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Interview mit Herbert Fritsch

Interview mit Herbert Fritsch

Herbert Fritsch, geboren 1951 in Augsburg, kam Anfang der 90er-Jahre als Schauspieler an die Volksbühne. Bei Frank Castorf spielte er unter anderem in „Clockwork Orange“, „Dämonen“, „Berlin Alexanderplatz“. Großen Erfolg als Regisseur hatte er mit „Die (s)panische Fliege“, „Murmel Murmel“ und „Ohne Titel Nr. 1“ (alle eingeladen zum Theater­treffen). Seit 1983 macht er auch Filme. Seine erste Operninszenierung war 2013 „Tri Sestri“ von Pйter Eötvös am Opernhaus Zürich.
 
tip Herr Fritsch, mit „Don Giovanni“ inszenieren Sie zum ersten Mal einen heiligen Blockbuster des Opernbetriebs. Nervös?
Herbert Fritsch Nö … Da hätten mich schon andere Situationen aus der Ruhe bringen müssen. Als ich anfing, Bühnenbilder zu machen, wusste ich nicht im Entferntesten, wie das funktioniert. Hat irgendwie immer geklappt. Bei mir ist alles Spieltrieb. Mein ­Gedanke ist: Mach einfach! Rein ins Ungewisse. Ich bin ein Spieler.

tip In Ihren bisherigen Arbeiten konnten Sie Tempo und Rhythmus selber bestimmen, bei „Don Giovanni“ nicht. Wie wollen Sie damit klarkommen?
Herbert Fritsch Es gibt immer Fermaten und Momente, wo man den Rhythmus irritieren und aufbrechen kann. Nur: Das ist gar nicht meine Absicht. Bei Mozart inspiriert mich die Musik ohnedies genug. Ich fühle mich frei. Soll ich Ihnen was sagen: Ich fühle mich von Mozart verstanden.

tip Was flüstert er Ihnen denn zu?
Herbert Fritsch Dass er Humor hat, der ziemlich bissig ist. Mozart hat einen harten Witz mit starken Anteilen von Unmoral. Don Giovanni ist ­eigentlich ein missglückter Blaubart, meinen Sie nicht?

tip Wieso missglückt?
Herbert Fritsch Er bildet sich ein, ein großer Liebhaber zu sein. Das sind männliche Hirngespinste. Hat ziemlich viel mit Impotenz zu tun. Das zeigt sich zum Beispiel an der sogenannten „Register-Arie“. Die ist ungefähr so aufschneiderisch wie Klaus Kinski, wenn er von sich behauptete, 70 Orgasmen pro Nacht gehabt zu haben.

tip Braucht man Erfahrungen auf dem Gebiet der Frauenverführung, um diesen Stoff bezwingen zu können?
Herbert Fritsch Eben nicht! Bei mir macht keiner auch nur einen einzigen Stich.

tip Sie klingen beinahe erotikfeindlich?!
Herbert Fritsch Da berühren Sie ein grundsätzliches Problem. Ich bin der Auffassung, dass ich auf der Bühne ein Leben leben kann, das ich in der Realität nicht hinbekomme. Das empfinde ich als Glück des Theaters, als mein wahres Paradies. Die Bühne ist ein eigener, anderer Planet für mich. Mit dem Theater kann kein Privatleben konkurrieren.

tip Haben Sie bei Ihrer Arbeit eine Methode?
Herbert Fritsch Ja. Ich habe keine Lust auf Interpretationen. Manchmal läuft stundenlang etwas munter in die falsche Richtung, bis mir jemand sagt, dass ich die Szene nicht richtig verstanden habe. Das sind die schönsten Momente. Über Fehler passiert viel Gutes. Ich will nicht in ein Stück eine Message reindrücken, sondern ein Stück befragen. Meine „Methode“ besteht darin, den Text und die Musik zu strapazieren. So lange, bis sie mir das Stück erklären. Was dabei herauskommt, weiß ich erst, wenn ich fertig bin.

