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Interview mit Holger Klotzbach

Interview mit Holger Klotzbach

tip Herr Klotzbach, Sie wurden am 30. Januar 70, sind aber immer noch als Veranstalter tätig. Wann kommt die Rente?
Holger Klotzbach Wenn man mich mit den Füßen zuerst rausträgt! Die Arbeit macht nach wie vor ungeheuren Spaß . Außerdem habe ich wunderbare Mitarbeiter, die mir viele Aufgaben abnehmen. Und dann macht natürlich das Produkt Spaß. Wenn wir tolle Aufführungen haben und das Publikum jubelt, geht mir das Herz auf.

tip Die Konkurrenz ist in Berlin groß. Muss man als Veranstalter nicht fürchten, dass der eigene Laden auch mal leer bleibt?
Holger Klotzbach Ja, aber ich bin immer ein risikofreudiger Typ gewesen. Wenn es in der Diskussion mit unserem kaufmännischen Geschäftsführer darum ging, ob wir uns Aufführungen leisten können oder nicht, dann habe ich mich meistens auf die Seite der Kunst geschlagen. Mein damaliger Partner Lutz Deisinger – er ist jetzt einer der beiden künstlerischen Leiter – und ich haben diese beiden Theater nie gemacht, um reich zu werden. Uns interessierte dieses Genre: Unterhaltungskunst. Unser Ziel war immer, Unterhaltungskunst in Berlin auf einem möglichst hohen Niveau zu etablieren.

tip Was ist für Sie Unterhaltungskunst?
Holger Klotzbach Unser Schwerpunkt liegt auf Sangeskünstlern. Das paart sich auch mit Schauspielkunst. Wir haben Operetten gemacht, Musicals, Singspiele. Wir haben aber auch viele Solokünstler oder Gruppen, die singen. Etwa Pigor, Gayle Tufts oder die Geschwister Pfister. Unser Vorbild war immer – auch wenn wir viel kleiner sind – das „Olympia“ im 9. Arrondissement in Paris. Auch wenn wir nicht diese Chanson-Tradition haben, die es in Frankreich gibt, und man bei uns, im Unterschied zum „Olympia“, essen und trinken kann.

tip Das Tipi liegt sehr prominent am Kanzleramt, die Bar jeder Vernunft eher versteckt in Wilmersdorf. Macht das für die Programmgestaltung einen Unterschied?
Holger Klotzbach Die unterschiedliche Größe der beiden Orte ist entscheidend. Wenn wir zum Beispiel, wie ab Oktober mit „Frau Luna“ von Paul Lincke, eine Eigenproduktion machen, wo viele Leute auf der Bühne stehen, wir sehr viel Technik und entsprechend große finanzielle Mittel benötigen, dann realisieren wir das im größeren Tipi. Je nach Bestuhlung passen dort etwa 550 Leute rein. In der Bar jeder Vernunft, in die 260 Menschen passen, können wir experimenteller sein und auch jungen, weniger etablierten Künstlern eine Chance geben. Im Tipi dagegen müssen wir eher auf bewährte Pferde setzen. Hätten wir im Tipi mal vier Wochen keine Besucher, dann wären wir pleite.

tip Bekommen Sie keine Fördermittel?
Holger Klotzbach Eine institutionelle Förderung haben wir nie bekommen, wollten wir auch nie. Es gab nur ab und zu Fördermittel für Produktionen. Das erste Mal war das, als wir eine Klimaanlage in der Bar jeder Vernunft brauchten. Danach haben wir drei, vier Mal Geld für Eigenproduktionen bekommen. Für „Frau Luna“ gab es Geld von der Klassenlotterie und der Gasag. Sonst wäre das nicht zu stemmen. So eine Produktion kostet rund eine halbe Million Euro.

tip Sie kommen aus der linken Szene, waren Mitglied der anarchistischen West-Berliner Kabarettgruppe „Die 3 Tornados“, haben das schwarze Cafй und auch das Tempodrom mitgegründet. Jetzt sind Sie Kulturunternehmer mit rund 150 Beschäftigten.
Holger Klotzbach Vom Kopf her fühle ich mich der linken Szene immer noch sehr verbunden. Ich bezeichne mich manchmal als einer der wenigen anarchistischen Unternehmer dieser Stadt. Lange bevor es den Mindestlohn gab, habe ich hier Löhne gezahlt, die ein Auskommen sichern. Zumal bei uns alle Verantwortung tragen: Dass der Laden läuft und die Arbeitsplätze gesichert sind. Wären wir pleite, wären alle arbeitslos.

