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Interview mit Hans-Werner Kroesinger

Interview mit Hans-Werner Kroesinger

tip Die HAU-Premiere „GRAECOMANIA 200 years“, an der Sie und Regine Dura arbeiten, schlägt eine weiten ­Bogen: Von der Griechenlandliebe der deutschen Klassik bis zur Finanzkrise. Ist das eine historische Tiefenbohrung?
Hans Werner Kroesinger Ja, auch. Uns hat interessiert, dass das Griechenland-Bild der Medien in der Finanz-Krise total negativ und klischeehaft war. Man las plötzlich nur noch von „Pleitegriechen“, die den Euro zerstören und die Deutschen ausnutzen. Wir wollten uns die deutschen Griechenland-Projektionen genauer ansehen.

tip Und die Finanzkrise?
Hans Werner Kroesinger Sie hat auch eine historische Ebene. Griechenland war schon 1890 pleite, ein Schuldner der Großmächte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wechseln sich zwei Parteien in der Regierung ab, beide bedienen großzügig ihre eigene Klientel, aber die geostrategische Lage macht Griechenland im kalten Krieg zum wichtigen Verbündeten der USA und der NATO. Dieses Bündnis lässt sich der Frontstaat Griechenland gut bezahlen – eine politische Kultur des Alimentiertwerdens. Mit dem Euro-Beitritt verbilligen sich die Zinsen für Kredite auf die Hälfte, das Leben auf Pump geht weiter. Die Euro-Krise ist kein Bruch in der griechischen Geschichte, sondern ihre logische, kontinuierliche Fortsetzung.

tip Eine Projektion ist es, wenn Goethe „das Land der Griechen mit der Seele“ sucht oder Winkelmann im 18.Jahrhundert im antiken Griechenland „stille Einfalt, edle Größe“ sieht?
Hans Werner Kroesinger Zum Beispiel. Griechenland war ja mal ein Sehnsuchtsort für viele Deutsche, es galt als Wiege der europäischen Kultur. Der Klassizismus knüpft an die Antike an, man steigert das eigene Selbstwertgefühl indem man sich auf den Echoraum Antike bezieht. Man spiegelt sich in der Antike und fühlt sich selbst erhaben. Eine zweite Ebene sind geschichtliche Fakten. Der erste griechische König nach der Unabhängigkeit vom osmanischen Reich ist ein Bayer. Die Großmächte entscheiden nach dem Freiheitskampf der Griechen, einen Herrscher zu inthronisieren, der nicht zu stark ist. Der neue König baut dann sofort eine Verwaltung mit bayerischen Beamten auf – also etwas ähnliches, was Schäuble heute den Griechen wieder für ihre Finanzverwaltung rät. Das Schloss, das der bayerische König in Athen bewohnt, wird später zum Parlamentssitz. Es gab im Deutschland des frühen 19.Jahrhunderts eine große Begeisterung für den Freiheitskampf der Griechen – samt Aufrufen mit der Aufforderung „unsere Brüder“ von der „osmanischen Schande“ zu befreien. Das hat natürlich auch viel mit patriotischen oder nationalistischen Projektionen zu tun.

tip Bei den Massaker, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an Griechen begeht, ist dann nicht mehr die Rede von „unseren Brüdern“.
Hans Werner Kroesinger Aber die Offiziere haben ihren „Hölderlin im Tornister“, wie es damals hieß. Interessant ist der Schriftsteller Erhart Kästner, der als Dichter im Waffenrock im Auftrag der Wehrmacht ein Griechenland-Buch schreibt. Während er für das Buch unterwegs ist, finden in Kreta die Massaker an Zivilisten statt, in Athen verhungern Menschen, das Land wird gnadenlos ausgebeutet. Die Wehrmacht führt in Griechenland, ähnlich wie in Polen und Russland einen Vernichtungskrieg. Als Bildungsbürger im Dienst der Propaganda besingt Kästner die Schönheit der Tempelruinen und der archaischen Landschaft. Er schreibt, wie froh die Griechen seien, dass deutsche Soldaten unterwegs sind. Das Kriegsgeschehen wird ausgeblendet. Das Projektions-Griechenland überdeckt das reale Griechenland, die Arier werden als die wahren Nachfolger der antiken Griechen veredelt. Das Buch erscheint 1943. Nach dem Krieg hat Kästner für Neuauflagen die Arier-Propaganda diskret entfernt, das gesäuberte Buch des NS-Schriftstellers war dann bis in die 70er Jahre einer der beliebtesten deutschen Griechenland-Reiseführer. Griechenland bleibt auch für die Touristen eine Projektion.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Hebbel am Ufer; david baltzer/bildbuehne.de

HAU 3 Sa 30.1., Mo 1.2, Do 4. – Sa 6.2., 20 Uhr, ?So 31.1., 17 Uhr, Karten-Tel.: 25 90 04 27

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