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Interview mit HAU-Intendantin Annemie Vanackere

Interview mit HAU-Intendantin Annemie Vanackere

Die Belgierin Annemie Vanackere leitet das Hebbel am Ufer (HAU) seit 2012. Nach dem Durchlauferhitzer-Premieren-Overkill-Stil ihres lautstarken Vorgängers Matthias Lilienthal setzt sie an der wichtigsten Berliner Bühne der lokalen wie der internationalen Freien Szene zwischen Tanz, Performance, Diskurs, Pop und Schauspiel eher auf Konzentration. Und auf Kontinuität statt auf Verschleiß, zum Beispiel, wenn das HAU erfolgreiche Produktionen wie She She Pops „Schubladen“ über mehrere Spielzeiten immer wieder zeigt. „Ich finde, dass sich Kunst, gerade in diesen Zeiten, auch den Luxus erlauben können muss, keine Funktion zu haben, nicht nützlich, vielleicht sogar eine höhere Form der Zeitverschwendung zu sein“, sagte Vanackere zu Beginn ihrer Intendanz – in der Selbstvermarktungsmetropole Berlin ein ambitioniertes Programm. Sie hat sich ziemlich erfolgreich daran gehalten.

tip Frau Vanackere, für das HAU geht die Spielzeit gut zu Ende. Der Hauptstadtkulturfonds erhöht den Zuschuss für Ihr Festival „Tanz im August“ ab 2016 um 200.000 Euro. In der kommenden Spielzeit finanziert der HKF unter anderem HAU-Produktionen von Patrick Wengenroth und das Schwabingrad-Ballett mit Ted Gaier von den Goldenen Zitronen. Auch der Kulturstaatssekretär Tim Renner bemüht sich demonstrativ um die Freie Szene. Alles gut?  
Annemie Vanackere Nicht nur Tim Renner, auch der Regierende Bürgermeister ?Michael Müller interessiert sich für unsere Arbeit. Neulich war er im HAU und hat sich den Ost-West-Klassiker „Schubladen“ von She She Pop angesehen, das freut mich natürlich.

tip Und, hat es ihm gefallen?
Annemie Vanackere Ich glaube schon. Zu Ihrer ersten Frage: Ja, wir hatten eine sehr gute Spielzeit, mit fast ?60.000 Zuschauern und einer Auslastung von über 80 Prozent. Die höheren HKF-Zuschüsse für den „Tanz im August“ sind an eine Erhöhung der Zuschüsse des Landes Berlin gekoppelt. Und es gibt aus der Politik ermutigende Si­gnale dafür, dass auch der Etat des HAU erhöht werden soll . Das sind gute Nachrichten. Aber das größte Problem ist nach wie vor , dass wir für große Teile unseres regulären Programms Mittel beim Hauptstadtkulturfonds, bei der Bundeskulturstiftung oder anderen Fördergremien beantragen müssen. Während wir eine Produktion planen, wissen wir oft noch nicht, ob sie finanziert wird. Wir hätten gerne einen Produktionsetat, der es uns ?ermöglicht, in einer größeren Kontinuität zu arbeiten. Wir hatten im letzten halben Jahr drei Festivals, „Return to Sender,“ „Männlich Weiß Hetero“ und „The Power of Powerlessness“. Dafür mussten wir jeweils bis zu 250.000 Euro Drittmittel einwerben.

tip Dabei konkurrieren Sie mit wesentlich größeren und reicheren Bühnen um Dritt­mittel. Nur mal so als Beispiel: Für die Autorentheatertage bekam das Deutsche Theater allein von der Lottostiftung 500.000 Euro, für ein 14-tägiges Festival mit gut 6.000 Zu­schauern.
Annemie Vanackere Der Unterschied zum Deutschen Theater ist, dass es für das HAU und die Künstler eine existenzielle Frage ist: Wenn wir mit einem Künstler eine Arbeit verabredet haben und der Antrag nicht genehmigt wird, müssen wir ihm ein halbes Jahr später sagen, dass wir ein Finanzierungsproblem haben. Das ist sowohl bei Berliner als auch bei internationalen Koproduktionen eine komplizierte Situation. Ich habe großen Respekt vor den Kuratoren und Kritikern, die in den Jurys, etwa beim HKF, über die Mittel für einzelne  Projekte entscheiden. Aber ich finde, dass die Abhängigkeit von diesen Jurys zu groß ist. Man sollte einen größeren Teil der verfügbaren Mittel direkt an die jeweiligen Häuser geben. Wir müssen darüber reden, wie man diese Strukturen verbessern kann. Die Produktionshäuser sollten die Mittel haben, selber zu entscheiden, welche Produktionen sie machen wollen.

tip Weshalb ist Ihnen Kontinuität so wichtig?
Annemie Vanackere Es geht um Planungssicherheit. Wir wollen zum Beispiel regelmäßig mit Forced Entertainment und Tim Etchells arbeiten. Letztes Jahr konnten wir ihr dreißigjähriges Jubiläum nur so umfassend  feiern, weil wir Geld von der Lotto-Stiftung bekommen haben.

