• Kultur
  • Interview mit Jürgen Flimm

Kultur

Interview mit Jürgen Flimm

Interview mit Jürgen Flimm

Jürgen Flimm, geboren 1941 in Gießen, aufgewachsen in Köln, leitete von 1979 bis 1985 als Intendant das Schauspielhaus Köln, danach 15 Jahre lang das Hamburger Thalia-Theater. Von 2005 bis 2007 war er für die RuhrTriennale verantwortlich, von 2006 bis 2010 für die Salzburger Festspiele. Sein Vertrag an der Berliner Staatsoper endet 2018, nach acht Jahren, in denen die Staatsoper renovierungsbedingt im Schiller-Theater residierte.

tip Herr Flimm, seit Ihrem Anfang in Berlin vor fünf Jahren haben Sie wenig inszeniert. Jetzt sind gleich drei Neuproduktionen angekündigt, beginnend mit Mozarts „Nozze di Figaro“. Woher der Sinneswandel?
Jürgen Flimm Vereinbart mit Daniel Barenboim war eigentlich nur „Orfeo ed Euridice“ zur Eröffnung der Festtage im nächsten Jahr. Schönes Stück, da lasse ich mich nicht lange bitten. Dann hat plötzlich der Regisseur des „Figaro“ abgesagt, in fast letzter Minute. Da kamen alle auf mich zugestürzt: „Mensch, das hast du doch schon zwei Mal inszeniert!“ Da habe ich mich, als verantwortlicher Intendant, ebenfalls nicht lange bitten lassen. Und dann kommt noch ein kleiner Salvatore Sciarrino hinterher, das ist eine Co-Produktion mit Bologna. Die vier Kostümchen, die dafür nötig sind, machen wir hier. Das kriege ich auch noch hin. Ist ja kein „Wallenstein“.

tip Warum dann nicht früher?
Jürgen Flimm Ich war eigentlich froh, den Druck nicht mehr zu haben. Ich habe einige Jahre zuviel gemacht. Aber schließlich ist es doch so, dass die Arbeit für mich immer mehr abnimmt. Wir nähern uns dem Zeitpunkt, wo ich aufhöre. Ich kann wieder am Wochenende mal ein Stück lesen.

tip Mozarts „Figaro“ ist kein leichtes Werk. Die Oper hat, der revolutionären Gesinnungslage unerachtet, einen Hang zum Netten, oder?
Jürgen Flimm Finden Sie? Ich finde das nur wahnsinnig komisch. Der Graf, der da auf seinem „Recht der ersten Nacht“ besteht, ist völlig neben der Mütze. „He is a little bit silly“, nennt das der Sänger Ildebrando d’Arcangelo. Er jagt das ganze Stück hinter dem Rock von Susanna her. Und schafft und schafft es nicht – ähnlich wie Don Giovanni, der auch keine mehr ins Bett kriegt. Nur bei Susanna und Barbarina muss man vielleicht ein bisschen aufpassen, damit es nicht niedlich wird. Aber bei den Mädchen, die das bei uns singen, besteht da keine Gefahr. Die sind nicht von gestern.

tip Eine Ihrer besten Musiktheater-Arbeiten, Händels „Trionfo del tempo e del disinganno“, entstand ungeplant. Arbeiten Sie am Besten unter Stress?
Jürgen Flimm Das glaube ich nicht, obwohl es zutrifft, dass anstelle des „Trionfo“, den wir jetzt in Berlin im Programm haben, in Zürich ursprünglich Händels „Alcina“ geplant war. Nur bekam ich am Tag der Bauprobe einen Anruf von Alice Harnoncourt: „Nikolaus kann das Stück nicht dirigieren, er fühlt sich nicht gut.“ Der Intendant Alexander Pereira verteidigte sich: „Hätte ich es dir früher gesagt, hättest du abgesagt…“ Der alte Fuchs! Plötzlich hatte er sich mit Cecilia Bartoli auf Händels „Trionfo“ geeinigt – ich kannte das Stück nicht einmal. Dann eröffnete er uns, dass wir eine Woche früher fertig sein müssen. Also habe ich zum Bühnenbildner Erich Wonder gesagt: „Links nehmen wir die Tische aus meiner alten New Yorker ‚Traviata’-Konzeption. Und rechts baust du mir den Bar-Tresen aus Kubricks ‚Shining’.“ Dann haben wir in meinem Haus bei Hamburg gemeinsam über das Thema „Bar“ improvisiert. Da war von Stress nicht mehr das Geringste zu merken.

