Theater

Interview mit der Schauspielerin Monica Gruber

Monica_GruberFrau Gruber, Gabriele D’Annunzio gilt als ambivalente Figur, hierzulande würde man wenigsten leidenschaftliche Liebesbriefe mit ihm assoziieren.
MG: Die Liebesbriefe an Barbara Leoni sind in ekstatischer, besitzergreifend und leidenschaftlicher Sprache geschrieben.

Welchen Hintergrund besitzt der Text „Liebesbriefe“?
Barbara Leoni, die neue Liebe von D’Annunzio, hieß in Wirklichkeit Elvira Natalia Fraternali und  hat ihren Ehemann nach einigen Wochen verlassen. D’Annunzio nannte sie aber Barbara, Barbarelle und ließ sich von ihr zu dem Gedichtband „Elegie Romane“ (1887) – Spaziergänge in Rom – anregen. Ihre Beziehung dauerte fünf Jahre. Für ihre Treffen mietete er eine Garconniиre in der Via Borgognona, richtete sie im eklektischen Geschmack des bric-а-bric ein. Er hörte als Journalist auf zu arbeiten und zog Ende August 1888 in das Kloster-Atelier seines Malerfreundes Francesco Paolo Michetti in Franca Villa in der Provinz Abruzzo. Dort schrieb er seinen ersten Roman „Il Piacere“ (Lust), der ihn auch außerhalb Italiens berühmt machte. An Barbara schrieb er täglich Briefe, die er als Übung für das eigentliche Schreiben ansah. Die von der italienischen Autorin Dacia Maraini dramatisierten „Liebesbriefe“ enthalten viel Persönliches von D‘Annunzio: seine Liebe zu der Provinz Abruzzen, dem Reiten, den Schwalben.

D’Annunzio warf einerseits als Kampfpilot im Ersten Weltkrieg über Wien Papier statt Bomben ab, anderseits führte er 1919 die Arditi, italienische Freischärler an. Was wollte er damit erreichen?
D‘Annunzio sah in den Befreiungskriegen des Risorgimento keine Einheit der Nation. Er sah die Einheit nur durch die Wiedereroberung der Erbschaft Venedigs und der Macht an der Adria gewährleistet. Die wohlhabende Hafenstadt Fiume (heuten Rijeka) gehörte nicht zu den italienischen Gebietsansprüchen, war im Londoner Abkommen unerwähnt. Die Bevölkerung bestand aus Italienern, Kroaten, Ungarn, Serben und Deutschen. Die Italiener sahen in Fiume die Erbin der Seemacht Venedig. Am 30. Oktober 1918 verlangten die Italiener in Fiume die Annexion durch Italien. Am 14. Januar 1919 schrieb D‘Annunzio den „Brief an die Dalmatiner“: das adriatische Meer und ganz Dalmatien wird zu Italien gehörig betrachtet. Dieser Artikel erschien am 15. Januar in „Popolo D’Italia“ der Zeitung von Mussolini.

Als Dichter galt D’Annunzio als unpolitischer Symbolist, warum besaß er eine solche Anziehungskraft auf den italienischen Faschismus?
Mit dem Spezialtrupp der Arditi zog D’Annunzio  im Sommer 1919 widerstandslos in Fiume ein und wurde zum Gouverneur der Stadt ernannt. „Der unaufhaltsame Marsch. Die Ankunft. Der Duft des Lorbeers. Das Delirium’“ – schrieb er in seinem Notizbuch. Krank, fiebrig sprach er abends vom Balkon des Regierungspalastes zum Volk: „Ich bitte nur um das Recht, Bürger der Stadt des Lebens zu sein. In dieser närrischen und feigen Welt ist heute Fiume das Zeichen der Freiheit.“ Er inszenierte in dieser Stadt seine Politik: die Soldaten trugen zum ersten Male die Fes-Mützen, die schwarzen Hemden mit Totenschädeln und Knochen, Symbol ihrer Macht über Leben und Tod. Die Fahne zeigte ein Symbol aus den römischen Fasci – ein Adler mit weitgeöffneten Flügeln. Seine Gefolgschaft uniformierte er, gab den Massenaufmärschen eine geometrische Anordnung.  All dies übernahmen faschistische und nationalsozialistische Herrscher. D‘Annunzio war nie in der faschistischen Partei. Am 30. August 1920 erließ er die „Carta del Carnaro“, die neue Verfassung. „Ich werde den freien Staat Reggenza italiana del Carnaro nennen. Es ist ein Elfsilber. Der Rhythmus hat immer recht.“ Durch das Abkommen von Rapallo am 12. November
1920 wurde D‘Annunzio gezwungen, Fiume zu räumen. Nachdem das Schlachtschiff „Andrea Doria“ am 26. Dezember 1920 auf den Regierungspalast schoss, trat D‘Annunzio zurück: „Wir werfen heute Nacht den Trauerruf „Ailalа“ über die ermordete
Stadt.“ Am 18. Januar 1921 fuhr er mit Luisa Baccara nach Venedig in die „Casetta rossa“ zurück. Die Erinnerung an das „Blutige Weihnachten“ schmerzte ihn bis zu seinem Tod.

Welche Position nimmt D’Annunzio heutzutage in der italienischen Literaturgeschichte ein?

D‘Annunzio gehört zum Schulunterricht wie hierzulande Goethe und Schiller. In seiner Heimatstadt Pescara finden in der ehemaligen Likörfabrik „Aurum“, der fabbrica delle idee/Fabrik der Ideen, regelmäßige Veranstaltungen und Festivals statt – „D’Annunzio und der Sport“, „D’Annunzio auf Ansichtskarten“, „D‘Annunzio und die Strategie der Massenkommunikation“, schließlich jährt sich 2013 der 150. Geburtstag des Dichters
.
Welche deutsche D’Annunzio-Ausgaben können Sie denn Interessierten ans Herz legen?
Vor allem „Lust“ (il piacere) und „Feuer“ (il fuoco). Wer Einblick in das Leben Gabriele D‘Annunzios haben möchte, dem empfehle ich „Gabriele d’Annunzio“ mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt  von Maria  Gazzetti. Und ich empfehle einen Besuch der ehemaligen Villa von D‘Annunzio am Gardasee, wo sich das heutige Museum „Il Vittoriale“  befindet.

Interview: Ronald Klein

Liebesbriefe
am 19.1., 20 Uhr
im Zimmertheater Steglitz

 

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