Theater

Interview mit Hannah Schygulla Teil 2

tip Egal was für ein Genre, gibt es aktuelle Musik, die Sie mögen?
Schygulla Meine Lieblingssängerin ist zurzeit Concha Buika, eine Afrikanerin, die in Mallorca aufgewach­sen ist. Sie singt eine moderne Form von Flamenco und arbeitet jetzt mit einem kubanischen Musiker zusammen. Ihre Musik öffnet sich zu modernen Sounds, auch wenn sie ihre Wurzeln in der Tradition hat. Ich mag lateinamerikanische Musik, die kommt auch in meinem Programm vor.

tip Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Lateinamerika?
Schygulla Ich war oft dort. Ich wurde von Gabriel Garcнa Mбrquez
eingeladen, als er noch Direktor der Filmhochschule auf Kuba war. Damals hat er auch angefangen, Drehbücher zu schreiben. Er hatte für ein Drehbuch noch keine Besetzung, da fiel ich ihm als Besetzung für diesen Film ein, als wir uns in einem Cafe in Paris begegnet sind.

tip Kannte Garcнa Mбrquez vor dieser Begegnung Ihre Filme?
Schygulla Ja, er kannte mich.

tip Erstarrt man da nicht vor Ehrfurcht, wenn einem der Literaturnobelpreisträger Garcнa Mбrquez plötzlich in einem Cafe in Paris gegenübersitzt?
Schygulla Ich weiß nicht, wenn ich mit den ganz Großen zusammenkomme, stellt sich bei mir eher eine Neugierde und eine Faszination ein, keine Erstarrung. Ich bin da nicht gelähmt.

tip Haben Sie mit Garcнa Mбrquez gearbeitet?
Schygulla Ja. Er hat eine seiner Erzählungen als Film für mich
umgeschrieben. Das hieß „Ich verleihe mich zum Träumen“. In seiner Erzählung kommt eine Kolumbianerin nach Wien, sie schleicht sich in den Haushalt einer Familie aus dem Großbürgertum ein und bringt die ganze Familie in ihre Gewalt. Im Film ist das genau umgekehrt, eine Europäerin kommt nach Lateinamerika. Sie sagt: „Ich bin ein Medium, ich
werde für Sie träumen.“

tip Der Satz „Ich verleihe mich zum Träumen“ beschreibt wunderbar, was Sie als Schauspielerin machen.
Schygulla Es gibt eigentlich keine bessere Definition für die Schauspielerei.

tip Weshalb kam Mбrquez’ Film mit Ihnen hier nicht ins Kino?
Schygulla Das ist ein Fernseh-Sechs­teiler, der wurde in Lateinamerika in mehreren Ländern und im spanischen Fernsehen ausgestrahlt. Im deutschen Fernsehen haben sie ziemlich lange diskutiert, ob sie das dem deutschen Publikum zumuten können oder nicht. Und am Ende haben sie sich wohl dagegen entschieden.

tip Sie selbst hätten wahrscheinlich viel Geld verdienen können, wenn Sie einfach in irgendwelchen deutschen Fernsehfilmen mitgespielt hätten. Stattdessen treten Sie in der Bar jeder Vernunft vor 250 Zuschauern auf. Weshalb hatten Sie nach Fassbinders Tod keine Lust auf das schnelle Fernsehgeld?
Schygulla Das hat mich nicht gereizt. Ich habe halt mit Fassbinder angefangen, da hatte ich keine Lust, so Fernsehdurchschnitt zu machen. Ich habe mich da immer ziemlich rausgehalten.

tip Spielen Sie stattdessen lieber Theater?
Schygulla Ich spiele nächstes Jahr ein Stück von Kerstin Specht
über das Leben von Marieluise Fleißer. Das ist einer Koproduktion zwischen Luxemburg und der Ruhrtriennale. Darauf freue ich mich. Im Theater liebe ich eigentlich das, was am Rande sich tut, mehr als das klassische Theater. In Paris schaue ich mir nach wie vor alles an, was Peter Brook macht. Der Beckett, den Brook gemacht hat, da braucht es
fast gar nichts Äußerliches mehr, es braucht es nur eine gute Verbindung zu Beckett.

tip Ihr Abend in der Bar jeder Vernunft fängt an mit Liedern aus Ihrer Kindheit. Wie endet er?
Schygulla Mit zwei Jazzsongs. Wenn ich noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich in diese Richtung gehen. Jazz liebe ich schon sehr.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Schirmer-Mosel Verlag

Hanna Schygulla „Aus meinem Leben“
in der Bar jeder Vernunft (Adresse/Googlemap)
Di 1. bis Sa 5.9., 20 Uhr, So 6.9., 19 Uhr
Tickets HIER

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