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Interview mit Jürgen Kuttner

Interview mit Jürgen Kuttner

Jürgen Kuttner wurde bekant durch seine Radiosendungen („Sprechfunk“) und Videoschnipsel-Abende in der Volksbühne,die rasant Alltag, Politik, Assoziationen und Theoriesplitter mixen. Mit Tom Kühnel inszenierte er am Deutschen Theater unter anderem „Agonie“ und „Demokratie“.

tip Sie inszenieren zusammen mit Tom Kühnel „Tabula rasa“, eine selten gespielte Typenkomödie von Carl Sternheim, geschrieben 1916. Was ist das für ein Stück?
Jürgen Kuttner Das ist eine Art Gesellschaftsporträt, ich finde es ziemlich aktuell. Dass man das Stück heute kaum noch kennt, hat vielleicht mit der grassierenden Geschichtsvergessenheit zu tun. Diese 10er-Jahre der letzten Jahrhunderts, der Nach-Gründungszeit-Kapitalismus war in vielem ziemlich modern, mit den Sozialdemokraten im Parlament. Ein aggressiver Autor wie Sternheim ist einer der wenigen, der die Strukturen dieser Zeit so scharf beschreibt, dass das heute noch Geltung hat. Sternheim zeigt da zwei Männer, die in einer großen Glasfabrik als sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionäre zugange sind, heute vielleicht vergleichbar mit jemandem wie den Betriebsratsvorsitzenden von VW oder Porsche. Sie begreifen sich als Arbeitvertreter, aber sie haben ihre starken Eigeninteressen. Sie befürchten, dass es auffliegt, dass sie selber Aktien des Unternehmens besitzen und unverschämt viel Geld verdienen. Als Ablenkungsmanöver zetteln sie den Kampf um eine Arbeiterbibliothek an – so kommt eine schöne Komödie in Gang. Das ist ein gelungenes Porträt heutiger sozialdemokratischer Politik.

tip Sternheim selbst kommt aus besseren Kreisen, ein Bankierssohn, der in schloss­ähnlichen Anwesen wohnte, verheiratet mit einer Frau aus einer Industriellendynastie. Ein mondäner Snob aus der Oberschicht macht sich über Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionäre lustig. Ganz schön arrogant, oder?
Jürgen Kuttner Reichtum hindert ja nicht zwangsläufig daran, klug zu sein, auch wenn das vielleicht die Ausnahme ist. Friedrich Engels war Fabrikant und hat trotzdem die Lage der arbeitenden Klasse präzise beschrieben. Es führt nicht allzu weit, alles aus der Biografie eines Autors erklären zu wollen. Mit der Tatsache, dass Brecht ein teures Auto hatte und mit vielen Frauen zusammen war, lässt sich ein Stück wie die „Maßnahme“ nicht unbedingt erklären. Aber vielleicht kann Sternheim aus so einer un­­ge­- ?bundenen Position heraus Gesellschaft einigermaßen rücksichtslos beschreiben. Er muss nirgends dazugehören und mitmachen, er macht kein Betroffenen-Theater. Sternheim ekelt sich vor dieser verlogenen, stickigen Atmosphäre, die er im wilhelminischen Deutschland erlebt und durchschaut. Alle haben sich, den sozialdemokratischen Reden zum Trotz, eingerichtet in so einem plüschigen preußischen Mittelmaß. Er beschreibt ziemlich genau die Probleme der Arbeiterbewegung, die sich von dem Gedanken verabschiedet hat, eine wirklich gerechte Gesellschaft herzustellen, und nur irgendwie im Kleinbürgertum ankommen will. Er warnt die Leute davor, sich mit Margarine zufrieden zu geben, es muss Butter sein. Gerade weil er das gute Leben kennt, sagt er: Holt euch die echten Genüsse.

tip Für Industriearbeiter sind die Butter und der Mallorca-Urlaub kein Problem mehr. Die revolutionäre Gegenposition vertritt in Sternheims Stück der linksradikale Agitator Sturm – genauso eine Witzfigur wie die Funktionäre mit den lustigen Namen Ständer und Flocke.
Jürgen Kuttner Die Butter-Metapher funktioniert heute nicht mehr ganz so gut, das muss man zugeben. Aber ich glaube nicht, dass Sturm eine Witzfigur ist. Man muss bei Sternheim vorsichtig sein und nicht einfach alle Figuren nur als Karikaturen sehen. Sternheim karikiert das ganze Milieu, aber eine Figur wie der Berufsrevolutionär Sturm oder der gnadenlos egoistische Funktionär Ständer werden interessant, wenn man sie in ihren Widersprüchen ernst nimmt. Sternheims eigene Position ist ein radikaler, libertärer Individualismus, da schlägt die Nietzsche-Lektüre durch. Das passt zu dem Ayn-Rand-Abend, den wir am Deutschen Theater gemacht haben.  

