Theater

Interview mit Hans-Werner Kroesinger

CapitalPoliticstip In Ihrem neuen Stück „Capital Politics“ beschäftigen Sie sich mit dem Großindustriellen Friedrich Flick. Der Unternehmer wurde bei den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt, er hat im Nationalsozialismus prächtig verdient – zum Beispiel an der Ausbeutung von 60.000 Zwangsarbeitern. In der Bundesrepublik wurde er schnell wieder einer der reichs­ten und mächtigsten Unternehmer, größter Aktionär bei Daimler zum Beispiel. Was macht Flick zu einer spannenden Thea­terfigur?
Hans Werner Kroesinger Interessant wird es, wenn man ihn als Prototyp versteht, ein für die damalige Zeit in Deutschland neuer Typ von Kapitalist. Niemand mit altem Geld, keiner aus den alten Industrie-Dynastien. Er macht sein Geld während des ersten Weltkriegs und danach mit geschickten Investments in Unternehmen und wird vom Kleinaktionär aus eher bescheidenen Verhältnissen zu einem der reichs­ten Männer Deutschlands. Der Aufstieg ist gewaltig. Er kauft und verkauft Firmenanteile, er sichert sich in Unternehmen Mitspracherechte – und zwingt sie dann zum Beispiel, Rohstoffe zu erhöhten Preisen von anderen Un­ternehmen zu kaufen, die wie­derum ihm gehören. Die Branche und die langfristige Entwick­lung der Firmen sind ihm fast egal, im Kern geht es nur um Macht und Geld. Darin ist er sehr modern. Oft erwirbt er die Mehrheitsanteile einer Firma, zerlegt sie, verkauft einzelne Teilbereiche und finanziert so den Kauf, quasi ohne eigenes Geld zu investieren. Die übernommene Firma finanziert den Kauf aus der eigenen Substanz.

tip So arbeiten heute Hedgefonds – die berühmten „Heuschrecken“. Was macht Flick für Sie zum Prototyp eines so geschickten wie skrupellosen Unternehmers?
Kroesinger Der Historiker Kim Christian Priemel bezeichnet Flicks Methode als „System­opportunismus“. Er durchschaut und nutzt die Mechanismen des politischen Systems, in dem er sich gerade befindet. Er passt sich der Bundesrepublik genau so bruchlos an, wie davor dem Nationalsozialismus und der Weimarer Republik. Er nutzt als Fachmann die Gelegenheiten. Flick pflegt schon 1933, direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, Kontakte in die Ministerien, die die Aufrüstung organisieren – er weiß, dass es zum Krieg kommen wird, und daran will er mitverdienen. Nach dem Krieg investiert er, mit genau dem gleichen unternehmerischen Kalkül und der gleichen Weitsicht, in die Automobilindustrie.

Hans-Werner_kroesingertip Flapsig und zynisch gesagt: Er setzt immer aufs richtige Pferd und investiert in Branchen mit Zukunft?
Kroesinger So kann man es sagen – der Prototyp des moralfreien, aber höchst rationalen, vorausschauenden Unternehmers. Ludwig Erhard, der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft der frühen Bundesrepublik, hält bei Flicks Beerdigung eine Totenrede auf die große Unternehmerpersönlichkeit. Dass während des zweiten Weltkriegs viele Zwangsarbeiter in seinen Unternehmen umgekommen sind, dass er einer der größten Arisierungsgewinnler war, dass er bei den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt wurde, spielt keine Rolle mehr. Interessant ist, dass in der Logik, in der Flick agiert, also das Nutzen der Gelegenheiten, der Aufbau eines großen Konzerns, die permanente Expansion, dass in dieser Logik so etwas wie Moral nicht vorkommt. Das Interessanteste an allen Dokumenten über Flicks Tätigkeit ist diese Leerstelle. Der damals reichste Mann Deutschlands hat nie einen Pfennig an die überlebenden Zwangsarbeiter seiner Unternehmen gezahlt. Er war sich schlicht keiner Schuld bewusst, im Gegenteil. Sein einziges Problem mit den Zwangsarbeitern war, dass ihm die SS zu wenig qualifizierte Arbeiter und zu viele Alte und Frauen schickte. Es geht nur darum, dass die Produktionsnormen erfüllt werden, alles andere ist gleichgültig. Seine Haltung zur Beschäftigung der Zwangsarbeiter in seinen Betrieben war auch nach dem Krieg: Wenn man Arbeiter ernährt, sollten sie auch arbeiten.

tip Spielt Flicks Enkel, Friedrich Christian Flick, der Kunstsammler vom Hamburger Bahnhof, eine Rolle in Ihrer Inszenierung?
Kroesinger Die Bühne hat etwas von einer Ausstellungssituation – man sieht Dokumente der Flick-Unternehmensgeschichte in Vitrinen, ausgestellt wie Kunstwerke. Man sieht, was man in der Flick-Kollektion nicht sieht.

tip Wie bringt man eine Figur wie Flick auf die Bühne?
Kroesinger Gute Frage (lacht). Interessant ist, dass es sehr wenig Selbstaussagen von ihm gibt. Er hält sich im Hintergrund, er geht möglichst geräuschlos vor. Wir arbeiten mit Dokumentar­material: Gerichtsprotokollen, Geschäftspapieren, Aussagen von Zeitzeugen. Wir versuchen nicht, so etwas wie eine Charakterstudie zu zeigen. Es wäre langweilig, ihn einfach als bösen Kapitalisten vorzuführen. Er ist der konsequente Kapitalist. Wenn man seiner Sprache sehr genau zuhört, wird etwas sichtbar von der Funktionslogik des Kapitals.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Valerie von Stillfried, Jens Berg

Termine: Capital Politics
im HAU 3,
Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg
7., 9., 10., 12.-16.1., 20 Uhr

 

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