch kommentierten Gesang Beckmessers. Wagner wollte das ursprünglich als Komische Oper schreiben, und das merkt man, wenn man genau hinschaut und hinhört. Ich finde es momentan auf den Proben sehr spannend, die Komödie hinter dem Pathos zu entdecken.

tip Ist Wagners Bilderbuch-Mittelalter-Nürnberg mit seinen Handwerkerzünften nicht auch unfreiwillig komisch?
Andrea Moses Die Frage ist, wie man damit umgeht. In den Zünften geht es darum, wer dazu gehört und wer nicht. Das nennen Soziologen heute Inklusion und Exklusion, eine der großen gesellschaftlichen Fragen überhaupt. Dieses Nürnberg ist eine bürgerliche, freie Stadt, die Meister verdanken ihren Status ihrer Arbeit, ihrem Können, nicht ererbten Privilegien. Sie sind in der Oper mächtiger als Stolzing, der junge Adlige. Das hat schon etwas mit bürgerlicher Emanzipation zu tun.

tip Sie lesen die Oper sozusagen aus der Perspektive des 1848er-Revolutionärs Wagners
Andrea Moses Nicht nur. Dieser Wagner ist mir sicherlich am nächsten. Aber in den „Meistersingern“ spiegelt sich viel deutsche Geschichte und viel von den unterschiedlichen Erwartungen und Hoffnungen, die ein Intellektueller wie Wagner an  „Deutschland“, an die Idee eines Deutschlands knüpfte.  Die Grundidee zur Oper entwarf er vor der Revolution 1848, das Libretto schrieb er nach der gescheiterten Revolution, komponiert hat er das Werk angesichts der erneuten deutschen Einigungsbestrebungen des liberalen Bürgertums. Die preußische gewalttätige Reichsgründung war ihm zu dieser Zeit sehr fern. Das sollte man nicht vergessen. Und auch heute sollten wir uns weiter fragen, wie es um die Einheit und die Freiheit in diesem Lande Deutschland steht.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Bernd Uhlig

Staatsoper im Schiller Theater Sa 3.10, (1. Teil), 20.30 Uhr, So 4.10. (2.Teil), 12 Uhr, Mi 7., Do 15.10. 17 Uhr,  So 11.10, 16 Uhr, ?Karten-Tel.: 20 35 45 55

Mehr über Cookies erfahren