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Interview mit Falk Richter über „Trust“ an der Schaubühne

Falk_Richtertip Sie inszenieren Ihre neue Produktion „Trust“ an der Schaubühne gemeinsam mit der Tänzerin und Choreografin Anouk van Dijk. „Trust“ ist Ihre zweite gemein­same Arbeit. Was reizt Sie als Sprechtheater- Regisseur an der Zusammenarbeit mit einer Choreografin?
Falk Richter Bei unserer ersten gemeinsamen Inszenierung vor zehn Jahren, „Nothing hurts“, haben uns bestimmte Themen interessiert, die Suche nach dem Exzess, Menschen, die vor allem virtuelle Welten gewohnt sind und sich in orgiastische Welten und Drogenzustände begeben, um aus ihrer Erfahrungs­losigkeit und Einsamkeit heraus­zukommen. Mich hat der ganze Arbeitsprozess interessiert, der entsteht, wenn man Tänzer und Schau­spieler zusammenbringt. Man fängt mit einer Idee an, mit einer Ausgangssituation für Improvisationen und nicht mit einem Text. Statt klar definierter Figuren und einer Narration hat man unterschiedliche Ereignisse und Intensitäten, die sich aneinanderreiben. „Nothing hurts“ war für Anouk van Dijk und mich eine tolle Arbeit.

tip Wie kam es zu dieser Zusam­menarbeit?
Richter Wir hatten uns schon früher bei einem Theaterfestival auf Kampnagel kennengelernt, Anouk van Dijk war Tänzerin, ich war Student und hatte noch nichts inszeniert. Wir haben darüber geredet, was uns interessieren würde, wenn wir selber künstlerisch arbeiten würden und all die Möglichkeiten hätten. Und dann haben wir angefangen zu arbeiten. Ich bin einfach mit zwei Schauspielerinnen, die ich toll fand, Bibiana Beglau und Sylvana Krappatsch, nach Amsterdam gefahren. Wir haben für drei Wochen ein Studio angemietet, und Anouk hat mit Bibiana und Sylvana und einem Tänzer, der damals auch ihr Freund war, relativ wild drauflos improvisiert, und ich habe versucht, dazu Texte zu ent­wi­ckeln. In dieser großen Freiheit und Ungebundenheit, die wir damals gar nicht als Freiheit, sondern eher als Abwesenheit von Sicherheit empfunden haben, ist dann wirklich etwas entstanden.

tip Und weshalb kamen sie jetzt, nach zehn Jahren, wieder mit Anouk van Dijk zusammen?
Richter Ich war in Hongkong, weil da eine chinesische Compagnie mein Stück „Electronic City“ herausgebracht hat. Anouk hat in der Zeit in Peking mit chinesischen Tänzern eine Inszenierung gemacht. Weil ich Zeit hatte, war ich dann zwei Wochen bei ihr in Peking, ich war auf ihren Proben, und wir haben wieder angefangen, über ein Projekt zu reden. Ich hatte große Lust, in einer freieren Struktur mit Improvisationen zu arbeiten, auch weil ich davor in Tokio eine Oper inszeniert hatte, und das war die durchstrukturierteste Arbeit, die ich je gemacht habe. Das liegt am Betrieb Oper, an der Form, da­ran, dass man sich in der fremden Sprache viel klarer verständlich machen muss, und an Japan. Mit Japanern kann man nicht improvisieren, das ist ein Konzept, das ihnen völlig fremd ist.

tip Um was geht es in „Trust“?
Richter In einer Situation, wo die Menschen meistens in einem enormen Erschöpfungszustand sind, dauernd aufgefordert, sehr viel zu leisten und sich selbst zu erfinden und zu vermarkten, wo letztlich jeder innovativ und irgendwie kreativ sein muss, gerät plötzlich der einzige Wert, dem man noch vertraut hat, ins Schwanken, nämlich das Geld, das Versprechen von Wohlstand und Wachstum. Auf einmal brechen diese Dinge ein. Mich interessiert das Verhältnis zwischen den Wertschwankungen auf dem Geldmarkt zu den Schwankungen im Beziehungsbereich. Wie funktioniert denn eine Gesellschaft ohne Vertrauen? Wie kann man ohne Vertrauen Nähe aufbauen – da werden dann die Körper und der Tanz interessant. Wie sehen Beziehungen ohne Substanz und Erfahrungen aus, Beziehungen, die vielleicht von beiden Beteiligten gar nicht richtig wahrgenommen werden? Die ökonomische Krise ist eine Möglichkeit, anders darauf zu schauen, wie wir in den letzten Jahren gelebt haben. Im Privaten geschieht das sicher teilweise, aber in der Politik passiert da noch nichts. Da gibt es eher Verwaltung von Stagnation, bloß alles so lassen, wie es war, und in die alten Strukturen investieren, weil man nicht weiß, was kommt. Als wären die­jenigen, die jetzt für Veränderungen zuständig wären, paralysiert. Dahinter steckt eine unheimliche Angst, aber keine Idee von der Zukunft.

tip Was haben private Beziehungen samt ihren Defiziten mit der Ökonomie zu tun?
Richter Was sind denn das noch für Beziehungen, wenn es eigentlich nur noch um Geld und Arbeit geht, wenn es als Überlastung verbucht wird, wenn man sich mit jemand anderem auseinandersetzen muss? Der große Unterschied zwischen den Personen in „Nothing hurts“ und den Personen in „Trust“ ist, dass sie sich in „Nothing hurts“ verschwendet haben, die haben sich mit großer Lust in irgendwas reingeschmissen. Die Personen heute wollen eigentlich nur noch in Ruhe gelassen werden und nicht dauernd etwas produzieren und sich irgendwie verhalten müssen. Es ist einfach unglaublich anstrengend, dauernd etwas zu performen und in der Auseinandersetzung mit anderen ein Image zu konzipieren.

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