tip Sternheims Blick auf seine Figuren ist angenehm empathiefrei. Er neigt sympathischerweise nicht zu Mitleid und Einfühlung. Gefällt Ihnen dieser kalte Blick?
Jürgen Kuttner Das macht erst mal Spaß. Das sind ausgestanzte Comedy-Figuren, die sich nicht unbedingt durch ein kompliziertes Innenleben und subtile Psychologie auszeichnen, Figuren wie Scherenschnitte. Das hat etwas von George Grosz, geschrieben aus einer Wut über diesen plüschigen Wilhelminismus, der massive Parallelen zu unserer Zeit aufweist. Wer in Prenzlauer Berg lebt, kann Sternheims großen polemischen Aufsatz „Berlin oder das Juste Milieu“ gut nachvollziehen. Juste Milieu ist für Sternheim ein Hassbegriff. Er beschreibt diese eigentümlich verstockte Mentalität, dieses langweilige, selbstzufriedene saturierte Mittelmaß, das sich weder für Vergangenheit noch für Zukunft interessiert, die Wutbürger, die verbissen ihre Sofagemütlichkeit verteidigen, mit harter Mitleidlosigkeit gegen diejenigen, die weniger haben.

tip Sternheim macht sich in „Tabula rasa“ darüber lustig, wie Arbeiter zu Kleinbürgern werden. Das könnte man auch positiv als sozialen Aufstieg in die Mittelschicht beschreiben. Ist es heute nicht umgekehrt: Die Mittelschicht hat Angst vor dem Abstieg?
Jürgen Kuttner Stimmt. Der Unterschied zu Sternheims Zeit ist, dass wir nicht mehr in einer Aufstiegsgesellschaft leben. Die Angst vor dem Abstieg ist ein Problem der Mittelschicht, die sich an ihre Besitzstände klammert. Was ist mit dem unteren Drittel? Die Mittelschicht will die hinteren Waggons mit den Verlierern abkoppeln und es sich in der zweiten Klasse gemütlich machen. Politik wird für die gemacht, die in der zweiten und der ersten Klasse sitzen, nicht für die Abgekoppelten.   

tip Die Perspektive der Wohlstandsgewinnler bringt Ständer gegenüber seinem Kollegen Flocke auf die schöne Formulierung: „Stumpf wie die Sau lebst du am Trog.“
Jürgen Kuttner Genau. Und von denen, die stumpf wie die Sau am Trog leben, sind die harten Gesellschaftsanalysen nicht zu erwarten. Ein anderer schöner Satz von Ständer geht so: „In der Sozialdemokratie ist nicht die Rede von Ach und Krach, kein Grund zur Aufregung.“ Damit könnte man heute jeden Parteitag eröffnen, erst recht als Regierungspartei. Sternheims Blick auf die Sozialdemokratie hat bis heute seine Schärfe behalten. Die Geschichte der Sozialdemokratie der letzten 20 Jahre ist die Geschichte jeder Menge nicht genutzter Chancen.

tip Die Sozialdemokratie hat dieses Land gerechter und das Leben von Millionen Menschen besser gemacht. Es ist ziemlich arrogant, das einfach wegzuwischen.
Jürgen Kuttner Wir inszenieren ja nicht ein Stück über 150 Jahre SPD. Den extremen, verabscheuungswürdigen Opportunismus der Sozialdemokratie beschreibt Sternheim präzise. Hartz IV oder der völker­rechtswidrige Bundeswehreinsatz in Jugoslawien, das ist sozialdemokratische Politik. Das sind einfach große Enttäuschungen. Mit einem ideologischen Begriff wie Realpolitik lässt sich alles entschuldigen: Krieg, Verelendung, Plünderung der Steuerzahler zur Rettung korrupter Banken … alles Realpolitik. Ich glaube nicht an die opportunistische Lüge, dass das alternativlos ist.

Interview:
Peter Laudenbach

Fotos: Arno Declair, Benjamin Pritzkuleit

Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf Deutsches Theater, Mitte, Do 11.+Fr 12.9., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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