tip Als Sie Intendant am Schauspiel Köln waren, überließen Sie Moliиres „Menschenfeind“ Ihrem Kollegen Jürgen Gosch. Weil Sie ein so menschenfreundlicher Regisseur sind?
Jürgen Flimm Gewiss bin ich das. Wenn man mit Schauspielern und Sängern arbeitet, muss man die Leute gern haben, sonst kommt da nichts bei rum. Gegenüber denen, die letztendlich am Abend die Kohle ranschaffen, müssen Sie eine Atmosphäre herstellen, dass sie sich wohlfühlen. Das ist eine ganz alte Kiste. Ein solches Gruppengefühl überträgt sich dann auch auf die Zuschauer. Ich bin überhaupt ein Menschenfreund, ich war schon als Kind immer neugierig auf die schrägen Onkels, die am Wochenende zu Besuch kamen. Ich fahre auch gern mit der Straßenbahn. In Berlin natürlich mit der S-Bahn.

tip Werden Sie da angesprochen?
Jürgen Flimm Mich kennt doch keiner! Mich erkennen die Leute nur, wenn ich in die Paris-Bar gehe.

tip Die Intendanz an der Staatsoper war Ihr erster Job als Opernintendant. Wie war es möglich, dass Sie mit einem so machtvollen Generalmusikdirektor wie Daniel Barenboim klarkommen?
Jürgen Flimm Es war möglich, weil Daniel und ich uns in die Hand versprochen haben, dass wir uns vertragen werden. Wir haben es auch geschafft. Manchmal sind wir verschiedener Meinung, dann quasseln wir so ein bisschen. Intrigenwirtschaft ist zu anstrengend für mich. Das hatte ich in Salzburg genug. Barenboim ist, als ich meinen Schlaganfall hatte, immer zu mir ins Krankenhaus gekommen und hat 20 Minuten an meinem Bett gesessen. Es ist einfach mit jemandem umzugehen, der so klug ist.
tip  In Berlin stehen Sie bisweilen im Verdacht, ohne übergroße Ambitionen Ihr Amt zu führen. Haben Sie noch ein großes Ziel?
Jürgen Flimm Ja! Ich habe das alles hier etwas mehr in Richtung Zeitgenössisches gedreht. Wir haben das Neue Musik-Festival „Infektion!“ erfunden. Im Übrigen darf man nicht vergessen, dass das im Schiller-Theater eigentlich eine Neugründung war. Wir haben in der ersten Spielzeit wahnsinnige Probleme mit der Aulastung gehabt. Das Haus voll zu kriegen war Schwerstarbeit.

tip Was war Ihr kritischster Moment?
Jürgen Flimm Ich habe hier mal öffentlich etwas über Hertha BSC gesagt. Am nächsten Tag stand Olaf Freese, der Chef-Beleuchter, in der Tür und sagte: „Aufgepasst: Das hier ist ein FC Union-Theater.“ Wusste ich nicht. An dem Tag habe ich was dazugelernt.

tip Hat Ihr Schlaganfall 2013 Sie zu einem Umdenken gebracht?
Jürgen Flimm Ja, unbedingt. Ich arbeite nicht mehr so viel. Seit dem Schlaganfall rauche ich nicht mehr. Hätte nicht gedacht, dass ich das je schaffe. Ich passe auf mit den Zuckersachen und habe abgenommen wie blöde. Ich bin dankbar, dass meine Frau im Zug zwischen Hamburg und Berlin überhaupt realisiert hat, was los war.

tip Was war los?
Jürgen Flimm Man merkt bei einem solchen Vorfall keinen Schmerz. Nur der Arm hängt runter. Danach fühlt man sich eingelullt in eine Wolke von Wohlgefühl. Das kann tödlich sein. Ich habe mich zu meiner Frau umgedreht und gesagt: „Ich glaube, ich sterbe.“ Meine Frau meinte: „Du hast einen Schlaganfall gehabt“. Und ich: „Umso besser.“ Dann kam Spandau.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto:
Hermann und Clärchen Baus

Mehr über Cookies erfahren