Theater

Interview mit Frank Castorf – Teil 2

Ozean_an_der_Volksbuehnetip Klingt nach Revolutionskitsch.
Castorf Es ist totaler Kitsch, ich glaube, das ist etwas, was den Heiner Müller immer an Friedrich von Gagern gereizt hat. Das hat etwas von einem übersteigerten Männlichkeitsbegriff, wenn von Gagern seine Indianer sagen lässt, dass die Not durch die Eitelkeit der Frauen über die Männer kommt – so kommt das Elend in die Welt. Das ist nicht sehr weit weg von Müller, wenn er im „Auftrag“ schreibt, dass der Verrat weiblich ist, er wirft sich mit seinen Schamlippen über den Revolutionär. Natürlich ist es Revolutionskitsch, es ist trivial, Trash, und es handelt vom Misstrauen gegen die Demokratie, ein Moment von Gewalt auf diesem Schiff. Das interessiert mich. Ist die Demokratie die Wahrheit der Politik, oder ist es in Wirklichkeit der Ausnahmezustand, die Gewalt, der brutale Machtkampf? Diese Fragen kommen jetzt wieder hoch. Deshalb ist auch Heiner Müller wieder aktuell, auch wenn die ganzen Linksliberalen mit ihrem Antikommunismus allergisch auf ihn reagieren.

tip Ich lebe ganz gerne in der Demokratie. Wäre Ihnen die Diktatur irgendeiner kommunistischen Par­tei lieber?
Castorf Darum geht es nicht. Kein amerikanischer Präsident hat sich jemals für die Sklaverei entschuldigt bei den Völkern Afrikas, ich weiß nicht, ob Obama das gemacht hat. Dieser Reichtum, der durch die Ausbeutung, durch die systematische Verletzung von Menschenrechten, durch die Ausrottung ganzer Völker in der Karibik, produziert wurde, die ursprüngliche Akkumulation von Kapital, die dann die Demokratie in den USA begründet, diese Doppeldeutigkeit hat mich immer interessiert. In „Ozean“ erin­nert man sich, schon durch die Dialekte, daran, dass dieses Deutschland einen langen Weg hinter sich hat, wenn Bärbel Bolle, die ich großartig finde, oder Horst Lebinsky diese komischen Texte im schlesischen oder im Berliner Dialekt sprechen. Bärbel Bolle ist jemand, zu der ich eine sehr besondere Beziehung habe. Das sind gelebte Biografien, das ist nicht nur Theater. Wenn Volker Spengler, den ich über alles liebe, in seiner Rolle über den Tod spricht, wenn er Gott anklagt, dann habe ich das Gefühl, dass er von sich selbst redet: „Wir werden Gott richten, denn ich bin der, der am Kreuz gestorben ist.“ Und wenn ich mir Volker ansehe, mit dem Humor, den er hat, ist in solchen Sätzen eine tiefe Traurigkeit und Wahrheit.

tip Mit Bärbel Bolle und Horst Lebinsky haben Sie vor zwanzig Jahren am Deutschen Theater „Paris, Paris“ und „John Gabriel Borkman“ inszeniert. Sie haben viele alte Schauspieler, alte Weggefährten engagiert. Ist das auch der Versuch, an Ihre eigenen Anfänge anzuknüpfen?
Castorf Ja, klar, das ist so. Bärbel Bolle hat eine Direktheit und einen Charme, mit ihren Ende 60, den ich toll finde. Hermann Beyer, Dieter Montag, Horst Lebinsky, Mex Schlüpfer, Frank Büttner, das sind nicht nur Schauspieler für mich, das sind Menschen mit einer sozialen, auch politischen Biografie, die für mich einen politischen, moralischen Schatten werfen, auch wenn sie manchmal vielleicht nicht mehr so gut hören oder länger brauchen. Das sind keine Opportunisten, es sind Leute, die eine Würde haben und mit dem Theater etwas wollen. Was sie machen, ist authentisch. Das ist etwas anderes, als wenn ich im Deutschen Theater junge Menschen auf der Bühne sehe und zuerst denke: Zweifellos sind das Schauspieler. Deshalb würde ich auch gerne mit Edith Clever arbeiten. Sie interessiert mich als intelligenter, entschiedener Mensch in dieser Zeit. Wir haben lange, genaue Gespräche miteinander gehabt. Es gibt so viele ältere Schauspieler, die absolut wiederzuentdecken sind.

tip Früher hatte die Volksbühne das aufregendste Schauspielerensemble Europas: Sophie Rois, Jeannette Spassova, Kathrin Angerer, Henry Hübchen, Martin Wuttke, Alexander Scheer, Bernhard Schütz. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Auch das gehört zur Krise der Volksbühne. Weshalb hat Ihr Theater nicht mehr die Bindekräfte, große Schauspieler halten zu können?
Castorf Natürlich ist es für Henry oder Martin bequemer, beim Film Geld zu verdienen. Das kann ich ihnen auch nicht verdenken. Was die hier gemacht haben, diese langen Abende, wo sie sich bei jeder Vorstellung abgefackelt haben, die allabendliche Entäußerung, die kurzen Produktionszeiten, das ist Hochleistungssport. Wir werden alle nicht jünger, und bei den Jungen ist der Zwang zum Erfolg, der Überlebenskampf, viel, viel schwieriger geworden. Deshalb sind die Menschen so vereinzelt und vor allem mit Überleben beschäftigt. Ich hätte viel radikaler, viel früher dieses Theater, das Ensemble verändern müssen. Das ist durch die Routine des Erfolgs weggerutscht. Ich habe nach dem Weggang von Matthias Lilienthal lange niemanden gefunden, der diese Position ausfüllen konnte. Teilweise habe ich falsche Leute geholt, da hat mich der Instinkt verlassen, mehrmals. Ich war manchmal erschrocken darüber, wie Leute hier am Haus künstlerische Impulse nicht verstehen konnten. Das hätte ich aber auch früher begreifen können. Das ist so. Wir sind immer noch eine Insel. Ich gehe nicht so viel in andere Theater, und was ich sehe, entspricht nicht dem, was mir Spaß macht und wie ich Leben sehe und Zeit, Gesellschaft. Da kann man sagen, das ist mein Problem. Ich sehe überall Plagiate von Sachen, die ich oder Marthaler oder Schleef gemacht haben. Davon wird man müde, weil das Originäre sich ins Kunstgewerbe entleert. Da ist mir jemand wir Gottscheff lieber, mit Mitko kann ich umgehen, weil er eine Biografie und eine Haltung hat.

tip Wie geht’s weiter an Ihrem angeschlagenen Panzerkreuzer?
Castorf Mir macht es im Augenblick Spaß, mit jemandem wie Bärbel Bolle oder Horst Lebinsky zu arbeiten, mit diesen Leuten habe ich Spaß am Beruf. Ich kann die Volksbühne nicht neu erfinden, ich kann auch mich selbst nicht neu erfinden. Ich kann nur anknüpfen an etwas, das mal wichtig war.

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Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Thomas Aurin

Termine: „Ozean“
in der Volksbühne; Premiere: 12.11.

 

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