Theater

Interview mit Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu tip Sie haben Lessings „Nathan der Weise“ neu bearbeitet und so rabiat in die Ge­genwart versetzt, dass der „FAZ“-Kritiker Gerhard Stadelmaier leicht geschockt geschrieben hat, hier treffe „Lessing auf Al-Qaida“. Was hat Sie und Ihre Co-Autor Günter Senkelan der Auseinandersetzung mit Lessings Toleranzparabel interessiert?
Feridun Zaimoglu Das Stück wird als Aufforderung zur Toleranz gepriesen, das die religiösen Dogmen aufweicht. Aber wenn man die berühmte Ringparabel genau liest, wird man darauf stoßen, dass auch hier von einem alten, echten Glauben, einem Original und zwei Imitationen die Rede ist. Man kann dazu stehen, wie man will. Unsere Bearbeitung ist natürlich sehr frei, wir beziehen uns auf unsere Zeit, auf das, was ist, und nicht auf das, was wir uns vielleicht wünschen. Nathan hat Angst, das ist schon bei Lessing so, er muss etwas erfinden, er muss sich etwas ausdenken, um zu überleben. Er ist eine singuläre Gestalt, er wird befehdet von all den alten Schulen des Glaubens. Auf diese Atmosphäre der Angst und der Konfrontation beziehen wir uns, das war im Grund unsere Sprungschanze, um zu unserer Fassung zu kommen.

tip Ihr Stück spielt in einem imaginären Jerusalem, irgendwann in naher Zukunft. Kein sehr friedlicher Ort, oder?
Zaimoglu Nein, wirklich nicht. Es ist ein symbolisch aufgeladener Ort, die Hauptstadt des religiösen Wahns und der Grabhügel mit all den im Namen des Herrn Erschlagenen und Massakrierten. Es ist eine Stadt des Blutes, aber es ist vielleicht auch die Hauptstadt der wahnhaft verzerrten Sehnsucht der Menschen nach einem Erlöser, der uns vom alltäglichen Trübsal und der großen Knechtschaft befreit, eine Sehnsucht danach, dass sich die Schrift endlich erfüllt.

tip In diesem Jerusalem am Rand des Bürgerkrieges tritt Ihr Nathan auf – allerdings ist er im Gegensatz zu Lessings Nathan nicht besonders dip­lomatisch und um Ausgleich bemüht.
Zaimoglu Nathan Messias ist keiner, der sich auf Kompromisse und Konzessionen einlässt. Im Grunde bricht er mit der alltäglichen Praxis des säkularen Bürgermeisters der Stadt genauso wie mit der Praxis all der religiösen Würdenträger in ihren Kaftanen. Er verlangt für sich nichts, er leitet nur das Ende der Zeiten ein. In seinem Selbstverständnis ist er nicht weniger als der von allen erwartete Messias.

tip Ist das ein Sektenführer, ein Spinner, ein Gangleader, ein charismatischer Fundamentalist?
Zaimoglu Er ähnelt in seinem Wortgebrauch den radikalen Ketzern genau so wie den Führern der orthodoxen Schulen. Er kennt keinen Zweifel. Man kann Ähnlichkeiten mit toten und lebenden Religionsoberhäuptern sehen, wir wollten ihn mit einem hohen Wiedererkennungswert versehen. Aber es geht nicht um his­torische Reminiszenzen. Wir wollten vor den Toren dieser Hauptstadt des Blutes und des Wahns einen Mann auftauchen lassen, der mit der alten Zeit und dem Gesetz bricht, und der sagt: Ich fordere alle auf, die gewartet haben, ich bin es.

tip Was interessiert Sie immer wieder so stark an einer Auseinandersetzung mit dem Religiösen?
Zaimoglu Ich finde das ungeheuer aufregend. Salonlinke können ja darüber die Nase rümpfen, Liberale können einem sozialdemokra­tistischen Humanismus das Wort reden, Theaterschulabgänger können mittelständisch gestimmte Monologmaschinen plappern lassen – das ist unsere Sache nicht im Thea­ter. Wo gärt das Böse? Das interessiert mich. Ich nähere mich dem Religiösen nicht arrogant von außen, son­dern nah am Blutkern des Glaubens, im Inneren des religiösen Wahnsys­tems. Es ist ja nicht nur eine mediale Inszenierung, dass die Gläubigen sich zum großen Auftritt versammeln, das ist ein Fakt.

tip Gleichzeitig fühlen wir uns doch in der westlichen, säkularen Moderne eigentlich ganz wohl. Immerhin hat sie den Vorteil, dass man ins Theater oder ins Kino gehen kann.
Zaimoglu Ich bin natürlich ein Produkt meiner Zeit und der westlichen Moderne, ich bin ein Stiefkind der Aufklärung. Der dekadente Punkt ist, dass mich in der Auseinandersetzung mit dem Religiösen vor allem interessiert, daraus Kunst zu machen.

tip Ursprünglich sollte Ihr Stück am Schauspielhaus Düsseldorf uraufgeführt werden, das kam dann nicht zustande. Jetzt kommt die Uraufführung statt am großen Staatstheater am winzigen Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße raus. Normalerweise müssten Sie sich doch als Autor darüber ärgern?
Zaimoglu Auch wenn es vielleicht nur wie höfliche Worte klingt, ich meine es von Herzen ernst: Ich freue mich sehr darüber, dass es im Ballhaus rauskommt und dass Neco Celik es inszeniert. Ich freue mich wirklich sehr, und natürlich will ich es mir ansehen.

Interview:
Peter Laudenbach

Foto: Jens Berger/tip

Nathan Messias, Ballhaus Naunynstraße, 17.-21.4. und 27.-29.4., 20 Uhr

 

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