tip Zum Beispiel?
Herbert Fritsch Zum Beispiel, indem ich den Darstellern vorschlage, die ganze Szene auf dem Kopf stehend zu spielen. Das ist keine Idee, sondern eine Art Versuchsanordnung. Allerdings forsche ich nicht, sondern gehe nur meinen Gefühlen nach. Ich kenne auch keine Sänger, das sind für mich alles Schauspieler. Mein Vorbild ist Picasso, der gesagt hat: „Ich suche nicht, ich finde.“

tip Haben Sie „Don Giovanni“ schon einmal auf der Bühne gesehen?
Herbert Fritsch Ja, hier am Haus in der Inszenierung von Peter Konwitschny. Und früher einmal, als ich als Bühnenarbeiter an der Bayerischen Staatsoper gejobbt habe. Damals sang Ruggero Raimondi den Don Giovanni, das war Wahnsinn! Sehr dämonisch, er hat die Rolle als witzigen Teufel angelegt. Ich stand völlig fasziniert auf der Seite, sodass sie mich irgendwann rausgeschmissen haben. Ich musste mir damals Geld hinzuverdienen. In dem Münchner Kellertheater, wo wir „Die Lederköpfe“ spielten, bekam man nur zwei Mark fünfzig.

tip Ich hätte angenommen, dass Sie bei Mozart Pickel kriegen?
Herbert Fritsch Warum denn?! Ich höre privat in erster Linie klassische Moderne. Mit Anfang 20 war zwar Rock’n’Roll das Einzige, was für mich zählte. Das ist mir irgendwann zu sehr hochgekocht. Bei meinen Großeltern lief immer Wagner. Vom Jazz bin ich dann zu Debussy gekommen. Was ich derzeit großartig finde, sind sämtliche Streichquartette von Schostakowitsch. Die Aufnahme mit dem Borodin-Quartett habe ich gerade verschenkt. Die mit dem Emerson String Quartet habe ich behalten.

tip Sie sind auch Filmemacher, bei den Kurzfilmtagen Oberhausen war 2009 eine Retro­spektive von Ihnen zu sehen. Fehlt Video deswegen bei Ihnen im Theater?
Herbert Fritsch Ganz genau. Ganz bewusst! Erstens habe ich das Gefühl, dass Theater das großartigste Medium überhaupt ist. In einer Zeit, wo wir nur von Maschinen beherrscht werden, habe ich ein Faible dafür, dass man im Theater noch wirkliche, unverstellte Menschen sieht.

tip Sie sind eigentlich Purist?
Herbert Fritsch Theater muss pur sein. Ich will es von all dem technischen Schwachsinn frei halten. Deswegen versuche ich auch so weit wie möglich auf Requisiten zu verzichten. Ich glaube sogar, diese Unmittelbarkeit des Theaters wird, je moderner wir uns fühlen, immer mehr an Bedeutung gewinnen.

tip Sie haben lange an der Volksbühne gespielt. Wie haben Sie es geschafft, kein Castorf-Epigone zu werden? Durch Krach mit ihm?
Herbert Fritsch Ich war schon Schauspieler, als ich zu Castorf kam. Das Geheimnis Castorfs bestand darin, dass er den Schauspielern mehr Raum gegeben hat. Das Gute und zugleich Schmerzhafte an der Volksbühne war, dass man nie sagen konnte, was morgen ist. Natürlich haben wir öfters Krach gehabt. Muss auch so sein. Wenn man nach so einer intensiven Zusammenarbeit nicht irgendwann auseinandergehen würde, wär’s ungesund.

tip Ist diese Produktion ein Wendepunkt für Sie?
Herbert Fritsch Von außen gesehen. Ich dagegen würde sagen, ich mache immer Oper. Ich habe noch nie was anderes gemacht.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: David von Becker

Don Giovanni Komische Oper, So 30.11. u. Do 25.12., 18 Uhr; Sa 6.12. u. Mi 17.12., 19.30 Uhr; So 14.12., 16 Uhr; Karten-Tel. 47 99 74 00

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