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Interview mit der Regisseurin Yael Ronen

Interview mit der Regisseurin Yael Ronen

Yael Ronen, Jahrgang 1976, stammt aus einer israelischen Theaterfamilie. Ihren Durchbruch in Berlin hatte sie mit der Arbeit „Dritte Generation“ an der Schaubühne. Das schwarzhumorige Stück, in dem deutsche, israelische und palästinensische Schauspieler sich mit ihren jeweiligen Vorurteilen konfrontieren, wurde weltweit zu Festivals eingeladen. Am Gorki, wo sie seit 2013 Hausregisseurin ist, inszenierte sie die Uraufführung von Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, außerdem das hoch gelobte Rechercheprojekt „Common Ground“ über die Auswirkungen der Kriege in Jugoslawien.

tip Sind Sie umgeben von lauter Menschen, die fantastischen Sex haben?
Yael Ronen (lacht)  Ob fantastisch oder nicht, ich denke, alle versuchen zumindest die Fassade aufrechtzuerhalten, dass sie überhaupt ein Sexleben haben. Vor allem junge Leute. Oder Menschen in unserem Beruf, die auf der Bühne sexy sein oder ein aufregendes Künstlerleben behaupten müssen. Das führt zu einer Menge Projektionen. Im Kopf von jedem von uns. Wir wissen schließlich nicht, was im Leben der anderen wirklich vorgeht. Was man aber mitkriegt, ist zum Beispiel der radikale Umbruch, wenn ein junges Paar ein Kind bekommt und sich in eine dreiköpfige Familie verwandelt.

tip Und deshalb beschäftigen Sie sich in „Erotic Crisis“ mit dem sexuellen Notstand?
Yael Ronen Ich habe gemerkt, wie dramatisch vor allem das erste Jahr nach der Geburt verlaufen kann, wie es das Leben eines Paares komplett umkrempelt. Und diese Krise wiederholt sich nach dem zweiten oder dritten Kind. Das ist nur nichts, worüber man in Kneipen spricht. Dafür sparen wir uns die spannenden Geschichten auf. Da hören wir unseren Single-Freunden zu, wie sie von wildem Sex auf der Toilette erzählen. Aber niemand redet über die Durststrecken in einer langen Beziehung, zumal in einer mit Kindern. Das größte Tabu, wenn es um Sex geht, sind nicht irgendwelche schrägen Spielchen oder Perversionen. Das größte Tabu ist, keinen Sex zu haben.

tip Ist Ihr Stück eine Komödie ?
Yael Ronen Wir hatten ursprünglich eine Komödie im Sinn, aber langsam verwandelt sich das Ganze in eine Tragödie (lacht). Ich hatte angenommen, es sei ein leichtes Thema. Immerhin hatten wir uns zuvor in „Common Ground“ mit dem Bürgerkrieg und dem Genozid im ehemaligen Jugoslawien befasst. Ich dachte, okay, lass uns über Beziehungen reden, über Liebe, Sex. Aber je tiefer wir zum wahren Kern von Beziehungen vorstießen, zu den Krisen, desto schmerzhaftere Geschichten kamen ans Licht. Selbst wenn sie dein eigenes Leben nicht unmittelbar betreffen, stoßen sie Erinnerungen an, und man entdeckt Gemeinsamkeiten. Jeder, der eine Krise durchmacht, glaubt ja, seine Geschichte sei einzigartig. Aber dann erkennt man, dass es Muster gibt, die sich wiederholen. Auf einmal sprachen wir nicht mehr über Sex, sondern über komplexe psychologische Angelegenheiten.

tip Verglichen mit Kriegsgräueln ist die Flaute im Bett trotzdem eine eher harmlose Konfliktzone, oder?
Yael Ronen Ganz so brutal ist sie nicht. Aber als ich im Sommer in Israel war, während des Krieges in Gaza, drehten sich die Gespräche der Menschen trotzdem um ihre Probleme im Privatleben, in ihren Beziehungen. Diese Krisen hören offenbar selbst dann nicht auf, wenn der Himmel einstürzt.

tip Wie unverkrampft lässt sich mit Schauspielern über Sex reden? Und sind Sie jemand, der gern über das eigene Liebesleben spricht?
Yael Ronen Wenn ich im Proberaum bin, macht es mir nichts aus. Ich kann ja von meinen Schauspielern nichts verlangen, wozu ich selbst nicht bereit bin. Für „Erotic Crisis“ benutzen wir die persönlichen Geschichten auch nicht eins zu eins wie in „Common Ground“. Wir sammeln Ideen, Erfahrungen, auch von Freunden. Daraus entwickeln wir Charaktere und Storys, das schafft einen Schutzraum. Alles hat einen wahren Kern, ist aber ein Mix aus verschiedenen Erzählungen. Wir verteilen die Entblößung auf viele Schultern.

tip In Berlin wird scheinbar jedes Beziehungsmodell ausgelebt: offene Beziehung, schwul, bi und so fort. Geht es wirklich so locker zu, oder ist das nur eine Behauptung?
Yael Ronen Kann ich nicht sagen, da bin ich auch mit Projektionen unterwegs. Ich fühle mich in Berlin immer noch als Gast und fantasiere darüber, was die Stadt ausmacht. Generell haben wir doch alle das Gefühl: Jeder hat aufregenden Sex, nur ich nicht. Klar, eine Metropole wie Berlin bietet ihr Nachtleben, ihre Communitys, ihre Möglichkeiten. Das unterscheidet sich nicht von Tel Aviv. Ich habe allerdings das Gefühl, dass der Umgang mit Bisexualität in Berlin sehr viel flexibler ist. In Tel Aviv scheint man sich entscheiden zu müssen, ob man hetero oder schwul ist. Hier ist die Haltung eher: Wenn du nicht wenigstens eine bisexuelle Erfahrung hattest, weißt du gar nicht, wer du bist.

tip Was sollen die Zuschauer aus „Erotic Crisis“ mitnehmen? Das tröstende Gefühl, dass es okay ist, langweiligen oder gar keinen Sex zu haben?
Yael Ronen Nicht wirklich! Darüber sollte man sich schon Sorgen machen, das ist schließlich kein Spaß. Unsere Botschaft ist nicht, hey, habt schlechten Sex, dann seid ihr auf dem richtigen Weg. Aber generell versuche ich den Leuten mit meinen Theaterstücken nicht zu erzählen, was sie tun oder lassen sollen. Dafür tauge ich selbst auch zu wenig als Vorbild.

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Esra Rotthoff

Erotic Crisis im Maxim Gorki Theater Premiere Sa 13.9., 19.30 Uhr; Mo 15.9., Fr 19.+?Sa 20.9., jeweils 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15

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