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Interview mit Falk Richter über „Trust“ – Teil 2

Trust_an_der_Schaubuehne_Berlintip Vom Exzess zur Besitzstandswahrung, ein größeres Bedürfnis, sich zu schützen, statt sich dauernd die Kante zu geben – hat das nicht auch einfach damit zu tun, dass wir alle, auch Sie und Anouk van Dijk, seit „Nothing hurts“ zehn Jahre älter geworden sind?
Richter Absolut. Wir arbeiten uns bei „Trust“ nicht an literarischen Stoffen ab, sondern an unserem Leben, an uns selbst. Wenn wir zu zweit proben, improvisiert Anouk ihren Tanz, und ich schreibe dazu Texte. Wenn wir das Material für die Inszenierung herstellen, können wir nur aus uns selber schöpfen. Das Älterwerden ist ein Punkt: Man achtet eher darauf, dass man seine Ressourcen schützt. Bestimmte Arten von Freundschaften, bei denen es nur noch um Arbeit und darum geht, den anderen zu benutzen, um voranzukommen, will ich nicht mehr.

tip Wenn Sie vom permanenten Zwang zu performen sprechen, dann meinen Sie damit vermutlich nicht nur Künstler und andere Dienstleister aus der Kreativbranche?
Richter Überhaupt nicht. So leben wir alle in einer bestimmten
Ge­neration. Das ist kein spezifisches Problem von Künstlern. Ein Beispiel: Ich bin seit ein paar Monaten auf Facebook, man ist da unentwegt aufgefordert, sich originell und witzig und kreativ zu verhalten. Facebook ist in Wirklichkeit unglaublich anstrengend. Man muss eigentlich jeden Tag ein paar Statements raushauen, um sich selbst als ein interessantes Produkt zu vermarkten. Man ist auf einmal in einem virtuellen Freundeskreis, der genau so funktioniert wie der Aktienmarkt. Der Aktienkurs meines Profils bemisst sich danach, wie witzig meine Pointen sind, wie viele Freunde und vor allem welche Freunde ich habe, ob Quentin Ta­rantino und Heike Makatsch dabei sind
oder nur irgendwelche Unbekannte. Diese immer mehr werdenden virtuellen
Nebenschauplätze erhöhen enorm den Druck auf den Einzelnen, sich zu präsentieren, von den ganzen Dating- und Sextreffen-Seiten mal ganz zu schweigen, da muss man sich ja dauernd als Produkt vermarkten. Meine Hoffnung wäre, dass das genauso zusammenkracht wie die Finanzblase. Das ist gar nichts, das ist genau so irreal und nicht mehr an irgendetwas Substanzielles gekoppelt wie die Spekulationsblasen- Papiere. In diesen
Internetforen tauschen einfach lauter Imagekons­trukte irgendwelche Pointen aus.

tip Sie beschreiben das Paradox der Kultur einer großen Einsamkeit bei gleichzeitiger Verdichtung und Beschleunigung der Kommunikation.
Richter Durch diese Substanzlosigkeit entsteht ein enormer Schmerz. Man weiß überhaupt nicht mehr, ob jemand irgendetwas von dem, was er sagt, meint, oder ob alles immer nur Strategie ist. Und man bleibt bindungslos, auch wenn man sehr viele Kontakte hat. Die Kontakte hin­terlassen so wenig Spuren. Man nimmt sich eigentlich kaum wahr, und das ist ein Schmerz, den man schwer benennen kann, denn eigentlich sind ja alle ganz nett und höflich zueinander. Aber irgendwie vertraut man dieser Höflichkeit nicht. Aber eine Wut, die auf Veränderung drängt, entsteht dadurch auch nicht. Man fühlt sich schlecht, man weiß, das stimmt hier alles grade nicht, aber man macht weiter.

tip Ist das eine kulturkonserva­tive Sehnsucht nach einer entschleunigten Welt mit übersichtlichen Beziehungen?
Richter Ich habe keine Sehnsucht nach einem Zurück. Sondern eine
Sehnsucht nach einem Anders. Die Freiheiten, die sich heute bieten, sind enorm. Die Freude darüber wird aber immer von dieser Angst blockiert, nicht genug zu leisten. Das Problem ist, dass diese Kultur immer alles an Ressourcen raus­presst, bis man am Ende als erschöpfter Körper im Lager der ungebrauchten, ungeliebten Körper rumliegt. Unsere
Gesellschaft hält keinerlei positive Idee bereit für eine Zeit, in der nicht gearbeitet wird. Das könnte ja eine Zeit sein, in der ich mich auflade, mit anderen Menschen substanzielle Beziehungen führe. Aber das Aussetzen der Überarbeitung ist ausschließlich mit der Angst besetzt, überhaupt nicht mehr zu existieren. „Das Individuum ist heute weder krank noch geheilt, es ist für unterschiedliche Wartungsprogramme angemeldet“, sagt der französische Soziologe Alain Ehrenberg. In
„Trust“ sieht man Menschen, die ver­suchen, diesen Wartungsprogrammen
zu entkommen.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Harry Schnitger, Heiko Schäfer

Trust (Termine)
Premiere: 10.10., 20 Uhr
in der Schaubühne (Adresse/Googlemap)

Tickets HIER

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