tip Aber Sie selber tragen schon mehr Verantwortung? Und verdienen auch mehr?
Holger Klotzbach Ich trage insofern etwas mehr Verantwortung, weil ich ein größeres finanzielles Risiko eingehe. Trotzdem verdiene ich nicht so viel. Wobei ich natürlich genug zum Leben habe, mir meine Zigaretten leisten kann und jeden Tag esse und trinke, was ich will. Außerdem habe ich eine schöne Wohnung in Berlin – keine Eigentumswohnung. Und ein Haus auf Sri Lanka. Das reicht. Geld zusammen zu raffen hat mich nie interessiert.

tip Ist es ein Widerspruch, dass die CDU zu ihrer Weihnachtsfeier ins Tipi lädt?
Holger Klotzbach Nein. Grundsätzlich können alle ihre Galas hier feiern. Allerdings haben wir letztens eine Anfrage der AfD abgelehnt. Da grenzen wir uns ab, wir hatten gerade eine Flüchtlings-Gala veranstaltet.

tip Was war das für eine Flüchtlings-Gala?
Holger Klotzbach Wir hatten uns im Sommer an den Verein „Gesicht zeigen“ gewandt, weil wir etwas für Flüchtlinge machen wollten. Der Verein hatte dann aus verschiedenen Flüchtlingsheimen syrische und afghanische Flüchtlinge eingeladen, insgesamt 500 Gäste, die von einem Busunternehmen abgeholt wurden. Für die hatten wir dann einen internationalen Nachmittag gestaltet, unter anderem mit dem Musik-Comedy-Ehepaar Carrington-Brown. Alle haben den Nachmittag sehr genossen, es war sehr bewegend, sehr toll.

tip Jenseits solcher Charity-Veranstaltungen scheinen gebuchte Galas für Sie ein wichtiges Geschäftsfeld zu sein?
Holger Klotzbach Ja. Es haben schon viele große Firmen hier gefeiert. Aber auch Schauspieler, Moderatoren, Politiker wie Klaus Wowereit oder der „regierende Friseurmeister“ Udo Walz luden zu ihren Geburtstagen ein. Im vergangenen Dezember, während der Gala-Hochsaison, hatten wir im Tipi und der Bar jeder Vernunft zusammen vielleicht 12 oder 16 Galas. Pro Jahr sind es derzeit cirka 80. Was auch daran liegt, dass wir uns in der Gastronomie gut weiter entwickelt haben und bis zu 1.200 Personen hochwertig verköstigen können.

tip Eigentlich sind Zelte, wie das Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft und das Tipi ja temporäre Orte, die auch wieder abgebaut werden können. Sie aber residieren mit diesen Veranstaltungsstätten jetzt bereits 23 beziehungsweise 13 Jahre am gleichen Ort. Höchste Zeit, jetzt mal was aus Stein zu bauen? So wie das Tempodrom?
Holger Klotzbach Nee! Never! Man kann aus dem Tempodrom, bei dem die Baukosten explodiert sind, nur lernen. Wenn man sich eine Immobilie ans Bein bindet, hat man meistens unglaubliche Bankverpflichtungen. Das wollen wir auf keinen Fall. Wir wirtschaften lieber nach Hausfrauenart und schaffen größere Dinge wie einen Flügel oder eine Tonanlage erst dann an, wenn wir auch das Geld dazu haben.

tip Gibt es etwas, was Sie als Betreiber der Bar jeder Vernunft und des Tipi unbedingt noch  realisieren möchten?
Holger Klotzbach Einmal ist es die Operette „Frau Luna“. Das Stück haben wir schon seit zwölf Jahren auf dem Schirm. Jetzt hat es endlich mit unserer Traumbesetzung geklappt: Die Geschwister Pfister, Pigor & Eichhorn, Cora Frost und Sharon Brauner und, und, und… . Eine Besetzung komplett aus den Darlings unserer Bühnen. Ein anderer Traum, der aber nie in Erfüllung gehen wird, wäre, mal Bette Midler hier auftreten zu lassen. Davon träumen wir, seit wir diese Läden machen.

Interview: Eva Apraku
Foto: David von Becker

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