tip Forced Entertainment ist ein gutes Stichwort. Im Juni konnte man deren Shake­speare-Marathon bei „Foreign Affairs“ sehen. Letztes Jahr war dort der Choreograf Boris Charmatz zu Gast, der seine Stücke auch im HAU zeigt. Auch der designierte Volksbühnen-Intendant Chris Dercon will mit Charmatz und der Choreografin Mette Ingvartsen arbeiten, deren Stücke ebenfalls im HAU zu sehen sind. Warum braucht Berlin immer mehr Spielstätten für die gleichen Künstler?
Annemie Vanackere Forced Entertainment haben eine lange Geschichte mit dem HAU, auch mit mir. Ich will deren Arbeiten auf jeden Fall weiter bei uns zeigen. Ich finde aber auch, dass ein Künstler wie Tim Etchells die Möglichkeit haben sollte, seine Stücke an den Orten zu zeigen, die dafür geeignet sind. Die Shake­speare-Perfomances passen ganz wunderbar in einen Festivalkontext. Was Dercon an der Volksbühne vorhat, wissen wir nicht. Wenn Boris Charmatz und Mette Ingvartsen zu seinem Team gehören, werden sie ihre Stücke ab 2017 in dem neuen Volksbühnen-Kontext entwickeln müssen.

tip Wird mit Dercon an der Volksbühne für Sie die Konkurrenz um prominente Künstler, Drittmittel, um Aufmerksamkeit und Publikum größer?
Annemie Vanackere Wir müssen immer wieder deutlich machen, was wir wollen und wofür wir stehen. Für mich ist ziemlich klar, was das HAU ist: die wichtigste Berliner Bühne für freie Gruppen und Künstler, die nicht in festen Ensemblestrukturen arbeiten, sowohl lokal als international. Der Tanz ist für das HAU in den letzten Jahren wichtiger geworden. Ich habe kein Problem mit Konkurrenz, aber ich bin für fairen Wettbewerb. Wenn Dercons Volksbühne einem Künstler 200.000 Euro für ein Projekt anbietet, kann das HAU nicht mithalten. Ich kann keinem Künstler vorwerfen, dass er sich dann für das Haus mit dem größeren Etat entscheidet, aber diese Konkurrenz ist nicht sehr fair. Mein Eindruck ist, dass in der Politik das Verständnis dafür wächst. Vielleicht hat man zunächst etwas unterschätzt, welche Komplikationen Chris Dercons Pläne für die Volksbühne für die gesamte Landschaft mit sich bringen – zum Beispiel im Verhältnis zu den anderen Berliner Institutionen, seien es die Berliner Festspiele oder das HAU, aber auch im Ver­hältnis des Landes Berlin zum Bund. Das ist ein empfindliches Ökosystem. Ein neuer,  gut ausgestatteter Akteur kann das ganze  Gefüge verändern.

tip Ärgert Sie die Diskussion, ob es zwischen Strukturen der Freien Szene und den Stadttheatern eine Art Systemkonkurrenz gibt?
Annemie Vanackere Mich ärgert, dass sie oft inkompetent geführt wird. Die Stadttheater verändern sich, viele Künstler arbeiten in beiden Bereichen. Als 2003 aus dem Hebbel-Theater das HAU wurde, war Berlin noch eine andere Stadt, und die Freie Szene hatte längst nicht die Bedeutung, die sie heute hat. Diese Entwicklung ist enorm.

tip Die Freie Szene ist nicht mehr der kleine, arme Verwandte der Stadttheater?
Annemie Vanackere Nicht mehr klein, aber vergleichsweise arm ist sie immer noch.

tip Und immer noch vergleichsweise minoritär: Die Schaubühne, das Deutsche Theater, die Volksbühne, das Berliner Ensemble haben jeweils rund dreimal so viele Zuschauer wie das HAU. Wäre es nicht etwas voreilig, die Stadttheater für anachronistisch und die Strukturen der Freie Szene für das Modell der Zukunft zu halten?
Annemie Vanackere Es ist doch wunderbar, dass diese Theater so gut besucht sind! Ich glaube nicht, dass es sehr hilfreich ist, die beiden Modelle gegeneinander auszuspielen.

tip Sie sind seit drei Jahren HAU-Intendantin, in zwei Jahren läuft Ihr Vertrag aus. Wollen Sie ihn gerne verlängern?
Annemie Vanackere Darüber muss ich nachdenken  – und darüber, was wir hier wichtig finden. Ich würde die „Forschungs-Station“ HAU gerne weiterentwickeln, wenn das möglich ist. Ich glaube, ein konzentriertes, vielleicht nicht so lautstarkes Festival wie „The Power of Powerlessness“ ist ziemlich typisch für uns. Mehr Konkurrenz bedeutet vielleicht nicht unbedingt, dass  wir besonders lautstark werden müssen. Meine Antwort wäre eher, uns noch mehr auf unsere Inhalte und Themen zu konzentrieren. Mir sind Inhalte wichtiger als ein Glamourfaktor und Labels. Mich interessiert an einem Ort und an einem Theater das Spezifische, nicht das, was ich überall sehen kann. Natürlich haben mich fünf Stunden Castorf an der Volksbühne genau deshalb so fasziniert, als ich vor 15 Jahren immer öfter zum Theaterschauen nach Berlin gefahren bin – das ist etwas Spezifisches und etwas, das nicht austauschbar ist.

Interview:
Peter Laudenbach

Foto:
David von becker

Das HAU spielt wieder ab dem 13. August. www.hebbel-am-ufer.de

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